Richard David Precht empfing Putin-Kenner: "Er lügt, um Lügner genannt zu werden."

Richard David Precht sprach in der neuen Ausgabe von "Precht" mit dem bulgarischen Star-Politologen Ivan Krastev. Der Putin-Kenner bot einen durchaus interessanten, "weiteren" Blick auf die Motive des russischen Angriffs als es sonst in deutschen Talkshows üblich ist. (Bild: ZDF / Juliane Eirich)
Richard David Precht sprach in der neuen Ausgabe von "Precht" mit dem bulgarischen Star-Politologen Ivan Krastev. Der Putin-Kenner bot einen durchaus interessanten, "weiteren" Blick auf die Motive des russischen Angriffs als es sonst in deutschen Talkshows üblich ist. (Bild: ZDF / Juliane Eirich)

Politikwissenschaflter und Putin-Kenner Ivan Krastev beehrte Richard David Precht mit einem Besuch. Im Vier-Augen-Gespräch mit dem zuletzt wegen seiner Ukraine-Aussagen umstrittenen deutschen Star-Philosophen erfuhr man mehr über Putins Russland, als in fast allen bisherigen deutschen Talkshows.

Mit dem bulgarischen Politikwissenschaftler und Putin-Kenner Ivan Krastev wollte Richard David Precht in der neuen Ausgabe seines ZDF-Talks klären, was den russischen Präsidenten wirklich antreibt und wie dieser Krieg - wahrscheinlich - enden wird. "Zeitenwende? - Die Welt nach dem Kriegsschock" war am späten Sonntagabend linear zu sehen und steht auch in der Mediathek bereit.

Wer in der Sendung auf steile Thesen des deutschen Star-Philosophen und Bestseller-Autors wartete, wurde enttäuscht. Der zuletzt wegen Aussagen im gemeinsamen Podcast mit Markus Lanz stark kritisierte Precht, der den Ukrainern empfahl, die Waffen niederzulegen, hielt sich diesmal zurück und nahm die Rolle des Fragenden ein. Das funktionierte, weil Ivan Krastev ein exzellenter Gesprächspartner ist, der einen deutlich "weiteren" Blick auf Russland, Putin und dessen Krieg bot, als es in anderen Sendungen mit deutschen Diskutanten üblich ist. Hier die wichtigsten Aussagen aus dem 45 Minuten-Talk.

"Er hat vor allem das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben." Für Ivan Krastev, der Putin schon persönlich getroffen hat, geht es beim Krieg gegen die Ukraine auch um das Vermächtnis eines Herrschers, der keinen Nachfolger hat. (Bild: ZDF / Juliane Eirich)
"Er hat vor allem das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben." Für Ivan Krastev, der Putin schon persönlich getroffen hat, geht es beim Krieg gegen die Ukraine auch um das Vermächtnis eines Herrschers, der keinen Nachfolger hat. (Bild: ZDF / Juliane Eirich)

Was sind Putins wahre Motive für den Krieg?

Putin sei besessen von der Idee, so Ivan Krastev, der Westen sei scheinheilig - und er sehe sich als Pädagoge, der diese Scheinheiligkeit aufdecken will: "Er lügt, um Lügner genannt zu werden - und zum Beispiel den Amerikanern sagen zu können: Ich lüge genau wie ihr auch. Was ist denn mit den Massenvernichtungswaffen im Irak? Ihr seid nicht besser als ich." Putin wolle der Welt eine Lektion erteilen und das sei wichtig zu wissen, um sein Handeln zu verstehen.

Ein weiteres Motiv Putins für einen aus Sicht fast aller internationaler Beobachter höchst irrationalen Krieg sei das Gefühl der Kränkung. Krastev erklärte Richard David Precht: "Putin ist völlig besessen von der Idee der Demütigung. Ständig redet er davon, dass Russland erniedrigt wird. Aber deshalb hat er jegliche Sensibilität für die Erniedrigung anderer verloren."

Ein drittes Motiv ist ein demografisches. In mehreren Rede, so Krastev, betonte Putin, dass es heute rund 500 Millionen Russen auf der Welt gäbe, hätten die Revolution, der Zweite Weltkrieg sowie der Zerfall der UdSSR nicht stattgefunden. Putin, obwohl ehemaliger KGB-Agent, träume eher vom Zarenreich als der Wiederkehr des Kommunismus. "Putin hat Angst vor einer schrumpfenden Bevölkerung. Die Geburtenrate ist niedrig, durch COVID gab es eine Million Tote in Russland." Krastevs These: Die einzige Möglichkeit, diese Verluste wieder aufzuholen, ist, wenn man die Ukrainer zu Russen macht. Richard David Precht fasst zusammen: "Putin braucht also nicht das Land, er braucht die Leute."

Diesmal redet sich Richard David Precht nicht um Kopf und Kragen - wie neulich im gemeinsamen Podcast mit Markus Lanz. In dem empfahl er der Ukraine, die Waffen niederzulegen, um sinnloses Sterben zu vermeiden. Dieser "Tipp" kam bei vielen nicht allzu gut an. (Bild: ZDF / Juliane Eirich)
Diesmal redet sich Richard David Precht nicht um Kopf und Kragen - wie neulich im gemeinsamen Podcast mit Markus Lanz. In dem empfahl er der Ukraine, die Waffen niederzulegen, um sinnloses Sterben zu vermeiden. Dieser "Tipp" kam bei vielen nicht allzu gut an. (Bild: ZDF / Juliane Eirich)

Warum hat Putin den Krieg gerade jetzt begonnen?

Putin wird im Oktober 70 Jahre alt. In den letzten Jahren, das war schon öfter zu hören, hat er sich weitgehend aus dem politischen Tagesgeschäft zurückgezogen, um historische Bücher zu lesen. "Putin ist ein alternder Herrscher im Kampf gegen die Zeit", so Krastev zu Precht. "Er hat vor allem das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben." Das Problem: Es gibt keine Nachfolgeregelung, da Russland keine Demokratie, aber auch keine Erbmonarchie sei. "Putins Kinder sind nicht Teil des politischen Systems." Insofern weiß niemand, wie es nach Putin weitergehen könnte.

An einen Sturz des Quasi-Diktators glaubt Krastev allerdings auch nicht. "Niemand wird Putin stürzen, wenn nicht eine Mehrheit der Menschen meint, dass er gescheitert sei. Sogar für einen Putsch im Kreml braucht man eine Änderung der Stimmung im Volk." Diese Stimmung ist offenbar, das bestätigen auch andere Russland-Kenner, nicht ausreichend negativ, um Putin ernsthaft in Gefahr zu bringen.

Ivan Krastev deckt das "völkische Denken" des russischen Angreifers auf: "Putin hat Angst vor einer schrumpfenden Bevölkerung. Die Geburtenrate ist niedrig, durch COVID gab es eine Million Tote in Russland." Richard David Precht fasst zusammen: "Putin braucht also nicht das Land, er braucht die Leute." (Bild: ZDF / Juliane Eirich)
Ivan Krastev deckt das "völkische Denken" des russischen Angreifers auf: "Putin hat Angst vor einer schrumpfenden Bevölkerung. Die Geburtenrate ist niedrig, durch COVID gab es eine Million Tote in Russland." Richard David Precht fasst zusammen: "Putin braucht also nicht das Land, er braucht die Leute." (Bild: ZDF / Juliane Eirich)

Wie wird der Krieg - wahrscheinlich - enden?

Dass sich der Krieg in einen atomaren Konflikt Russlands mit der NATO ausdehnt - ein Szenario, das in vielen Menschen seit Kriegsbeginn Ängste auslöst - hält Krastev für eher unwahrscheinlich. Keine Seite, so der Polit-Experte, wolle dies. Für am wahrscheinlichsten hält er ein "Korea-Szenario", das würde bedeuten: Es wird keinen Friedensvertrag geben, das Land wäre geteilt, die Ukraine wird zum eingefrorenen Konflikt, der für lange Zeit Bestand hätte. "Dieses Szenario ist höchstproblematisch, sowohl für Russland wie auch für die Ukraine", sagt Krastev. Die Sanktionen gegen Russland blieben bestehen, das Land würde leiden. Doch auch die Ukraine hätte wenig von diesem Szenario, da auch dort Instabilität herrschen würde. Viele Geflüchtete blieben in Ausland, das Land "entvölkere" sich, viele - gerade intelligente - Arbeitskräfte würden dem Land verloren gehen. Ein demografischer Aspekt, der nicht zu unterschätzen sei.

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