Rolf Emmerich über „Sommerblut“: „Das Festival war immer schon politisch“

Der Veranstalter über das Motto „Rausch“ und die Zusammenarbeit mit dem Maritim.

Herr Emmerich, Sie und ihre Kollegen haben das Maritim-Hotel, einen langjährigen Partner ihres Festivals, in einem offenen Brief dafür kritisiert, Ort des AfD-Parteitags zu sein. Wie ist das Verhältnis von Festival und Hotel jetzt?

Wir wollen die Kooperation fortsetzen, werden aber im Juni noch ein klärendes Gespräch führen. Sommerblut ist auf Partner wie das Maritim angewiesen, aber den AfD-Parteitag konnten wir nicht unkommentiert lassen.

Wir veranstalten schließlich ein inklusives Festival, unter Mitwirkung von Flüchtlingen, Menschen mit Behinderung, Sinti und Roma, Homosexuellen. Die Kette Maritim Hotels hat zugesagt, dass sie keine Räume mehr an die AfD vermieten wird, und das macht unser Festival auch zur Bedingung für die weitere Zusammenarbeit.

Theaterprojekt mit Flüchtlingen

Im Mittelpunkt von Sommerblut steht die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt. Wird das Festival vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse politischer?

Das Festival war immer auch schon politisch. Nehmen Sie zum Beispiel das diesjährige Projekt „Planet Heimat“, ein Theaterprojekt mit Flüchtlingen aus Syrien, Irak, Iran, Ukraine und Afghanistan, die dazu eigene Texte beitragen. Es geht um die Frage: Was brauche ich, um mich zu Hause zu fühlen? Es geht um Liebe, Freundschaften, Krieg. Ohne Politik und ihr Versagen, ohne das Verlangen nach Macht, wären die Mitwirkenden nicht in Köln.

Letztes Jahr fand im Rahmen von Sommerblut „Liebe verbindet“ statt, ein Konzert für Kölner und Flüchtlinge in der Philharmonie und mit anschließender Kundgebung am Dom. Wie blicken Sie darauf zurück?

Mit Gänsehaut. Der Abend hatte große Symbolkraft. Da war Vielfalt auf der Bühne: Fatih Cevikkollu hat moderiert, Hedwig Neven DuMont war Schirmherrin, Shahin Najafi, der Grenzenlos-Chor und viele weitere Musiker waren dabei.

Und da war Vielfalt im Publikum: Mit jedem verkauften Ticket wurde eine weitere Eintrittskarte für einen Flüchtling subventioniert. Die Philharmonie war voll, das heißt, wir konnten 1200 Flüchtlinge einladen. Am Dom haben alle gemeinsam „Unsere Stammbaum“ zusammen gesungen. Die Stadt war nach den Ereignissen der Silvesternacht 2015/2016 wie gelähmt und ich finde, dass Sommerblut mit dieser Veranstaltung dazu beigetragen hat, dass sich das wieder gewandelt hat.

Was erwartet die Zuschauer in diesem Jahr, in dem das Festival unter dem Motto „Rausch“ steht?

Es geht um die ganze Bandbreite dieses Begriffs und das zum Teil an ungewöhnlichen Orten. Das Theaterstück „Die Legende vom Heiligen Trinker“ wird in der Gaststätte „Durst“ an der Weidengasse aufgeführt. Da gehen nur 30 Leute rein, es wird also sehr intim. Im Gesundheitsamt am Neumarkt findet die szenische Lesung „No Way Out“ statt. Darin befassen sich Regisseurin Barbara Wachendorff und Schauspieler Stefan Herrmann mit dem Thema „Sucht“ – zusammen mit drogenabhängigen und substituierten Menschen und Mitarbeitern der Drogenhilfe.

Das ist, neben „Planet Heimat“ ein weiteres Beispiel dafür, dass Sommerblut gern Experten für ein Thema auf die Bühne holt. Das verspricht eine hohe Intensität.

Freude und Ekstase gehören dazu

Welche positiven Aspekte gewinnt das Festival dem „Rausch“ ab?

Totale Freude und Ekstase gehören ebenso dazu. Vor diesem Hintergrund ist der Tanz dieses Jahr eine besonders wichtige Sparte. Die Oriantheatre Dance Company aus Frankreich zeigt eine neue Choreographie zu Strawinskys „Das Frühlingsopfer“ (Le sacre du printemps), die sich – hochpolitisch – auch mit dem Thema Verhüllung des Körpers der Frau auseinandersetzt. Zudem steht erstmals eine reine Party auf dem Programm, „Nacht und Nebel und die Trommeln der Transzendenz“ im Artheater, mit elektronischer Musik und Videokunst von Kölner Künstlern.

Bekannt ist Sommerblut auch für experimentelle Formate zwischen den Genres. Was gibt es dieses Jahr zu entdecken?

Zum Beispiel „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, eine Literatur-Oper mit Angehörigen der Hochschule für Musik und Tanz. Basierend auf einem Roman von Franz Werfel geht es darin geht es um den Völkermord an den Armeniern. Der Protagonist gerät ganz plötzlich aus einem bürgerlichen Leben in Frankreich in einen Krieg in der Türkei. Es ist eine Verbindung aus Oper, Schauspiel und Literatur.

Sommerblut begeht bereits die 16. Ausgabe und steht doch eher im Schatten anderer Kölner Festivals. Wie wird Sommerblut wahrgenommen?

Wir sind kein Mainstream und das ist auch gewollt. Trotzdem würde ich mir mehr große Sponsoren und institutionelle Förderung wünschen. Wir werden nach 16 Jahren immer noch projektbezogen gefördert – von Stadt, Land und diversen Unternehmen. Das ist sehr kleinteilig und macht viel Arbeit, die ich lieber ins Programm stecken würde. Das ist so, obwohl ich mir mit den meisten Partnern einig bin, wie wichtig Sommerblut für die Stadt ist.

Wir leisten einen kulturellen Beitrag dazu, dass Rechte hier nicht Fuß fassen, und stehen für eine offene, vielfältige und inklusive Stadtgesellschaft.

Zur Person

Rolf Emmerich, Jahrgang 1956, leitet das inklusive Kulturfestival „Sommerblut“. Die Eröffnungsgala findet am 6. Mai im Comedia Theater statt. Noch bis 21. Mai stehen dann 35 Veranstaltungen an 24 Orten auf dem Programm, dazu gehören Theateraufführungen, Lesungen, Konzerte, Ausstellungen und Tanzveranstaltungen. Das diesjährige Schwerpunktthema des Festivals ist „Rausch“. Zum Programm gehört erstmals auch der „Tag der Begegnung“, der am 20. Mai in Kooperation von LVR und Sommerblut stattfindet. Zum Finale zieht am 21. Mai die Mad-Pride-Parade durch Ehrenfeld.

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