Russen kämpfen mit Kriegsfolgen

Moskau (dpa) - Die Menschen in Russland bekommen die Folgen des nun seit anderthalb Jahren dauernden Krieges gegen die Ukraine immer deutlicher zu spüren. Ein schwacher Rubel, sinkende Kaufkraft, weniger Export von Öl und Gas und immer höhere Ausgaben für Importe sind nur einige der Folgen einer Krise, über die russische Medien nun trotz der vielfach vom Staat unter Verschluss gehaltenen ökonomischen Daten offen berichten.

Thema sind auch die fehlenden Fachkräfte, weil etwa Migranten angesichts der Wirtschaftsprobleme und mitunter auch drohender Einziehung zum Kriegsdienst das Land verlassen.

Zwar verweist Kremlchef Wladimir Putin, der vor 18 Monaten am 24. Februar 20022 seine Invasion in der Ukraine begann und damit weltweit Turbulenzen auslöste, gern auf eine immer noch solide Wirtschaft. «Die aktuelle Haushaltssituation ist im Wesentlichen beständig und birgt keine Risiken für die makroökonomische Stabilität», sagte er erst am Dienstag. Bis Jahresende erwartet er aber ein Defizit von zwei Prozent, weil die Ausgaben höher sind als die Einnahmen.

Russland hält Sanktionen besser stand als erwartet

Auch westliche Wirtschaftsexperten in Moskau meinen, dass das Land im Grunde dem Sanktionsdruck besser standhalte als erwartet. Zahlreiche Regierungen haben Russland als Reaktion auf den Angriffskrieg mit harten Sanktionen belegt. Die russische Wirtschaft wächst sogar, während sie etwa in Deutschland laut Prognosen schrumpfen wird. Allerdings betonen die westlichen Ökonomen auch, dass Russland das Wachstum vor allem seiner Kriegswirtschaft und der massiv hochgefahrenen Produktion von Waffen und Munition zu verdanken habe. Nachhaltiges Wachstum sei das nicht.

Andere Wirtschaftsbereiche klagen hingegen über fehlende Aufträge und vor allem einen Mangel an Investitionen. Besonders die Anhebung des Leitzinses Mitte des Monats um 3,5 Punkte auf 12 Prozent habe der Wirtschaft einen Schlag verpasst und am Ende die Währung nicht stabilisiert, schrieb die russische Tageszeitung «Nesawissimaja Gaseta». Das nun hohe Zinsniveau führe vielmehr zu extrem teuren Krediten, was wiederum die Investitionsbereitschaft abwürge.

Mangel an Fachkräften

Umfragen der russischen Zentralbank von August zeigen, dass die meisten russischen Unternehmen ihre Produktion zurückfahren – den zweiten Monat infolge. Demnach beklagen die Unternehmen auch einen Mangel an Fachkräften – Hunderttausende Männer leisten Kriegsdienst – sowie Probleme mit der Logistik bei Lieferungen. Russland muss etwa für Devisen teuer Material und Ersatzteile einkaufen.

Weil der Zugang zur EU wegen der Sanktionen weitgehend geschlossen ist, führt das Land Waren aufwendig und teils unter Umgehung von Sanktionen über die Türkei, Georgien, Kasachstan und andere Länder ein. Der umständliche Transport, die Einfuhrzölle und eben auch ungünstige Wechselkurse zum Euro und Dollar verteuern viele Produkte und schwächen die ohnehin angeschlagene Kaufkraft weiter. Die Inflation gab die Zentralbank im Juli mit 4,3 Prozent an.

Im Sommer, da viele Russen in der Türkei oder teilweise auch noch in Spanien Urlaub machen, ist der Devisenkauf aktuell fast doppelt so teuer wie vor einem Jahr. Ein Euro kostete am 23. August 2022 rund 59,5 Rubel laut Kurs der Zentralbank, ein Jahr später mussten die Menschen am Mittwoch rund 103 Rubel hinlegen.

Dabei schwören kremlnahe Medien die Menschen inzwischen darauf ein, dass ein schwacher Rubel wohl von Dauer sein könnte. «So ist unser Devisenmarkt jetzt aufgestellt», heißt es in der Titelgeschichte zum Rubel der Wochenzeitschrift «Expert». Kritisiert wird da etwa, dass die Währung an der Börse zum Spekulationsobjekt geworden ist. «Aber in makroökonomischer Hinsicht gibt es keinen Grund zur Panik.» Öl sei weiter relativ teuer, geopolitisch sei die Lage unverändert.

Euro und Dollar fehlen

Klar ist aber auch, dass Russland inzwischen deutlich weniger Devisen einnimmt. Zum einen ist der Öl- und Gasexport wegen eines westlichen Boykotts und Preisdeckels zurückgegangen; zum anderen wickelt die Rohstoffgroßmacht den Verkauf teils in Rubel ab, was die Währung voriges Jahr stärkte. Nun aber fehlen Dollar und Euro. Da das Land seine Auslandsschulden zu über 90 Prozent in Westgeld begleichen muss, macht sich der Mangel an harter Währung bemerkbar.

Laut Zentralbank in Moskau muss Russland im Finanzjahr, das im April begann, binnen zwölf Monaten rund 130 Milliarden US-Dollar (rund 119 Mrd. Euro) an Schulden begleichen. Auch die Zahlung von Dividenden für russische Firmen im Ausland läuft demnach noch in Devisen.

Diskutiert werden daher wieder strengere Kontrollen des Kapitalabflusses. Laut Expertenschätzungen wurden 2022 rund 243 Milliarden US-Dollar an Kapital aus Russland abgezogen, 13,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

In den russischen Medien ist derweil vor allem Thema, dass viele Menschen für ihr Geld immer weniger Lebensmittel bekommen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen hat sich in den vergangenen zehn Jahren zwar fast verdoppelt laut Statistikbehörde Rosstat auf rund 48.000 Rubel (rund 470 Euro) im Monat. Unter Berücksichtigung von Inflation liege der Wert dieser Summe heute 6,5 Prozent unter der Kaufkraft von 2013, wie die «Nesawissimaja Gaseta» errechnet hat.

Experten: Kein Anlass für Optimismus

Für den vom Kreml gern versprühten Optimismus sehen Experten indes keinen Anlass. Für einen «starken und geachteten Rubel», der für Russlands Souveränität stehe, brauche es mehr Einsatz, zitiert das Blatt das Stolypin-Wirtschaftsinstitut. So könnten neue Auflagen für Unternehmen zum Pflichtverkauf von bis zu 90 Prozent ihrer Deviseneinnahmen aus dem Export die Währung stabilisieren.

Die russische Zentralbank verbot voriges Jahr zeitweise den Kauf von Valuta und wies Exporteure an, ihre Fremdwährungseinkommen in Rubel zu tauschen. Dies führte zu einem Überangebot an Dollar und Euro und zur Aufwertung des Rubels. Schon allein die jetzt diskutierte Rückkehr zu dem Instrument bremste den weiteren Kursverfall. Dauerhaft wirksam sei das nicht, so das Moskauer Stolypin-Institut. Es bestehe die Gefahr, dass die Lage außer Kontrolle gerate.