Nawalnys Vertraute sehen Leben des inhaftierten Kreml-Kritikers in Gefahr

Thibaut MARCHAND
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Nawalny während seines Prozesses im Februar

Schlafentzug, große Schmerzen und unzureichende Behandlung: Der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny hat am Donnerstag seine Haftbedingungen angeprangert und den Gefängniswärtern Folter vorgeworfen. Seine Mitarbeiter sehen das Leben des 44-Jährigen in Gefahr. Nawalny habe "starke Schmerzen" im Rücken und im rechten Bein, sagte seine Anwältin Olga Michailowa. "Alle fürchten um sein Leben und seine Gesundheit."

Er werde "durch Schlafentzug gefoltert", erklärte Nawalny in einer offiziellen Beschwerde, die auf seiner Website veröffentlicht wurde. Nachts werde er achtmal von den Wärtern geweckt, die ihn permanent filmten.

In einem zweiten Brief an die Strafvollzugsbehörde verlangte er eine gründliche Behandlung wegen seiner Schmerzen im Rücken und im rechten Bein. Dass sich sein Gesundheitszustand verschlechtere sei die "direkte Konsequenz des Handelns und der Untätigkeit" der Mitarbeiter im Strafvollzug, erklärte Nawalny.

Nawalny befindet sich derzeit in einem Straflager östlich von Moskau, nachdem er in einem viel kritisierten Verfahren im Februar zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war. Seine Anwältin, die ihn am Donnerstag in dem Straflager besuchte, zeigte sich äußerst besorgt.

Nawalnys Zustand sei "extrem problematisch". Sein Bein sei in einem "schrecklichen Zustand", sagte Michailowa. Nawalny habe bereits seit vier Wochen Schmerzen. Er verliere das Gefühl im Schienbein und könne sein rechtes Bein nicht benutzen.

Nawalny habe sich am Mittwoch einer Kernspintomografie in einem Krankenhaus außerhalb des Straflagers unterzogen, sagte Michailowa. Die Ärzte hielten die Diagnose aber zurück. Sie verlangte, dass Nawalny freigelassen und zur Behandlung nach Moskau gebracht wird.

Nawalnys Frau Julia appellierte an den russischen Präsidenten Wladimir Putin, ihren Mann frei zu lassen. "Was gerade passiert, ist persönliche Rache und Bestrafung", erklärte Nawalnaja im Online-Dienst Instagram. "Das muss sofort aufhören." Die Rückenschmerzen ihres Mannes hätten bereits im Moskauer Gefängnis angefangen und sich im Straflager von Pokrow weiter verschlimmert.

Vertraute des Kreml-Kritikers hatten sich bereits am Mittwoch besorgt über dessen Gesundheit geäußert. Seinen Anwälten wurde der Zugang zu dem Straflager im hundert Kilometer von Moskau entfernten Pokrow aber zunächst verwehrt, sie durften ihn erst am Donnerstag besuchen.

Zuvor hatte die russische Gefängnisbehörde mitgeteilt, Nawalny sei untersucht und sein Zustand sei als "stabil und zufriedenstellend" bewertet worden. Der Kreml erklärte, er verfolge die Berichte über Nawalnys Gesundheitszustand nicht und habe auch keine Informationen dazu bei der Gefängnisbehörde angefordert.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Manuel Sarrazin rief die Bundesregierung auf, sie müsse vom Kreml "volle Transparenz" über Nawalnys Gesundheitszustand einfordern. "Die Berichte über den Gesundheitszustand von Alexej Nawalny erfüllen uns mit großer Sorge", erklärte Sarrazin. "Man kann den Eindruck gewinnen, dass die teilweise Genesung nach der Nowitschok-Vergiftung revidiert werden soll."

Nawalny war im vergangenen August in Russland Opfer eines Giftanschlags geworden, für den er den russischen Geheimdienst und den Kreml verantwortlich macht. Der Widersacher von Präsident Wladimir Putin wurde nach Deutschland geflogen und in der Berliner Charité behandelt. Unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Russland im Januar wurde Nawalny dann festgenommen.

Wegen angeblicher Verstöße gegen seine Bewährungsauflagen wurde er im Februar zu mehr als zweieinhalb Jahren Haft in einem Straflager verurteilt. Nawalny ist in der berüchtigten Strafkolonie Nr. 2 in der Kleinstadt Pokrow inhaftiert. Im Onlinedienst Instagram bezeichnete er die Einrichtung kürzlich als "Konzentrationslager". Die USA und die EU hatten wegen des Vorgehens gegen Nawalny Anfang März Sanktionen gegen Russland verhängt.

ck/