Russische Hacker geben sich als IS aus - und bedrohen Familien von US-Soldaten

Angela Ricketts vor einem Screenshot der Drohnachricht, die sie von vermeintlichen Hackern des sogenannten IS erhalten hatte. (Bild: AP Photo/Michael Conroy)

Russische Hacker beeinflussten den amerikanischen Wahlkampf, indem sie sich als Terroristen ausgeben.

Mit einer Nachricht kurz vor Valentinstag begann es: “Liebe Angela! Bloody Valentine’s Day!” stand in der Nachricht auf Angela Ricketts Telefon. Es war der 10. Februar 2015 und der Absender der Nachricht lautete “CyberCaliphate”. “Wir wissen alles über dich, deinen Mann und deine Kinder”, ging die Nachricht weiter. “Wir sind viel näher an dir dran, als du dir jemals vorstellen könntest.”

Liz Snell war ausgerechnet bei der Pensionierungsfeier ihres Mannes, als sie die Nachricht erreichte, dass der Twitter-Account ihrer Wohltätigkeitseinrichtung “Military Spouses of Strength” gehackt wurde: Die Drohnachrichten, die danach von dieser Seite versandt wurden, erreichten sogar die damalige First Lady Michelle Obama.

Neben Ricketts und Snell erhielten zur selben Zeit noch drei weitere Ehefrauen amerikanischer Soldaten Drohnachrichten. Neben den Berufen ihrer Ehemänner hatten sie vor allem eines gemeinsam: Sie treten öffentlich als Soldatenfrauen auf und sprechen über den Beruf ihrer Männer und die Folgen, die sich daraus für ihre Familien ergeben.

Alle Betroffenen zogen aus den Drohnachrichten dieselben Schlüsse: Der Konflikt mit dem sogenannten “Islamischen Staat” habe nun auch die Familien der Soldaten erreicht. Die Art der Bedrohung sei im Begriff, sich zu verändern, sagte Ricketts dazu in einem Interview mit dem TV-Sender Fox News. Der Krieg finde nicht länger nur zwischen den Soldaten statt, sondern erstrecke sich nun auch auf Rachedrohungen gegenüber deren Familien und Kindern.

“Wir sollen uns fürchten”, schrieb Amy Bushatz, die für “military.com” über die Familien von Soldaten berichtet, über die Motivation der Hacker. “Es ist wirklich eine andere Welt, oder?”, kommentierte die Moderatorin von Fox News im Gespräch mit Ricketts. “Man erwartet für gewöhnlich nicht, dass der Krieg zu einem nach Hause kommt.”

Angst vor islamistischem Terror schadet der Demokratie: Auch in Deutschland treibt die als „APT28“ oder „Fancy Bear“ bekannte russische Gruppe ihr Unwesen. (Bild: Getty Images/Sean Gallup)

Nun berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press, dass es sich bei den vermeintlichen Hackern des sogenannten “Islamischen Staats” mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine russische Gruppe handle. Die Organisation, die unter den Namen “APT28” oder “Fancy Bear” bekannt ist, steht offenbar in Verbindung zur “CyberCaliphate”-Gruppe, welche die Drohnachrichten an die Frauen verschickt hatte. Bei “APT28” handelt es sich wiederum um dieselbe Gruppe, welche die Affäre um Hillary Clintons E-Mails öffentlich gemacht hatte.

Was war das Ziel der russischen Hacker? Offenbar, die Bedrohung der amerikanischen Gesellschaft durch den militanten Islam zu dramatisieren. Und was könnte sich dafür besser eignen, als die Familien von Soldaten, die sich derartigen Drohungen nicht beugen, sondern ihnen trotzen?

“Niemals hätte ich vermutet, dass es die Russen waren”, sagt Ricketts dazu heute. Sie nennt die Enthüllung “überwältigend”. Denn mit ihrer Reaktion spielten sie und alle anderen Betroffenen den Angreifern direkt in die Hände. “Nicht nur haben wir ihnen genau in die Hände gespielt, sondern die Medien auch. Wir haben genauso reagiert, wie sie wohl gehofft hatten.” Ein kluger Schachzug, der maximale Medienberichterstattung verspricht: Tagelang berichteten amerikanische Medien danach über die Bedrohung der Demokratie durch radikalen politischen Islam.

Die Trolle hatten zuvor bereits Falschmeldungen über einen angeblichen Angriff des IS in Louisiana verbreitet sowie ein gefälschtes Video, in dem ein amerikanischer Soldat scheinbar auf einen Koran zielt. Das Ziel ist in allen Fällen eindeutig: Indem die Öffentlichkeit mit Meldungen über gewaltbereite Islamisten in einem Zustand permanenter Angst gefangen ist, steigt die Bereitschaft für radikale politische Alternativen. Das schwächt die Demokratie insgesamt – was wiederum die Interessen antidemokratischer Akteure wie Russland bedient.

Auch Deutschland wurde bereits zur Zielscheibe: Ende Februar drangen Hacker in das Datennetzwerk des Bundes und der Sicherheitsbehörden ein. Laut der Deutschen Presse-Agentur (dpa) steht auch in diesem Fall die Gruppe “Fancy Bear” oder “APT28” unter Verdacht, auf deren Konto bereits der Angriff auf den Bundestag vor drei Jahren ging.