Russischer Ex-Ministerpräsident: "Die baltischen Staaten sind als nächste dran."

Er war Wladimir Putins erster Ministerpräsident, aber Michail Kasjanow hätte sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können, dass sein ehemaliger Chef einen umfassenden Krieg gegen die Ukraine entfesseln würde.

In einem Interview sagt Kasjanow, der von 2000 bis 2004 russischer Ministerpräsident war, er rechne damit, dass der Krieg bis zu zwei Jahre dauern könne, sei aber überzeugt, dass Russland auf einen demokratischen Weg zurückkehren könne.

Der 64-Jährige, der sich als Ministerpräsident für enge Beziehungen zum Westen einsetzte, sagte, dass er wie viele andere Russen in den Wochen vor dem Krieg nicht daran glaubte, dass dieser tatsächlich beginnen würde.

Kasjanow begriff erst, dass Putin nicht bluffte, als der drei Tage vor der Invasion am 24. Februar die oberste Führung des Landes zu einer theatralischen Sitzung des Sicherheitsrates zusammenrief.

Ich kenne diese Leute, und ich sehe, dass Putin nicht mehr ganz bei Sinnen ist. Nicht im medizinischen Sinne, sondern in politischer Hinsicht.

Nachdem er 2004 mitsamt seinem Kabinett von Putin entlassen worden war, schloss sich Kasjanow der russischen Opposition an und wurde zu einem der schärfsten Kritiker des Kremls. Heute ist er Vorsitzender der oppositionellen Partei "Volksfreiheit", kurz Parnas.

"Völlige Gesetzlosigkeit"

Kasjanow sagte, Putin, ein ehemaliger KGB-Agent, der im Oktober 70 Jahre alt wird, habe es in den letzten 20 Jahren geschafft, ein System aufzubauen, das auf Straflosigkeit und Angst basiert.

Das sind die Errungenschaften eines Systems, das mit Putin als Staatschef begonnen hat, noch zynischer und grausamer zu agieren als in der Endphase der Sowjetunion.

"Im Wesentlichen handelt es sich um ein KGB-System, das auf völliger Gesetzlosigkeit beruht. Es ist klar, dass sie keine Bestrafung erwarten." so Kasjanow. Er habe Russland wegen des Krieges verlassen und lebe in Europa, und will aus Sorge um seine Sicherheit seinen Aufenthaltsort nicht bekannt geben.

Sein enger Verbündeter und Oppositionspolitiker Boris Nemzow wurde 2015 in der Nähe des Kremls erschossen. Putins bekanntester Kritiker Alexej Nawalny, 46, wurde 2020 mit einem Nervenkampfstoff vergiftet und befindet sich nun im Gefängnis.

Kasjanow glaubt, der Krieg könne bis zu zwei Jahre dauern und dass die Ukraine unbedingt gewinnen müsse.

Wenn die Ukraine fällt, werden die baltischen Staaten die nächsten sein.

Der Ausgang des Krieges werde auch über die Zukunft Russlands entscheiden, den Ansatz des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, Putin dürfe nicht gedemütigt werden, lehnt er "kategorisch" ab. Er wies auch Forderungen zurück, die Ukraine solle Territorium abtreten, um den Krieg zu beenden.

Kasjanow glaubt, dass Putin schließlich durch einen von den Sicherheitsdiensten kontrollierten "Quasi-Nachfolger" ersetzt werden wird. Aber ein Nachfolger werde nicht lange in der Lage sein, das System zu kontrollieren, und schließlich werde Russland freie und faire Wahlen abhalten, so der ehemalige Ministerpràsident und heutige Oppositionelle..

Er schätzte, dass es etwa ein Jahrzehnt dauern wird, um das Land zu entkommunisieren" und zu entputinisieren".

Es muss eine "Ent-Putinisierung" Russlands geben. Es wird zehn Jahre brauchen, um das Vertrauen mit der zivilisierten Welt wiederherzustellen.

"Diese Tragödie wird die Opposition einen"

Kritiker haben der russischen Opposition in der Vergangenheit vorgeworfen, hoffnungslos gespalten zu sein, doch Kasjanow zeigte sich zuversichtlich, dass sich die Dinge nun ändern werden.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass sich die Opposition nach dieser Tragödie jetzt einen wird.

Die Russen stünden vor der gewaltigen Aufgabe, ihr Land wieder aufzubauen. "Alles muss von Grund auf neu aufgebaut werden. Im Grunde genommen sollte eine ganze Reihe von wirtschaftlichen und sozialen Reformen von vorne beginnen." so Kasjanow.

Bereits im März 2015 forderte Kasjanow in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit den Westen auf, in der Ukraine-Krise gegenüber Präsident Putin hart zu bleiben und die Sanktionen gegen Russland aufrechtzuerhalten, ansonsten würde der Westen später einen viel höheren Preis zahlen müssen.

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