Südtirol: Fremd im eigenen Land

Karin Finkenzeller

Seit genau 100 Jahren ist Südtirol Teil Italiens. Warum wählen in dieser reichen Provinz noch immer viele Menschen die antieuropäische Lega-Partei von Matteo Salvini?

Die Lega von Matteo Salvini (rechts) regiert in Südtirol noch mit. © William C. Y. Chu, Alessia Pierdomenico/​Bloomberg/​Getty Images

Christoph Mitterhofer nennt es "das Prinzip vom Schmied und vom Schmiedl". Der Schmied sei der Chef, der Schmiedl sein Gehilfe, erklärt der junge Obstbauer, der für die Partei Süd-Tiroler Freiheit (STF) im Gemeinderat von Meran sitzt. "Die Leute haben hier die Partei von Matteo Salvini gewählt, weil die auch in Rom in der Regierung war und etwas zu sagen hatte. Wir werden dagegen nur als Handlanger betrachtet, die nichts bewirken können." Beide Parteien argumentieren tatsächlich in vielen Fragen ähnlich, vor allem wenn es darum geht, die Einwanderung abzulehnen.

Seit Salvinis Lega bei der Landtagswahl im Herbst 2018 ihren Stimmenanteil auf 11,1 Prozent mehr als vervierfachte und in der Provinzhauptstadt Bozen sogar stärkste Kraft wurde, regiert sie in Südtirol mit – in einem Bündnis mit der konservativen Volkspartei (SVP). Das soll auch so bleiben, trotz der veränderten politischen Verhältnisse in Rom. Der neuen italienischen Regierung aus Fünf-Sterne-Bewegung und Sozialdemokraten haben die Verantwortlichen in Südtürol das Vertrauen verweigert. Die Südtiroler SVP-Abgeordneten haben sich bei der Vertrauensabstimmung über die neue Koalition in Rom demonstrativ enthalten.

Dass eine rechte, erklärtermaßen antieuropäische Partei in diesem Landstrich großen Zuspruch erhält, mag auf den ersten Blick überraschen. Denn die deutschsprachige Bevölkerungsmehrheit sucht ihre Identität gerne auf europäischer Ebene. Gerade in diesen Tagen, da sich die Zugehörigkeit Südtirols zu Italien zum 100. Mal jährt.

Obstbauer Mitterhofer: Migranten sind nicht sein Porblem. Nur 30 Cent bekommt er für das Kilo Äpfel. © Karin Finkenzeller/​Andere

Am 10. September 1919 wurde der Vertrag von Saint-Germain unterzeichnet, der die Zerschlagung des Kaiserreichs Österreich-Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg besiegelte und Italien für seine Opfer im Alpenkrieg entschädigen sollte. Auch Fremdenfeindlichkeit scheint im Widerspruch zu stehen zu einer Autonomieregelung, die – Gedenktag Nummer zwei – seit 50 Jahren als beispielhaft gilt für das friedliche Miteinander verschiedener Sprach- und Kulturgruppen. Südtirol ist zudem die reichste Provinz Italiens, es herrscht fast Vollbeschäftigung.

Doch wer in diesem Spätsommer durch Südtirol reist, vorbei an den größten zusammenhängenden Obstplantagen Europas zwischen Bozen und Meran, hinein in die dünn besiedelten Gebirgstäler oder in die pulsierende internationale Stadt Bozen, der erlebt auch das Trennende. Da sind zwar sämtliche Hinweisschilder, Reklamen und Informationstafeln auf Italienisch und Deutsch betextet. Aber Eltern müssen entscheiden, ob sie ihre Kinder in italienisch- oder deutschsprachige Kitas oder Schulen schicken. Gemischtsprachigen Unterricht gibt es kaum. 

Jeder Südtiroler muss sich zu einer Sprachgruppe bekennen

Jeder Südtiroler und jede Südtirolerin muss sich zu einer Sprachgruppe bekennen, und Stellen im öffentlichen Dienst werden streng nach Proporz vergeben. Das ist oft frustrierend für "die Italiener", wie man hier die Zugezogenen aus den südlichen Landesteilen nennt. Sie fühlen sich nämlich nicht repräsentiert von den Politikerinnen und Politikern der SVP, die sich selbst als ethnische Sammelpartei der Deutschsprachigen und der ladinischen Minderheit – der dritten Ethnie Südtirols – versteht. Auf der anderen Seite haben viele der "Deutschen" Angst um ihren Sonderstatus in Italien, weil ihnen in ganz Südtirol 1.500 Asylbewerber angeblich Konkurrenz machen. Deshalb hat die Lega auch von ihnen Stimmen bekommen.

Allerdings sagt sogar der STF-Rat Mitterhofer, die Migranten seien nicht das größte Problem. Er schaut von seinem Hof in Meran hinüber zu seinen Apfelplantagen, deren Ernte bald zum großen Teil bei Lidl zu kaufen sein wird. Dass er für ein Kilo Golden Delicious nicht einmal mehr 30 Cent bekommt und neue, widerstandsfähige Apfelsorten für den Export bis nach Indien anbauen muss, treibt ihn gerade mehr um. Auch der Straßenverkehr und der Mangel an produzierendem Gewerbe müssten angegangen werden. Dennoch sagt er: "Wir brauchen eine Obergrenze für Einwanderer." Noch lieber wäre dem 27-Jährigen eine Loslösung Südtirols von Italien und ein Zusammenschluss mit Österreich. Sein inzwischen 87-jähriger Großvater versuchte den in den Sechzigerjahren noch mit Bombenanschlägen zu erzwingen. "Es sollten die Menschen zusammenleben dürfen, die zueinander passen."

Bei der Europawahl im vergangenen Mai hat die Lega in Südtirol sogar noch einmal zugelegt, auf 17,5 Prozent. "Wenn die Menschen an den Staat denken, dann denken sie an Geografie. An etwas, das von einer Grenze umrissen ist", sagt Arno Kompatscher. Der SVP-Politiker ist der Landeshauptmann Südtirols, wie hier der Regierungschef heißt. Der Schock, meint er, dass ein Staat nicht darüber entscheiden könne, wer über die Grenze kommen dürfe, habe die Wähler in die Arme Salvinis getrieben. Das sei sein Erklärungsversuch. Aber er fragt sich: "Wie holt man diese Menschen in ihrer Verunsicherung ab, ohne dass man selbst behauptet, das sei tatsächlich das Hauptproblem? Was absurd ist."

Abwanderung ist ein größeres Problem als Einwanderung

Tatsächlich hat Italien ein sehr viel größeres Problem mit der Abwanderung als mit den Einwanderern. Zuletzt hat das Land jedes Jahr eine Großstadt verloren. 2018 verließen erneut rund 120.000 Italiener das Land, so viele wie zuletzt während der großen Auswanderungswelle zwischen 1960 und 1970. Vor allem junge und mit Steuergeldern gut ausgebildete Leute kehren Italien den Rücken. Auch Südtirol ist davon betroffen. Weshalb die Handelskammer in Bozen in diesem November Aktionstage an den Universitäten in München, Graz und Wien veranstaltet, um die verlorenen Töchter und Söhne zurück zu locken.

"Das ist die Anti-Braindrain-Geschichte. Ich sage aber, dazu brauchen wir noch Braingain", betont Kompatscher. "Wir müssen ganz einfach auch gezielt Menschen in anderen Ländern anwerben."

Das Gespräch mit dem Regierungschef findet nach der Premiere eines Films statt, der sich mit der Identität Südtirols 100 Jahre nach dem Vertrag von Saint-Germain beschäftigt. Der Andrang ist riesig, nicht alle Interessierten finden Platz im Bozener Filmclub. Jetzt, im leeren Kinosaal, ist es Kompatscher ein Anliegen, seine Distanz zu Salvini zu unterstreichen. Er habe den Südtiroler Lega-Kollegen einen Vertrag samt Wertekatalog abgerungen, der jegliche Diskriminierung verbiete und eine proeuropäische Ausrichtung verlange. "Es gab keine Entgleisungen. Wir hätten jetzt auch inhaltlich keinen Grund, die Zusammenarbeit aufzukündigen."

Der Sohn einer Hebamme und eines Schmieds aus Völs am Schlern östlich von Bozen ist mit seinen 48 Jahren ein junger Landeshauptmann. Er ist in einigen Fragen liberaler als die Altvorderen seiner Partei, die jahrzehntelang die absolute Mehrheit der 35 Abgeordneten im Südtiroler Landtag stellten. Damals gingen sie Bündnisse mit einer italienischen Partei nur wegen der Vorgaben des Autonomiestatus ein. Der sieht vor, dass in der Regierung sowohl die deutsche als auch die italienische Sprachgruppe vertreten sein müssen. Vor der Wahl 2018 regierte im Landtag die Partito Democratico an der Seite der SVP. Doch nach schweren Stimmenverlusten blieb als Mehrheitsbeschaffer nur die Lega von Salvini, den Kompatscher einen "Hassprediger mit Rosenkranz" nennt.

Keine Zusammenarbeit mit den Linksliberalen

Eine Alternative zum Bündnis mit der Lega wäre die Zusammenarbeit mit der neuen linksliberalen Gruppierung des ehemaligen IT-Unternehmers Paul Köllensperger gewesen. Dass er von seiner Partei das O. K. dafür bekommen hätte, bezweifelt Kompatscher jedoch. Obwohl Köllensperger bereit war, eines der sechs auf Anhieb gewonnenen Landtagsmandate an einen italienischsprachigen Nachrücker abzutreten und so die Bedingung des Autonomiestatuts einzuhalten. "Da gibt es bei uns noch sehr unterschiedliche Ansichten, wie weit nach links man sich bewegen will." Und wie weit man sich als Gesellschaft öffnen will für ein wahres Miteinander der Kulturen.

Köllensperger kritisiert das aktuelle Bündnis mit der Lega: "Das ist, als würde in Deutschland die AfD mitregieren." Vor der Gründung seiner eigenen Bewegung war er Mitglied der Fünf-Sterne-Bewegung. Er habe sie auch wegen der Koalition in Rom mit Salvinis Lega verlassen, sagt er. Der 49-Jährige sitzt vor einem Café am berühmten Obstmarkt in Bozen, vor sich ein Glas Hugo, den Südtiroler In-Aperitif aus Weißwein, Minze, Zitrone, Holunderblütensirup und Sprudel. Passanten erkennen ihn und grüßen den Mann, der ihnen die kulturelle Vielfalt der Provinz als Stärke anpreist und die Barrieren zwischen den beiden Sprachgruppen aufbrechen will. "Die Jungen sind längst weiter als die Politik", sagt er. "Man gibt die Wurzeln nicht auf, wenn man dem Baum mehr Möglichkeiten gibt zu wachsen."

Doch noch gibt es starke Beharrungskräfte in Südtirol. Künftig wollen die SVP-Abgeordneten Punkt für Punkt entscheiden, ob sie die Regierung in ihren Vorhaben unterstützen. Die Fünf-Sterne-Bewegung sei autonomiefeindlich, sagen sie. Einen wichtigen Beleg dafür sehen sie in der gesetzlichen Vorgabe, dass alle neu eingestellten Ärzte und Pfleger in Südtirol die italienische Sprache beherrschen müssen.