Sabbatical: So wirkt sich eine längere Auszeit vom Job aus

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

Nicole Bittger und Claudia Sittner haben sich das getraut, wovon viele träumen: Sie haben sich eine Auszeit vom Job genommen und die Welt bereist. Im Rahmen ihres Projekts "Modern Sabbatical" halten sie nun Vorträge zu diesem angesagten Thema und schreiben an einem Buch. Warum es sich lohnt, Ängste hinter sich zu lassen und einfach aufzubrechen, erzählt Claudia Sittner im Interview.

Claudia Sittner und Nicole Bittger geben auch Workshops und halten Vorträge zu Themen wie Sabbatical und Weltreise. (Bild: Modern Sabbatical)

Yahoo Style: Was sind denn die klassischen Motive, aus denen heraus sich Menschen für ein Sabbatical entscheiden?

Claudia Sittner: Ich wollte die Welt sehen und kam mir vor wie im Hamsterrad. Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht und die Tage alle gleich sind. Dass ich im Grunde genommen gar nichts erlebe, woran ich mich später erinnern könnte, sondern nur so vor mich hinarbeite und funktioniere.

Was sind die größten Bedenken bezüglich eines Sabbaticals?

Das kann ich mir nicht leisten! Was sagt meine Familie? Was ist mit meiner Rente? Was sagt mein Chef dazu? Und natürlich: Wie soll ich das organisieren? Das ist ein großes Projekt, das viele Leute schnell überfordert. Dabei muss es gar nicht so kompliziert sein. Mein Freund und ich haben uns relativ spontan und nur fünf Monate vor dem Start zu unserer einjährigen Weltreise entschieden und genau vier Sachen vorher gebucht: Ein Around-the-World-Ticket, die erste Unterkunft, einen Spanischkurs in Buenos Aires und eine Tauchsafari auf den Galapagos-Inseln. Alles andere haben wir währenddessen gebucht.

Wie schwierig ist es denn, vom Chef oder der Chefin ein Sabbatical genehmigt zu bekommen?

Kein Chef sieht es gerne, wenn ein Mitarbeiter länger weggeht. Von daher ist es immer eine Herausforderung. Ich weiß von einem großen Hamburger Unternehmen, bei dem der oberste Chef die Mitarbeiter persönlich antanzen lässt. Die müssen dann in einer Powerpoint-Präsentation erklären, warum gerade sie das jetzt verdient haben. Das schreckt natürlich viele ab. Mein Lieblingsargument ist, dass es organisatorisch nichts anderes ist als Elternzeit. Ein Kind zu bekommen ist genauso eine Lebensentscheidung wie ein Sabbatical zu machen. Außerdem gibt es auch Leute, die keine Kinder bekommen können. Warum sollte man die benachteiligen?

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Inwieweit kann eine längere Auszeit einem gerade auch beruflich weiterhelfen?

Man wird viel offener im Umgang mit anderen Menschen, traut sich mehr, wird selbstbewusster und geerdeter, weil man sieht, wie Menschen anderswo leben. Man regt sich weniger über Alltägliches auf und gewinnt so ein Urvertrauen, weil man lernt, dass man auch schwierige Situationen gut übersteht. Mein Freund und ich haben in unserem Sabbatical auch einen Blog gestartet, für den ich mich viel mit technischen Themen wie Suchmaschinenoptimierung auseinandergesetzt habe. Das sind alles Dinge, die mir in meinem jetzigen Job als Redakteurin zugutekommen. Dazu kommt: Wenn ein Unternehmen einem das ermöglicht, kommt man total motiviert zurück und ist auch dankbar. Verweigert einem der Chef den Lebenstraum, ist das Kind motivationstechnisch schon in den Brunnen gefallen. Da sollte man sich auch vorher überlegen, ob man bereit wäre, zu kündigen, falls der Chef „nein“ sagt.

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Wie lässt sich ein Sabbatical ganz konkret realisieren?

Das klassische Sabbatical-Modell ist auf vier Jahre angelegt, man kann es aber auch auf einen anderen Zeitraum skalieren. Du arbeitest zum Beispiel drei Jahre Vollzeit, bekommst aber nur 75 Prozent bezahlt. Im vierten Jahr arbeitest du gar nicht und bekommst weiterhin 75 Prozent des Gehalts bezahlt. In diesem Fall laufen dann auch alle Sozialversicherungen weiter und es entsteht keine Rentenlücke. Dafür braucht es natürlich einen großen zeitlichen Vorlauf. Die häufigste Regelung ist der unbezahlte Sonderurlaub, wie ihn auch Nicole und ich gemacht haben. Das Arbeitsverhältnis ruht, man bekommt nichts bezahlt und die Sozialversicherungen laufen auch nicht weiter. Dafür kann man auch relativ schnell ins Sabbatical gehen. Oft denkt man ja: Jetzt oder nie!

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Wie habt ihr das finanziert?

Mein Freund und ich haben das aus Ersparnissen finanziert und die Wohnung hier untervermietet, sodass wir dadurch keine Extrakosten hatten. Sobald man länger im Ausland ist, muss man sich aus Deutschland abmelden und hat dann ein Sonderkündigungsrecht, sodass man aus den meisten Verträgen zum Beispiel mit dem Fitnessstudio gut herauskommt. Man kündigt die Krankenversicherung und die muss einen wieder aufnehmen, wenn man zurückkommt. Die Auslandskrankenversicherung ist nicht so teuer, bei uns war es ca. ein Euro pro Tag. Ansonsten empfehlen wir, langsam und wie die Locals zu reisen und einfach sparsam zu leben. Ich tracke zum Beispiel meine Kosten mit einer App. Da sieht man erst einmal, welche Kosten man hat und welche man herunterfahren kann. Essengehen ist oft so ein Punkt oder Klamotten.

Was hat sich verändert, dass Reisen als Teil eines bestimmten Lifestyles heute viel angesehener ist und auch von mehr Menschen praktiziert wird?

Zum einen gibt es diese klassische Denke unserer Eltern, dass man spart und sich das Reisen für den Ruhestand aufhebt, heute nicht mehr. Die Rente ist so kleingeschrumpft, dass man sich das wahrscheinlich kaum noch leisten kann und es weiß auch keiner, ob er dann noch fit genug ist. Zum anderen haben auch das Internet und die sozialen Medien dazu beigetragen, dass Reisen heute so gängig geworden ist. Man sieht ständig Leute, die unterwegs sind und diesen Lifestyle als erstrebenswert darstellen und vorleben. Dazu war Reisen noch nie so einfach wie heute.

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Welchen Tipp habt ihr für alle, die eigentlich wollen, aber sich nicht richtig trauen?

Im Grunde genommen geht es nur darum, erst einmal loszufahren. Dann ergibt sich alles andere. Man kann zum Beispiel mit Work and Travel starten und erst einmal einen Monat auf einer Farm in Australien arbeiten. Eine Bekannte von mir hat sich zu Beginn ihrer Weltreise zur Rangerin in Afrika ausbilden lassen. Oder man macht am Anfang erst einmal eine Gruppenreise. Wenn man dann erst einmal unterwegs ist, findet sich der Rest schon.

Claudia Sittner und Nicole Bittger geben auch Workshops und halten Vorträge zu Themen wie Sabbatical und Weltreise. Aktuelle Infos dazu finden sich auf ihrer Modern-Sabbatical-Website.