Samstags-Sadness: Was muten uns die Programmplaner da zur besten Sendezeit nur zu?

Im ZDF läuft heute Abend das 50-jährige Jubiläum der Hitparade. Thomas Gottschalk moderiert. Foto: ZDF / Sascha Baumann.
Im ZDF läuft heute Abend das 50-jährige Jubiläum der Hitparade. Thomas Gottschalk moderiert. Foto: ZDF / Sascha Baumann.

Die x-te Wiederholung von Harry Potter, eine Nostalgie-Keule im ZDF und ein Dreiländer-Quiz in der ARD. Der Samstagabend ist zum Schreien langweilig und überraschungsarm. Eine kleine Übersicht.

ARD: „Ich weiß alles!“

Es geht um: 100.000 Euro. Die Kandidaten quizzen gegen die „Wer wird Millionär“-Moderatoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Günther Jauch und seine Pendants bekommen dabei auch noch das Publikum und zahlreiche Prominente wie Moritz Bleibtreu oder Christian Berkel zur Seite gestellt. Die Auswahl der Kandidaten verspricht dazu Spannung, denn unter ihnen ist Peter Dietrich. Er konnte seinerzeit den hauptberuflichen Ehrgeizling Stefan Raab in „Schlag den Raab“ besiegen. Und Raab ist, daran erinnert sich Fernsehdeutschland mit mindestens einem weinenden Auge, wenn es um Samstagabend-Unterhaltung geht, ein ganz anderes Kaliber als Günther Jauch.

Fazit: Die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland schickt hier die eierlegende Wollmilchsau ins Rennen um die TV-Quote. Günther Jauch, als Deutschlands Schwiegersohn-Inkarnation schlechthin, verspricht gefahrlose und überraschungsfreie Seicht-Unterhaltung für jung bis alt.

ZDF: „50 Jahre ZD-Hitparade“

Es geht um: Nostalgie. Und damit fährt das ZDF überaus erfolgreich. Im Rennen um die Quoten auf das gesamte Jahr 2018 gerechnet hat das ZDF seinen Vorsprung auf die Verfolgerin ARD sogar ausgebaut. Und auch am Samstag gilt, ganz egal, welchen tattrigen Altstars Moderator Thomas Gottschalk an diesem Abend das nutzlose, weil sowieso alles in Playback aufgeführt wird, Mikrofon in die Hand drückt – die Zuschauer vor den Empfangsgeräten werden es lieben. Denn sie sind mit der Hitparade gealtert und im Durchschnitt über 60 Jahre alt. Das ZDF beweist seit einiger Zeit ein feines Händchen für den Samstagabend, selbst die Krimi-Reihen schließen langsam zu den Tatort-Quoten auf.

Fazit: Das Zweite Deutsche Fernsehen weiß ganz genau, was seine Zuschauer wollen. Und bietet zur Primetime die absolute Nostalgie-Keule. Doch dem ZDF einen Vorwurf für so viel lauwarme Sofadecken-Kuschel-Klientel-Unterhaltung zu machen, wäre falsch. Immerhin hat es mit „Bad Banks“, „Babylon Berlin“ und „Bares für Rares“ die heißesten TV-Feuer aller Sender überhaupt im Ofen. Wobei: Genau genommen ist es traurig, denn sowohl Zuschauer als auch Kritiker honorieren den Mut des ZDF ja. Und trotzdem springen nur eine Handvoll innovative Formate heraus und der Samstagabend ist für die Stammzuschauerschaft reserviert.

RTL: Deutschland sucht den Superstar (Finale, Staffel 16)

Es geht um: Nichts. Wirklich gar nichts mehr. Dieter Bohlen und zwei bis drei jährlich wechselnde Jury-Sidekicks, die je nach aktueller YouTube- oder Instagram-Bekanntheit ausgewählt werden (was bei RTL beweisen soll, dass da jemand den Finger am Social-Media-Puls der Zeit hat), suchen die nächste Gesangssensation. Wo zeitweise noch die entmenschlichenden Kommentare Bohlens für Aufregung gesorgt haben, sitzt heute ein handzahmer, solariumgegerbter „Poptitan“ im schicksten Camp-David-Zwirn entspannt da und schenkt Sieger und Verlierer das gleiche anteilnahmslose Lächeln. Selbst Jurymitglied Xavier Naidoo macht aus dem lahmenden Unterhaltungs-Esel kein Rennpferd.

Fazit: Wer letztes Jahr gewonnen hat? Dieter Bohlen. Wer dieses Jahr gewinnt? Dieter Bohlen. DSDS ist Bohlens heimelige Dauerwerbesendung, in der er es sich seit 16 Jahren zu Selbstpromo-Zwecken bequem gemacht hat. Die immergleiche Casting-Show wird im Alter nicht besser, nur noch langweiliger.

Sat.1: Harry Potter und der Feuerkelch

Es geht um: Das weiß nun wirklich jeder. Daher hier das Ende: Der Zauberlehrling Harry Potter kämpft im Trimagischen Turnier um die Trophäe, den Feuerkelch. Doch dieser entpuppt sich als Portschlüssel und zaubert Harry Potter direkt in die Fänge seines Erzfeinds Voldemort. Der vollzieht an Harry ein Ritual und erlangt so gewaltige Kräfte. Harry kann daraufhin fliehen, doch Voldemort – der dunkle Lord – ist wieder zurück. Es folgen noch vier weitere Filme, bis Harry Voldemort besiegt.

Fazit: Die legendäre Reihe um Harry Potter lockt noch immer Zuschauer vor den Fernseher. Obwohl der Film mittlerweile 14 Jahre alt ist, die Buchvorlage entsprechend noch älter, verfolgten vergangene Woche den dritten Teil der Oktalogie knapp 1,5 Millionen Menschen, das entsprach einem Marktanteil von 11,5 Prozent in der Zielgruppe. Davon träumt unser nächster Sender geradezu.

ProSieben: Superhero Germany

Es geht um: Fitness. Gerade richtig für die Samstag-Abend-Couch-Potatoes zuhause. ProSieben präsentiert in Superhero Germany eine gähnend langweilige Reality-TV-Show unter dem Motto „Ausnahmesportler gegen Alltagsathlet“. Die unbekannten Kandidaten, alles Fitness-Freaks, treten in körperlichen Herausforderungen gegeneinander an, um im Finale auf hoffentlich-bald-endlich-mal-Wrestler Tim Wiese, Speerwurfweltmeisterin Christina Obergföll, früheren NFL-Profi Björn Werner und die stärkste Frau Deutschlands Sandra Bradley zu treffen.

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Fazit: DWDL schrieb vergangene Woche, aus dem „Hoffen“ der Programmchefs ist ein „Bangen“ geworden, denn der Marktanteil am Premierentag belief sich auf kraftlose 7,2 Prozent.

Die Sparten

Zum restlichen Samstagabend-Programm: auf VOX läuft „Sister Act 2 – in göttlicher Mission“, Kirchenchor-Charme mit Whoopie Goldberg, KabelEins kann nicht aus seiner Heut und führt am Seriensamstag „Hawaii Five-O“ ins Rennen, auf SIXX kommt „Das große Backen“, auf N-TV eine Dokumentation über Pyramiden, N24 bietet eine Doku über – klar – Panzer und Bunker und Flugzeugträger und wahrscheinlich auch Hitler. Und irgendwo, tief in den Dritten versteckt, läuft sicherlich auch ein „Tatort“. Sicher ist sicher.

Fazit

Was bleibt zu sagen: Das Fernsehprogramm am Samstagabend ist so vorhersehbar, wie überraschungsarm, so tragisch-langweilig, wie konsequent-logisch. Es ist ein typisches Henne-Ei-Problem. Bediente das lineare Fernsehen also schon immer dermaßen stur ihr Kern-Klientel mit grauer Nostalgie oder erst, seitdem die Jüngeren kaum noch eine relevante Größe ausmachen? Denn die unter 30-Jährigen verbringen nur noch ein Viertel ihrer Zeit vor dem linearen Fernsehen, die meiste Zeit schauen sie Netflix und Co. Zwar gewinnen die Streaminganbieter auch in den älteren Generationen dazu, aber weitaus langsamer – in der Altersgruppe ab 50 liegt der Linear-TV-Anteil quasi unverändert hoch bei 84,5 Prozent. Der „Video on Demand“-Anteil wächst gemächlich von 5,4 auf 6,9 Prozent. Es kann also kaum besser werden.