Schrill, bunt, streng geheim: So funktioniert die bekloppteste TV-Show der Welt

Eric Leimann
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Schrill, bunt, streng geheim: So funktioniert die bekloppteste TV-Show der Welt

Zehn Prominente singen in Masken, hinter denen sich sowohl Angela Merkel als auch Dirk Nowitzki verbergen könnten - so schwer sind jene Stars zu dechiffrieren, die in aufwendigsten Tarnungen einer Jury Ständchen bringen. ProSieben testet eine Kultshow aus Südkorea und den Überraschungs-Hit aus den USA im Live-Betrieb. Mutig!

Zehn Prominente singen in Masken, hinter denen sich sowohl Angela Merkel als auch Dirk Nowitzki verbergen könnten - so schwer sind jene Stars zu dechiffrieren, die in aufwendigsten Tarnungen einer Jury Ständchen bringen. ProSieben testet eine Kultshow aus Südkorea und den Überraschungs-Hit aus den USA im Live-Betrieb. Mutig!

Wenn Prominente als überlebensgroße Ananas oder Fabeltier getarnt auf der Bühne stehen und Evergreens zum Besten geben, während kreischende Zuschauer es nicht aushalten, über die wahre Identität der Auftretenden im Unklaren gelassen zu werden, muss das eine Show aus Asien sein. Im Fernen Osten liebte man schon immer das schrill Überdrehte an der Fernsehunterhaltung - während singende Blumen in der westlichen Welt mit dem Ausstieg Peter Gabriels bei Genesis der Vergangenheit aus der Mode kamen. Nachdem das ursprünglich aus Südkorea stammende Format "The Masked Singer" beim US-Sender Fox zu Beginn des Jahres geradezu sensationell erfolgreich lief, versucht sich nun auch ProSieben an einer deutschen Adaption. Weil man ein Konzept wie dieses hierzulande bislang kaum kannte, wird ab Donnerstag, 27. Juni, 20.15 Uhr, die ganze Branche gespannt auf dieses Experiment blicken: Wird "The Masked Singer" die heißeste Show des Sommers, oder ist das Publikum von dem bunten Spektakel und dem strengen Geheimhaltungsgebaren drumherum überdert?

Zehn Prominente, deren wahre Identität selbst beim Sender nur zwei Personen kennen, wie man bei ProSieben schwört, haben sich für die von Matthias Opdenhövel moderierte Show angemeldet. Pro Folge scheidet einer aus, wohl der mit den schiefsten Tönen - zumindest nach Meinung der abstimmenden Zuschauer. Nun kommt jener Showmoment, auf den die Masse lauert. Die Ausgeschiedenen reißen sich die Maske vom Gesicht, und man kann nur hoffen: Die Darunterbefindlichen mögen so bekannt sein, dass sie mehr als fünf Prozent der Zuschauer auch ohne ein erklärendes Voice-Over erkennen mögen. ProSieben versichert vorab jedenfalls geballte "Gesichtsprominenz" und geht auch gleich in die Vollen.

Der Sender zeigt sechs Folgen des von Endemol Shine Germany produzierten Formats, das derzeit überall in der Welt adaptiert wird, als erstes Land in Direktübertagung - so viel Mut verdient per se Respekt. "Kein Zeitversatz, kein Schnitt, kein Spoiler - dafür live rätseln, live spekulieren, live erleben: Bei 'The Masked Singer' ist nichts normal, aber alles echt! Anders als in anderen Ländern, feiern wir dieses besondere Format mit unseren Zuschauern zum ersten Mal live", jubelt Senderchef Daniel Rosemann.

Kreaturen wie vom anderen Stern

Ein großer Teil der Mystik dieser vielleicht wirklich letzten Gesangs-Castingshow, auf die die Welt noch gewartet hat, speist sich aus der Fantasie und der technischen Ausführung ihrer Masken. Wobei es ja nicht allein um den Gesang gehen wird. Jedes "Kostüm" gibt in einem eigenen Clip in jeder Show mit verzerrter Stimme weitere kleine Indizien über seine Identität. Auch auf im Studio geben die Kandidaten mit technisch verzerrter Stimme kleine Hinweise.

Wohlwollend betrachtet, ist "The Masked Singer" mehr als ein charmanter Anachronismus: nämlich ein Format, das wie gemacht ist für das moderne Farbfernsehen. Die Schauwerte sind zumindest am Anfang überwältigend. Schaut man YouTube-Videos der koreanischen oder amerikanischen Variante, fühlt man sich an einen besonders mondänen Karneval in Venedig oder an jenes galaktische Café erinnert, in welches es Luke Skywalker im ersten "Star Wars"-Film von 1977 verschlagen hatte: ein Laden, voll besetzt mit überdrehten Pappmaché-Wesen, über deren Design Hollywood-Maskenbildner von einst eine gute Portion Joints geraucht haben dürften. Marina Toybina, vierfache Emmy-Siegerin, designte für die US-Show in der Tat grenzensprengende Masken. Die Schnitte von Mode-Exzentriker Jean Paul Gaultier wirken dagegen fast wie etwas, das man bei Karstadt von der Stange kaufte.

In der ProSieben-Fernsehrealität von 2019 fertigte Gewandmeisterin Alexandra Brandner aus Altötting für etwa 15.000 Euro Stückpreis Verkleidungen an, hinter denen man die Prominenten keinesfalls erkennen darf, die sie aber auch nicht beim Singen behindern dürfen. Abseits ihrer Performance geben die Kandidaten mit technisch verzerrter Stimme kleine Hinweise über ihre mögliche Identität. "Die Kostüme setzen sich aus bis zu 20 Einzelteilen zusammen. Der Kudu besteht zum Beispiel aus Hose, Schamkapsel, Jacke, Schulter-Rüstung, Brust-Rüstung, Halsteil, Handschuhe und Maske. Die Kostüme sind keine Kleidung, das sind Kunstwerke", versichert Alexandra Brandner, die mit einem elfköpfigen Team an den fantastischen, bis zu 20 Kilogramm schweren "Masked Singer"-Unikaten arbeitet.

Unter den amerikanischen Kandidaten setzte sich im Finale "das Monster" (Rapper T-Pain) gegen "die Biene" (Soullegende Gladys Knight) und "den Pfau" (Entertainer Donny Osmond) durch. Und Tori Spelling eroberte als "Einhorn" die Herzen des Publikums, das zahlreich einschaltete: Für FOX war "The Masked Singer" der erfolgreichste Show-Neustart seit 2011 mit 12,3 Millionen Zuschauern.

Alles top secret

Wie es hierzulande laufen wird, hängt zum guten Teil auch von einem Mann ab, der sich nur "der Sicherheits-Chef" nennt und sich lediglich mit dunkler Riesensonnenbrille ablichten lässt. Er erklärt, ein fünfköpfiges Team habe "sich zwei Monate lang nur mit der Erstellung eines ausgeklügelten Geheimhaltungs- und Sicherheitskonzepts befasst und alle denkbaren Szenarien durchgespielt - wir sind vorbereitet."

Alles top secret - und vielleicht auch ein bisschen albern. Aber, man mag es kaum glauben, die Senderverantwortlichen versichern immer wieder die Bedeutung dieses Aspekts. Beispiel: Sobald die Stars für die Show abgeholt werden, sind sie nur noch getarnt oder maskiert und in Begleitung von Bodyguards unterwegs. Das Gleiche gilt für die Rückreise. Außerdem darf niemand die Stars anreden, und sie dürfen nie ohne Stimmverzerrer sprechen. Jeder Prominente hat einen persönlichen Assistenten, der stellvertretend für ihn alle Angelegenheiten regelt. Die Stars sind komplett voneinander abgeschirmt in schalldichten Garderoben. Vor jedem Raum sitzt ein Bodyguard, damit sich die prominenten Undercover-Sänger nicht auf dem Gang begegnen. In den streng bewachten Garderobenbereich erhält nur ein kleiner Personenkreis Zutritt. Total verrückt - oder "Die beste beknackteste Show der Welt", wie unlängst der "Spiegel" titelte. Mögen die Spiele beginnen.