Schulpflicht? Nein, danke! "Goodbye Deutschland!"-Familie zieht zum "Freilernen" nach Spanien

Carmen Schnitzer
·Lesedauer: 3 Min.

Mutig oder naiv? Weil ihre drei Kinder ohne Druck und Lernstress aufwachsen sollen, wanderten Nadine "June" Möller und Karsten "Kello" Schirmacher mit ihnen nach Fuerteventura aus, wo es keine Schulpflicht gibt. Die VOX-Doku "Goodbye Deutschland!" zeigte Chancen und Schwierigkeiten des Vorhabens ...

Lernen? Das komme "ganz von selber, da braucht man keine Schule für", ist sich "Goodbye Deutschland!"-Auswanderin Nadine Möller (33), genannt June, sicher. Ein VOX-Team begleitete die Weltenbummlerin, ihren Partner Karsten "Kello" Schirmacher (54) und die drei gemeinsamen Kinder, als sie im Sommer 2019 nach Fuerteventura auswanderten.

Die Kanareninsel ist beliebt bei sogenannten "Freilernern", weil es in Spanien keine Schulpflicht gibt. Ihren damals achtjährigen Sohn Jamie sowie die Töchter Julie (4) und Jessie (1) wollen die beiden getreu ihres Lebensmottos "wild and free" erziehen, "außerhalb der Regeln, außerhalb von Systemen", aber mit dem Ziel, "die Welt zu sehen" (Kello). Was sie dafür materiell brauchen, verdient Kello durch etwas Telefonmarketing im Homeoffice. Durch fast ganz Asien ist die Familie schon gereist, ihre Jüngste kam im thailändischen Dschungel auf der Insel Koh Lanta zur Welt.

"Freilerner"-Angebote für die Kinder - angelesen aus dem Internet

Jetzt also Fuerteventura. Kello fuhr mit seinem Sohn im Auto vor - mit kleinem Umweg über Paris, damit der Junge mit dem Ort Erlebnisse verbindet und sich so einprägt, dass das die Hauptstadt von Frankreich ist. Kurz zuvor hatte Jamie sie nämlich in Spanien oder Marokko verortet. "Da müssen wir noch mal bisschen Erdkunde machen", lautete sie sanfte Reaktion des Vaters. Denn der Verzicht auf Schule soll kein Verzicht aufs Lernen sein.

Der Ex-Banker und das Ex-Model lassen die Kinder mehr oder weniger selbst aussuchen, was sie wann lernen, bieten ihnen allerdings beständig Möglichkeiten an, die sie neugierig machen sollen. Nachdem June mit den Töchtern nachgekommen war und die Familie sich langsam in der neuen Heimat einlebte, organisierten die Eltern eine kleine Schatzsuche für die eigenen sowie die Kinder anderer Freilerner-Familien aus aller Welt - und erklärten nebenbei ein paar Details zur Höhle, in der sich alle befanden, etwa dass diese vor 500 Jahren Piraten als Versteck diente. Solche Informationen lesen sich Kello und etwa aus dem Internet an.

Gar nicht so leicht: Freunde finden

Apropos andere Kinder: Wenn Schule oder Kindergarten als Kennenlern-Ort wegfallen, müssen Freunde anderswo gefunden werden. Kein Problem für die offene Julie, die schon perfekt Englisch sprach und schnell Anschluss fand: "Julie hat fast 20 Freundinnen oder so", erzählte ihr großer Bruder nach ein paar Monaten lachend. "In jedem Ort auf jeden Fall eine." Er selbst hatte es schwerer, denn in den ersten Monaten lernte die Familie hauptsächlich kleinere Mädchen kennen, kaum Jungs und kaum jemanden in Jamies Alter.

Manchmal vermisse er schon seinen besten Freund aus Deutschland, erzählte er. Er würde ihm wohl mal einen Brief schreiben. Ein Jahr lang war er dort in die Schule gegangen - und wenn er das auch auf Fuerteventura tun wollte, dürfe er es "gerne ausprobieren", versicherte seine Mutter. Noch allerdings war es nicht so weit.

Stattdessen konzentrierte ihr Großer sich aufs Surfen-Lernen, stellte sich dabei sehr gut an und entwickelte schnell einen Berufswunsch: Surf-Profi! Schwester Julie war dagegen beim Lesen- und Schreiben-Lernen wissbegierig und zeigte dem VOX-Team außerdem stolz ihr kleines Beet im Garten. "Das ist Erdbeere, Jamie", korrigierte sie ihren Bruder, der das Pflänzchen mit einer anderen verwechselt hatte, die sie nun stolz präsentierte: "DAS ist die Orangenpflanze!"

"Goodbye Deutschland" (VOX): "Die Kinder so lassen, wie sie sind"

"Uns war immer wichtig, dass wir die Kinder so lassen, wie sie sind, dass wir sie unterstützen, begleiten ...", erklärte June ihren alternativen Erziehungsstil. Abschlüsse, so sie denn mal gebraucht würden, ließen sich nachholen, in vielen Ländern könne man außerdem auch ohne Abitur nach dem Bestehen einer Eignungsprüfung studieren, führte Kello aus - "wenn ich das denn möchte".

Bis auf Jamies fehlende Freunde schien das Konzept des Paares bislang gut aufzugehen, die Kinder wirkten ausgeglichen, aufgeweckt und freundlich. Wie es sein wird, wenn sie im Teenager-Alter sind, wird die Zeit zeigen - und vielleicht auch weiterhin der Instagram-Account der Familie: Derzeit haben rund 14.400 Follower ihren Account @wildandfreekidstravel abonniert.