Schweizer Start-up will die Tech-Giganten angreifen

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Die Anwendung, die wir am häufigsten auf unseren Telefonen benutzen, ist die Tastatur. Im Durchschnitt verbringen wir bis zu einer Stunde pro Tag mit Tippen auf unseren Handys.

Aber die Tastaturen, die wir normalerweise verwenden, sind nicht für die heutige mobile Welt konzipiert. Die QWERTZ-Anordnung der Buchstaben wurde für Schreibmaschinen vor über 140 Jahren erfunden. Auch die am häufigsten verwendeten Tastaturen von Google und Microsoft sind anscheinend nicht besonders sicher.

Ein Schweizer Start-up will den Tech-Giganten Konkurrenz machen: Typewise bietet eine Tastatur-App an, die laut Angaben des Unternehmens 100 Prozent sicher sein und es ermöglichen soll, mit viermal weniger Tippfehlern zu tippen.

"Unsere Algorithmen arbeiten auf Ihrem Gerät, sodass keine Ihrer Daten, nichts von dem, was Sie tippen, an die Cloud oder das Internet übertragen wird. Das ist ganz anders als bei so ziemlich jeder Standardtastatur, die Sie auf dem Markt finden", sagte David Eberle, Geschäftsführer und Mitbegründer von Typewise, gegenüber Euronews Next.

"Die Leute haben Angst vor WhatsApp und wollen zu einem sicheren Messenger wechseln. Aber dann kann die Tastatur, die sie in diesem sicheren Messenger verwenden, immer noch alle Daten abfangen und an einen anderen Ort senden."

Wie funktioniert die neue Tastatur?

Die größeren sechseckigen Tasten und das Layout sind ganz auf das Tippen mit zwei Daumen ausgerichtet. Mit ihrem Layout soll die Tastatur einfacher zu bedienen sein und eine um 33 Prozent höhere Tippgeschwindigkeit bieten. Typewise integriert Möglichkeiten von Touchscreens wie Wischgesten zum Großschreiben und Löschen.

Für ersteres reicht ein Wisch auf einem Buchstaben nach oben. Mittels Wischen nach links kann schnell und punktgenau so viel gelöscht werden, wie gewünscht. Per Wisch nach rechts kann gelöschter Text genauso einfach wiederhergestellt werden.

Außerdem analysiert Typewise, wo einzelne Tasten gedrückt werden, um eine bestmögliche Autokorrektur ohne falsche Korrekturen zu ermöglichen. Ein eigens entwickeltes neurales Netzwerk schlägt dem Nutzer passende Wörter vor und lernt selbständig laufend dazu. Diese auf künstlicher Intelligenz basierende Technologie läuft aber im Gegensatz zu anderen Tastaturen komplett offline und garantiert dem Nutzer zu 100 Prozent seine Privatsphäre.

Aber die Umstellung von bisherigen Tastaturen sowie die Gewöhnung an neue Funktionen wie Gesten braucht Zeit.

„Ich denke, die eigentliche Herausforderung bei dieser Technologie besteht darin, sie persönlicher zu gestalten, die Art und Weise, wie man tippt, aber auch das Verständnis für den Kontext.“

David Eberle
Geschäftsführer und Mitbegründer von Typewise

"Die Algorithmen sind sogar besser als die der Google-Tastatur", so Eberle.

Eine weitere wichtige Funktion der Tastatur ist die Erkennung von über 40 Sprachen, sodass man in ein und demselben Satz auf Englisch und Französisch tippen kann, ohne dass die Tastatur eine Autokorrektur vornimmt oder man manuell die Sprache wechseln muss.

Da das Unternehmen seinen Sitz in Basel in der Schweiz hat, einem Land, in dem vier Sprachen gesprochen werden, ist es im Gegensatz zu seinen in den USA ansässigen Konkurrenten in einer guten Position, um den Bedarf an mehrsprachiger Technologie zu verstehen.

Typewise arbeitet für sein KI-System auch mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule zusammen und entwickelt seine Fähigkeit zur Textvorhersage ständig weiter. Spracherkennung soll in Zukunft ebenfalls noch dazukommen.

"Traditionelle maschinelle Lernmodelle sind eher wahrscheinlichkeitsbasiert, und das sieht man auch auf dem Handy. Die typischen Wörter, die vorgeschlagen werden, sind 'der‘ oder ‚ein‘ oder ‚er‘ oder ‚ich', weil das sehr wahrscheinliche Wörter sind", sagt Eberle. "Aber man tippt diese Wörter nicht ständig. Ich denke, die Herausforderung bei dieser Technologie besteht darin, sie persönlicher zu machen, wie man tippt, aber auch den Kontext zu verstehen."

Laut Eberle könnte die Technologie noch leistungsfähiger werden, wenn sie nicht nur das nächste Wort, sondern eines Tages auch den nächsten Satz und sogar einen ganzen Absatz vorhersagen könnte.

Aber das Unternehmen setzt nicht nur auf Smartphone-Tastaturen. Ziel ist es, seine KI-Technologie als Anwendungsprogrammierschnittstelle (API) und Softwareentwicklungskit (SDK) zu lizenzieren, damit es seine Technologie dann auf Mobilgeräten, Desktops und sogar Gehirn-Computer-Schnittstellen einsetzen kann.

Wie man es mit den Tech-Giganten aufnimmt

Google und Microsoft entwickeln eigene Technologien zur Textvorhersage, aber das Schweizer Start-up-Unternehmen sieht sich als ernstzunehmender Konkurrent:

"Wir glauben, dass es Platz für einen unabhängigen Anbieter gibt, der auch einen anderen Ansatz mit eingebautem Datenschutz verfolgt", so Eberle. "Ich denke, das ist eine große Chance, denn nicht alle großen Unternehmen wollen mit Microsoft oder Google zusammenarbeiten, da diese Technologien firmeneigen sind. Und wir glauben, dass wir mit einem offeneren Ansatz eine Chance haben, auf dem Markt zu punkten."

Eberle gründete das Unternehmen mit seinem Schulfreund Janis Berneker und startete Typewise offiziell im Jahr 2019. Bisher hat man über eine Million Nutzer gewonnen.

Ich denke, mit jedem Start-up muss man Berge erklimmen. Man muss nur schnell genug laufen, um es irgendwie zu schaffen.

David Eberle
Geschäftsführer und Mitbegründer von Typewise

Man hofft, innerhalb von zwei Jahren um das Zehnfache zu wachsen. Die App kann kostenlos heruntergeladen werden. Premium-Funktionen gibt es im Abonnement (€9.99/Jahr oder €1.99/Monat).

Das Unternehmen begann mit einer Kickstarter-Crowdfunding-Kampagne und hatte 2020 eine erfolgreiche Startkapitalrunde, bei der es 1 Million Dollar (1,2 Millionen Euro) einnahm. Die Einnahmen sind im Vergleich zum Vorjahr um 400 Prozent gestiegen.

Am 23. August startet das Unternehmen außerdem eine Equity-Crowdfunding-Kampagne, die laut Eberle bereits viel Aufmerksamkeit erregt hat.

Der Gründer ist überzeugt, dass der Sitz in einem kleinen europäischen Land bei der Herausforderung, mit Google und Microsoft zu konkurrieren, seine Vorteile hat.

Die Schweiz sei risikoscheuer als die USA, räumte er ein, aber als kleines Land sei man gezwungen, schnell auf andere Märkte zu expandieren, was neue Ansätze erfordere.

"Wir wissen, dass der heimische Markt nie groß genug sein wird. Und vielleicht ist das eine Triebfeder für mehr Aufgeschlossenheit", sagte Eberle.

"Ich denke, mit jedem Start-up muss man Berge erklimmen. Man muss nur schnell genug laufen, um es zu schaffen."

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