Schwerer Abschied vom Dauerrausch

Jacqueline hat sich Hilfe suchend an den Sozial- und Wohlfahrtsverband Volkssolidarität gewandt, der sie auf ihrem Weg aus der Alkoholabhängigkeit begleitete (Bild: ZDF/Torsten Gross)

Bruder Alkohol ist ihr ständiger Begleiter. Fünf bis sechs Flaschen Wein brauchte die Mecklenburgerin Jacqueline, um über den Tag zu kommen. Seit einigen Jahren ist sie clean. Sie weiß, selbst in einigen Reinigungsmitteln lauert die Gefahr eines Rückfalls in die Sucht. Der Geruch nach Alkohol ist verführerisch. Ihn kennt auch Claudia aus der Umgebung von Düsseldorf. Sie hat bereits etliche Aufenthalte in Entzugskliniken hinter sich.

Nur 25% der Suchtkranken schaffen den Sprung zurück in die Normalität. Eine erschreckend geringe Zahl angesichts der Volkskrankheit Alkoholabhängigkeit, die öffentlich verharmlost wird. 1,8 Millionen Menschen sind in Deutschland alkoholabhängig, davon sind ein Drittel Frauen. Die Statistik wiederlegt den Mythos der Männerkrankheit Suff.

Zwei von zwei Millionen Süchtigen

Acht Million Menschen gelten als gefährdet, ohne den täglichen Griff zum Glas bald nicht mehr auszukommen und Gefangene ihrer unstillbaren Sucht zu Hochprozentigem zu werden. Die ZDF-Reihe „37°“ gab den Schicksalen hinter den Zahlen ein Gesicht. „Mein stiller Freund – Wenn Frauen trinken“ von Walter Krieg folgt dem bewährten Muster des Formats, zwei Frauen und ihr Ringen mit dem Teufel Alkohol über einen längeren Zeitpunkt zu begleiten. Jacqueline ist seit knapp vier Jahren trocken. Ihre Familie und sie beichteten mit großer Offenheit vor der Kamera, wie die 15 Jahre ihrer Sucht den Alltag prägten und welche Unterstützung die Ehefrau und Großmutter heute hat, um nicht rückfällig zu werden. Claudia fehlt diese Ermutigung. Nach dem Ausstieg aus dem Beruf blieb ihr nur ein Freund, der sie in ihrem Bemühen stützt, keinen Tropfen mehr anzurühren.

Der erste und schwierigste Schritt, das macht die Reportage klar, ist der Abschied von der Verdrängung und der schonungslose Blick auf die eigene Krankheit. Beide Frauen haben ihn hinter sich. Sie haben die Sucht angenommen t und suchen Hilfe beim Entzug. Unterschiedlich sind die sozialen Umstände. Während Jacqueline in der Familie aufgefangen wird und in ihr berufliches Umfeld beim Alkoholmissbrauch nicht hinwegsah und sieht, fehlt Claudia dieses Auffangnetz.

Liebe stärkt beim Entzug

Die Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebenslagen der beiden Frauen bei der Wahl der Protagonistinnen ist sicher kein Zufall. Einsamkeit, Stress und Depressionen begünstigen den Griff zum schnellen, betäubenden Trostspender. Andererseits gibt es keine Garantien auf den Erfolg der Entwöhnung. Aber der Rückhalt beugt Rückfällen vor. Liebe hilft. So würde es Jacquelines Mann beschreiben.

Die Reportage macht jenen Mut, die den Schritt zur Suchtberatung bisher scheuen. Und stärkt jene, die in ihrer Umgebung Alkoholmissbrauch beobachten und nicht wegsehen wollen. Andererseits verschweigt sie nicht die Schwierigkeiten des Entzugs und die Mühen nach dem Klinikaufenthalt.