Medien-Talk bei Scobel: Von Macht und Manipulation

Mila Lemke
Freie Autorin

2000 Facebook-Fans für fünf Euro – eine Journalistin erzählt bei Scobel wie einfach das ist. Und wie gefährlich: Denn digitale Medien können die Wahrheit verzerren. Gleichzeitig dominieren sie unsere Welt und nehmen immer mehr Einfluss auf politische und wirtschaftliche Systeme und die Öffentlichkeit.

Für seine Sendung am Donnerstagabend hat Gert Scobel einen besonderen Ort gewählt: Die Baumwollspinnerei in Leipzig. Anlass sind die Medientage Mitteldeutschland in Leipzig. Foto: Screenshot 3sat

Sind digitale Medien eine Bedrohung für die Demokratie?

Das diskutierte Gert Scobel mit:

  • Ingrid Brodnig: Journalistin aus Österreich und digitale Botschafterin der österreichischen Bundesregierung in der EU

  • Prof. Dr. Dirk Baecker: Soziologe, Systemtheoretiker und Managementexperte

  • Prof. Dr. Martin Emmer: Kommunikationswissenschaftler und Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin

Fake, Betrug, Lüge und Meinungsmache getarnt als Tatsachenberichterstattung. „Die arme Wahrheit wird kaum noch geglaubt, da sie in der Regel noch viel unwahrscheinlicher und komplexer ist wie die meiste Lügen“, beginnt Scobel seine Diskussionsrunde. Immer häufiger werden öffentlich-rechtliche Medien der Lüge bezichtigt, nicht selten von rechter Seite. Wie eine Studie der Universität Mainz rausgefunden hat, glaubt etwa jeder fünfte Deutsche den klassisch etablierten Medien nicht. Informationen werden hingegen vermehrt über digitale Medien konsumiert.

Doch digitale Plattformen lenken öffentliche Kommunikation nach nur einer Maßgabe: wirtschaftlicher Profit. „Fake und Fakt zu trennen ist nicht das Geschäftsmodell von Facebook“, sagt Scobel. Lediglich der Aufmerksamkeitseffekt zählt für das Geschäft der Plattformen. Wie manipulierbar soziale Medien sein können, hat Journalistin Ingrid Brodnig ausprobiert.

Journalistin Ingrid Brodnig befürchtet, eine Regulierung des Internets könnte Bürgerrechte einschränken. Foto Screenshot 3sat

Wie kaufe ich Facebook-Fans?

Die 35-jährige Publizistin googelte: „Wie kaufe ich Facebook-Fans?“ Das Ergebnis: 5 Euro für 2000 Fans, Bezahlung per PayPal. „Die Zahlen sind wahnsinnig schnell in die Höhe gesprungen“, erzählt Brodnig. „Das waren alles Bots.“ Diese sogenannten Social Bots werden eingesetzt, um Aussagen und Meinungen zu verstärken. Dabei können sie werbenden oder politischen Einfluss nehmen. Die Mischung aus Mensch und Maschine stellt die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. „Wenn User wütend sind, klicken sie eher“, sagt Brodnig. Wiederum werden Posts mit vielen Reaktionen öfter auf anderen Profilen angezeigt. Somit entsteht ein verzerrtes Abbild der Realität. Brodnig zufolge liegt die Macht im Internet in der Hand weniger Konzerne.

Rasch verbreitete Desinformation

Soziologe Dirk Baeker sieht drei weitere Gefahren, die dazu führen, dass soziale Plattformen über die Relevanz von Inhalten für die Nutzer entscheiden: „Erstens: Extreme Ungewissheit wird generiert. Die Meldungen, die Postings, die Likes, die mich erreichen haben eine chaotische Verbindungsstruktur. Zweitens: Es werden mir mächtige Frames angeboten, die es mir erlauben zu sortieren, was mich interessieren kann und was mich nicht interessieren kann. Drittens, und am fatalsten, würde ich sagen: Es werden mir Clickbaits, also Köder hingeworfen, die es mir erlauben, diesen einmal gewählten Frame mit immer wieder neuen Storys bis ans Ende meines Lebens zu verfolgen und diese Blase zu konstruieren.“

Über Medien, Macht und Manipulation diskutierte Gert Scobel mit Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer (links), Soziologe Dirk Baecker (Mitte) und Journalistin Ingrid Brodnig (rechts) auf den Medientagen Mitteldeutschland. Foto: Screenshot 3sat

Was Baeker als „Blase“ bezeichnet, nennt Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer „Echokammern“. Gerade wenn es um Rechtsextremismus geht, finde Austausch in diese Echokammern statt, sagt Emmer. Diese Kommunikation könne zwar nicht von einer Meinung überzeugen, aber zum Mobilisieren bewegen. Was auch zur Folge haben könnte: Menschen vom Wählen abzuhalten. „Wir schaffen wir es, die Echokammern wieder miteinander zu vernetzen?“, fragt Scobel. Die Antwort wird leider nicht diskutiert.

Bürger müssen das Internet zurückerobern

Kommunikationswissenschaftler Martin Emmer ist der Meinung: Wir müssen die Realität der digitalen Welt akzeptieren und uns darauf zu konzentrieren, sie aktiv zu gestalten. Journalistin Brodnig räumt ein, dass sie eine Regulierung des Internets nicht für die richtige Lösung hält: „Die Gefahr ist, dass wir mit Regulierung Bürgerrechte einschränken.“ Allerdings braucht es ihrer Meinung nach mehr Transparenzpflicht für große Plattformen wie Facebook und zumindest eine Regulierung von politischer Werbung im Netz. Sie findet: Bürger müssen das Internet zurückerobern.

Fakt ist: Sowohl klassische Medien, als auch Facebook, Google und Co. entscheiden über Inhalte und Relevanz von Information. Allerdings bündeln klassische Medien die Information und ordnen diese ein. Dennoch appelliert Scobel an das kritische Hinterfragen aller Medien. Daher lautet sein Fazit der Sendung: „Glauben Sie niemanden, auch uns nicht. Lassen Sie sich nicht blenden. Suchen Sie das Licht der Aufklärung und tschüss.“