Seenotrettung: Migration als Sprengladung

Martin Krohs

Schiffbrüchige zu retten, ist richtig. Aber systemische Vorbehalte gegen privat organisierte Seenotrettung gehören strikt von Xenophobie getrennt. Und diskutiert.

"Rettung ist kein Verbrechen." Darüber zumindest sollte Einigkeit bestehen. © Omer Messinger/AFP/Getty Images

Ist das, was Carola Rackete macht, richtig und gut? Das ist nicht nur eine juristische, sondern auch eine moralische Frage. Und da Flucht und Migration bislang nur unvollkommen von Gesetzen geregelt werden, hat das ethische Urteilen hier sogar eine besonders große Last zu tragen.

Aber die eine einzige und wahre Ethik gibt es nicht. In unterschiedlichen Epochen und Kulturen sind die verschiedensten Ethiken formuliert worden, und oft genug stehen sie miteinander in Konflikt.

Ethikmodelle lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Bei den einen steht der einzelne Mensch und sein Handeln im Mittelpunkt (bei Tugendethiken, Pflichtethiken, Intuitionsethiken); bei den anderen der Zusammenhang, das System, die Struktur (bei konsequentialistischen, utilitaristischen Ethiken, Rechtsethiken, Gemeinwohlethiken). Nennen wir das erste Ethiktyp A, das zweite Ethiktyp B.

Menschen, die mit einer Ethik des Typs A ausgestattet sind (also einer individualbasierten Ethik), werden dem Handeln der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete zustimmen: Sie sehen in ihr ein leuchtendes moralisches und politisches Vorbild. Menschen mit einer Ethik des Typs B (einer systembasierten Ethik) hingegen werden dieses Handeln meist eher skeptisch bewerten. Und dieser Unterschied in den Einschätzungen zu Flucht und Migration erstreckt sich weit über den konkreten Fall hinaus.

Mit dem Handeln von Carola Rackete ist an dieser Stelle nicht der punktuelle Akt gemeint, Menschen aus einer lebensbedrohlichen Notsituation auf See zu befreien – dass der gut und richtig ist, steht außer Zweifel. Es geht um die Beurteilung der ganzen Handlungskette: mit dem Schiff einer privaten Organisation an die Grenzen libyscher Gewässer zu fahren, sich dort für die Aufnahme von Schiffbrüchigen bereitzuhalten und diese dann entgegen den staatlichen Anweisungen in einem italienischen Hafen an Land zu bringen – unter den spezifischen Rahmenbedingungen von Migrationsdruck, Krieg und Flucht, globalem Wohlstandsgefälle und kolonialer Geschichte.

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