Selbsttests in Schulen: Wechselunterricht trotz dritter Welle

Linda Tutmann
·Lesedauer: 7 Min.

Selbsttests sollen ermöglichen, dass die Schulen trotz hoher Corona-Zahlen offen bleiben. Kommen genügend an? Und sollten sie verpflichtend oder freiwillig sein?

Einweisung in Selbstests in einer Berliner Schule © Annette Riedl/​POOL/​AFP/​Getty Images
Einweisung in Selbstests in einer Berliner Schule (Bild: Annette Riedl/​POOL/​AFP/​Getty Images)

Es kribbelt heftig in der Nase, mehr passiert nicht. Aber vor den ersten Corona-Selbsttests waren viele Kinder extrem aufgeregt, erzählt Thomas Halbrock, Schulleiter der Grundschule der Stadtteilschule Wilhelmsburg in Hamburg. Die Lehkräfte dürfen die Tests bei den Kindern nicht durchführen. Also haben sie ihnen ein Video von der Schulbehörde gezeigt, in dem kindgerecht erklärt wird, wie sich sich selber das Stäbchen in die Nase einführen müssen, wie sie es ins Röhrchen mit der Flüssigkeit stecken müssen und wie lange.

Schritt für Schritt wurde alles erklärt. Das ist drei Wochen her. Jetzt sorgen Klassenlehrerinnen oder -lehrer morgens dafür, dass die Kinder im Klassenzimmer ihren Test machen, bei offenen Fenstern. Im Raum ist wegen des Wechselunterrichts ohnehin nur die halbe Klasse. Halbrock bohrt in seiner eigenen Nase, wenn er morgens vor der Klasse sitzt, die Kinder gleichzeitig in ihren. 

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Zunächst waren die Tests freiwillig. Die Kinder sollten eine Einwilligungserklärung der Eltern mit in die Schule bringen. Das hätten in einzelnen Klassen aber nur die Hälfte der Schülerinnen und Schüler getan, sagt Halbrock. In anderen hätten so gut wie alle mitgemacht. Die Eltern mancher Klassen hätten sich wohl gegenseitig angesteckt mit ihrer Sorge, ihr Kind könnte traumatisiert werden, wenn sie die Tests ohne Eltern durchführen müssten. 

Flächendeckendes Testen der Lehrkräfte und der Schülerinnen und Schüler ist die große Hoffnung der Kultusministerien, doch irgendwie die Schulen offen zu halten. Trotz rasant steigender Infektionszahlen, trotz dritter Corona-Welle, trotz des AstraZeneca-Impfstoff-Fiaskos, welches besonders die Lehrer und Lehrerinnen trifft.   

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Hamburg war eines der ersten Bundesländer, das nach den Frühjahrsferien Mitte März begann, Schüler und Schülerinnen zu testen – insgesamt mit guter Resonanz: Laut Schulbehörde hatten sich schon in der ersten Woche bereits knapp 98.000 von insgesamt rund 110.000 Schülerinnen und Schülern testen lassen, die in der Schule Unterricht hatten. Das sind fast 90 Prozent. 

Mehrheit der Bundesländer plant Pflichttests

Seit Dienstag geht Hamburg nun, wie zuvor schon Sachsen, einen Schritt weiter: Der Senat führte die Testpflicht ein, um noch mehr Sicherheit zu bekommen. Vier Mal pro Woche testen sich jene Schüler und Schülerinnen, die im wöchentlichen Wechsel in die Schule kommen – wie es an vielen weiterführenden Schulen geschieht. Zwei Mal pro Woche testen sich die Kinder, die täglich wechseln, wie an Halbrocks Schule. Sie werden also fast an allen Tagen getestet, an denen sie in der Schule sind. Die Mehrheit der Bundesländer zieht nun nach: Nach Hamburg und Sachsen planen auch Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Bremen, Niedersachsen, Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen eine Testpflicht für die Schülerinnen und Schüler.   

Auch der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger forderte etwa beim Redaktionsnetzwerk Deutschland, eine Testpflicht für alle Schüler in Deutschland: "Das heißt: Mindestens zwei Mal in der Woche muss verbindlich getestet werden." Oberhalb einer Inzidenz von 100 müssten die Schulen wieder ganz geschlossen werden. Manche Bundesländer planen die Testpflicht hingegen erst ab einer hohen Inzidenz. 

Aber das Konzept ist nicht unumstritten: Wer Tests zur Pflicht macht, geht das Risiko ein, dass zu viele Kinder nicht am Unterricht teilnehmen und im Distanzunterricht benachteiligt werden. Denn es gibt derzeit keine Präsenzpflicht, man darf auch zu Hause lernen, wenn man sich nicht testen will. Und ins Schulhaus darf man nur mit Negativtest. Im Schnitt seien es in seiner Schule zwei Schüler pro Klasse, die nicht kämen, sagt Halbrock. Das sind zwar deutlich weniger als zuvor, als das Testen noch freiwillig war, aber es sei schon noch ein Problem. Die Lehrer und Lehrerinnen sind mit dem Wechselunterricht voll beschäftigt. Wie sollen sie parallel auch noch täglich mit diesen Kindern in Kontakt sein? An seiner Schule lernten hauptsächlich Kinder aus benachteiligten Familien, sagt Halbrock. Es sei nicht selbstverständlich, dass die Eltern Homeschooling gut begleiten könnten. 

Gleichzeitig fürchten viele Lehrer und Lehrerinnen das Infektionsrisiko, wenn alle die Masken abnehmen, sich in der Nase bohren und möglicherweise dabei niesen müssen. Manche hätten gerne Profis in der Schule, die mit Schutzkleidung ausgestattet sind und sicherstellen, dass auch richtig getestet wird. Außerdem gibt es die Sorge, infizierte Kinder könnten stigmatisiert werden, wenn sie sie vor der ganzen Klasse ein positives Ergebnis melden müssen.  

Ab kommender Woche, wenn in Berlin die Osterferien vorbei sind, sollen sich auch dort alle Schüler und Schülerinnen testen lassen können – aber anders als in Hamburg auf freiwilliger Basis und zu Hause. "Wir können nur appellieren", sagt Kerstin Kast-Rützel, Rektorin der Carl-Linné-Schule in Berlin Lichtenberg. Grundsätzlich begrüßt sie, dass es das Testen nun beginnt: "Wir fühlen uns dann schon etwas sicherer." Eine Testpflicht aber sieht sie skeptisch: Einerseits wäre etwas mehr Verbindlichkeit beim Testen sicher gut, sagt sie. Auf der anderen Seite, befürchtet Kast-Rützel, könnte ein Zwang auch die Beziehung zwischen Eltern und Schule belasten. Das wolle sie auf keinen Fall, sagt sie: "Ich vertraue unseren Eltern." Es ist auch das einzige, was sie tun kann – und mit ihr viele Schulleiterinnen und Schulleiter in Berlin.  

Das Testen zu Hause hat noch mehr Vorteile als ein potenziell unbelastetes Schulklima: Infizierte Kinder fahren dann nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Schule oder stecken vor Ort beim Testen jemanden an. Auch der Aufwand für die Schulen ist deutlich geringer.   

Ein anderes Problem ist die Logistik. In Berlin wurden in den vergangenen Wochen unter anderem Tests der Firma nal von minden verteilt. Nun stellt sich heraus, dass diese Tests doch nicht für Laien zugelassen sind; sie müssen wieder eingesammelt werden. In einem Schreiben der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin von vergangener Woche heißt es: "Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Schulen umfassend und kontinuierlich mit Selbsttests auszustatten." Kast-Rützel weiß bis heute, wenige Tage vor Schulbeginn nicht, ob sie genug Tests geliefert bekommt.   

Warten auf Tests

Wenn man bei Schulen oder Bürgermeistern in den vergangenen Wochen danach fragte, hieß es oft: Wir warten. Wir wissen nicht, wann die Tests kommen. An vielen Schulen reichten die Testkits gerade mal, um die Lehrer zweimal die Woche zu testen. In München hilft die Feuerwehr bei der Verteilung von einer Million Selbsttests für 560 Schulen – sie reichen dann gerade für die nächsten fünf Wochen. In Bergisch Gladbach in Nordrhein-Westfalen war der Bürgermeister Mitte März so frustriert, dass er für seine Schulen kurzerhand Tests aus kommunalen Beständen bereitstellte – weil das Land NRW sie nicht schnell genug lieferte. 

In NRW hatte das Ministerium für Schule und Bildung zwar schon vor den Osterferien begonnen, die weiterführenden Schulen zu beliefern – laut Schulministerium mit 3,3 Millionen Selbsttests. Während der Ferien wurde der Kreis auf die Grund- und Förderschulen erweitert. Doch in dem bevölkerungsreichen Bundesland gibt es Zweifel, ob es nach den Osterferien genug Tests für die Schüler und Schülerinnen geben wird: Fünf Millionen Test-Sets müssten den Schulen jede Woche zur Verfügung gestellt werden, rechnet der Landesvorsitzende des Städtetages, der Bielefelder Oberbürgermeister vor. "Diese Menge ist bisher bei Weitem nicht vorhanden", sagt er. Viel Zeit bleibt dem Land jedoch nicht mehr. Am Montag beginnt der Unterricht wieder in NRW – wenn er beginnt. Auch das steht zurzeit wieder auf der Kippe. Baden-Württemberg hat bereits angekündigt, die Öffnungen für die Grundschüler zurückzunehmen. Sie müssen nach den Osterferien wieder in den Fernunterricht. 

In Hamburg klappt es jedenfalls mit der Logistik. Schulleiter Halbrock sagt, am Anfang sei er skeptisch gewesen, aber derzeit seien ausreichend Testkits da. Es herrsche schon Routine beim morgendlichen Testen. Obwohl, ein bisschen aufregend bleibe es für die Kinder noch immer, sagt Halbrock: Erscheint der Kontrollstrich? Oder gar ein zweiter Strich, der anzeigt, dass ein Kind mit dem Coronavirus infiziert ist?  

Zwei positive Ergebnisse habe es schon gegeben. Die Kinder seien schnell abgeholt worden, die Klasse blieb ruhig. "Wir hatten genau durchgesprochen, was das bedeutet. Wir haben den Kindern versichert: Jedem kann das passieren, keiner hat Schuld", sagt Halbrock. Auch seine Lehrkräfte seien überzeugt davon, dass die Pflichttests richtig sind. Ja, es sei aufwendig, es gehe Unterrichtszeit verloren, aber es lohne sich. "Es ist das einzige, was uns zur Zeit das Risiko vom Leib hält."     

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