Selenskyj besucht befreites Cherson im Süden der Ukraine

Mit einem emotionalem Besuch in Cherson hat Präsident Wolodymyr Selenskyj den Anspruch der Ukraine auf die nach achtmonatiger Besatzung von russischen Truppen wieder aufgegebene Stadt untermauert. "Der Preis für diesen Krieg ist hoch", sagte Selenskyj dabei am Montag laut einer Erklärung der Präsidentschaft. Das gesamte Land hätte jedoch gezeigt, dass "es unmöglich ist, die Ukraine zu töten". Er sang die Nationalhymne mit, während am Verwaltungsgebäude die ukrainische Flagge gehisst wurde.

Selenskyj war in militärisch anmutender Kleidung in den Straßen der Stadt unterwegs, wie auf in Online-Medien veröffentlichten Videos zu sehen war. Die russischen Kräfte seien abgezogen oder geflohen, erklärte der Präsident am Montag: "Wir glauben, dass sie geflohen sind, weil unsere Armee den Feind umzingelt hat und sie in Gefahr waren. Es gab heftige Kämpfe, und das Ergebnis ist: Heute sind wir in der Region Cherson."

Selenskyj war bei seinem Besuch von schwer bewaffneten Leibwächtern umgeben, wobei er selbst weder Helm noch schusssichere Weste trug. Das Präsidialamt veröffentlichte im Kurznachrichtendienst Twitter ein Video, auf dem Selenskyj dabei zu sehen ist, wie er die Nationalhymne singt, während die ukrainische Fahne am Regionalverwaltungsgebäude in Cherson gehisst wird.

Die Rückeroberung sei nicht einfach gewesen, sagte Selenskyj mit Blick auf die vielen Toten und Verletzten. Russland habe in Cherson gezeigt, was es "in unserem Land getan hat, es hat der ganzen Welt gezeigt, dass es töten kann", sagte Selenskyj bei seinem Besuch weiter. "Aber wir alle, unsere Streitkräfte, unsere Nationalgarde und Geheimdienste haben gezeigt, dass es unmöglich ist, die Ukraine zu töten."

Am Sonntagabend hatte der Präsident in seiner Videobotschaft von "Gräueltaten" russischer Soldaten in der Region berichtet. "Die Leichen von Getöteten wurden gefunden: von Zivilisten und Soldaten", sagte Selenskyj . In der Region Cherson habe die russische Armee die "gleichen Gräueltaten" begangen "wie in anderen Teilen unseres Landes, in die sie eindringen konnte".

Der ukrainische Staatschef kündigte an, "jeder Mörder" werde "gefunden und vor Gericht gestellt". 400 russische "Kriegsverbrechen" seien dokumentiert worden, fügte er hinzu. Ob sich diese Zahl allein auf die Region Cherson bezog, sagte er nicht.

Der Kreml reagierte erbost auf den Besuch des ukrainischen Präsidenten in der strategisch wichtigen Stadt. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow kommentierte den Besuch direkt zwar nicht, hob aber hervor, dass Cherson russisches Staatsgebiet sei.

Indes betonten US-Präsident Joe Biden und sein chinesischer Amtskollege Xi Jinping am Montag vor dem G20-Gipfel auf Bali, dass bei dem Konflikt in der Ukraine keine Atomwaffen eingesetzt werden dürfen. Beide Staatschefs "unterstrichen ihre Ablehnung des Einsatzes oder der Androhung des Einsatzes von Atomwaffen in der Ukraine", hieß es in einer Erklärung des Weißen Hauses.

Biden begrüßte zudem die Rückeroberung von Cherson durch die Ukraine als "bedeutenden Sieg". Er sagte, die Kämpfe würden sich im Winter nun "verlangsamen" und der Ausgang des Krieges bleibe "abzuwarten".

Laut Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg stehen der Ukraine schwierige Monate bevor. "Die kommenden Monate werden schwierig sein. Putins Ziel ist es, die Ukraine in diesem Winter kalt und dunkel zu lassen", sagte er auf einer Pressekonferenz in Den Haag. Stoltenberg lobte auch den "unglaublichen Mut" der ukrainischen Streitkräfte und rief die internationale Gemeinschaft zur weiteren Unterstützung auf. Den russischen Truppen warf er "extreme Brutalität" vor.

Die russischen Streitkräfte hatten sich in der vergangenen Woche nach achtmonatiger Besetzung aus Cherson zurückgezogen, nachdem die ukrainischen Truppen in dem Gebiet immer weiter vorgerückt waren. Für Moskau ist der Rückzug eine herbe Niederlage. Cherson war die einzige Regionalhauptstadt, welche die russischen Truppen erobert hatten. Für Moskau ist die Region zudem strategisch von großer Bedeutung, unter anderem um eine mögliche Offensive in Richtung Mykolajiw und zum Schwarzmeerhafen Odessa umsetzen zu können.

kbh/