Serienmörder und Serien-Star: Kriminalpsychologin erklärt Hype um Ted Bundy

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

30 Jahre nach seiner Hinrichtung gibt es wieder einen Hype um den Serienkiller, der seine Opfer wie auch die Öffentlichkeit mit seinem Charme einwickelte. Netflix zeigt die Doku „Ted Bundy: Selbstportrait eines Serienmörders“ und der Kinofilm „Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile“ lief bereits auf dem Sundance Film Festival. Im Interview mit Yahoo Nachrichten erklärt die Kriminalpsychologin Lydia Benecke, wie Ted Bundy tickte.

Was ist an einem Serienmörder wie Ted Bundy faszinierend? Das erklärt die Kriminalpsychologin Lydia Benecke im Interview. (Bild: Getty Images)

Yahoo Nachrichten: Was für ein Typ war Ted Bundy?

Lydia Benecke: Ted Bundy war ein psychopathischer sexueller Sadist. Er hatte kein Mitgefühl, kein Schuldgefühl und keine Angst. Er hatte keine emotionalen Bremsmechanismen und ein starkes Bedürfnis nach Kicks und Selbstaufwertung, was bei psychopathischen Mördern in der Regel eine narzisstische Komponente hat. Solche Serientäter bekommen immer am meisten Aufmerksamkeit, weil ihre Taten ganz besonders unvorstellbar sind. Ted Bundy hat einerseits ein sehr funktionales Leben vorgetäuscht, hat Karriere gemacht, Beziehungen und Freundschaften geführt. Ein scheinbar integrierter Mensch, der gleichzeitig Dinge tut, die sein gesamtes soziales Umfeld so nicht mitbekommen und auch sehr überrascht hat. Eine besonders spannende Komponente ist bei ihm, dass er Psychologie und Jura studiert hat.

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Kluge Wahl für einen Massenmörder, oder?

Benecke: Natürlich! Er wollte auf der sozialen Leiter nach oben steigen und wusste, dafür muss er studieren. Und dann hat er sich Fächer gesucht, die zu seinen Interessen passen. Jura hat er wahrscheinlich studiert, weil er wissen wollte, wie die Ermittlungsbehörden vorgehen. Und Psychologie, um zu lernen, wie er Menschen besser manipulieren und mit ihren Gefühlen und Gedanken spielen kann. Für Psychopathen ist Psychologie quasi das Grundlagenfach für das, was sie sowieso intuitiv tun.

Daneben hat er auch ehrenamtlich bei einer Hotline zur Suizidprävention gearbeitet.

Benecke: Ja, weil dort auch Verbrechensopfer angerufen haben. Er wollte also auch gerne die Opferseite hören, um besser zu verstehen, wie er die Opfer in seiner Gewalt besser manipulieren kann. Aber sicherlich auch, weil ihm die Geschichten eine gewisse Freude bereiteten. Er hat einmal in einem Interview gesagt, dass Täter wie er gerne Ersatzbefriedigung suchen, wenn sie gerade nicht töten können. Zum Beispiel durch Kriminalromane, Slasher-Filme oder Peep-Shows. Ted Bundy war gefährlich sexuell sadistisch mit Tötungsfantasien, die gekoppelt waren an Psychopathie. Und er war Voyeurist. Diese Mischung ist der “Worst Case”. Solche Täter sind auch aus heutiger Sicht immer noch nicht therapierbar und mit die gefährlichsten, die es gibt. Sie beschäftigt nichts anderes als die Frage, wie sie ihre Fantasien umsetzen und damit davonkommen können.

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Ted Bundy verpasste keine Gelegenheit, charmant in die Kamera zu lächeln. (Bild: AP)

Zwischen 1974 und 1978 hat Ted Bundy in kurzen Abständen mindestens 30 Frauen getötet, die sich relativ ähnlich sahen. Was steckte da dahinter?

Benecke: Wenn ein Mörder merkt, dass ihm die Umsetzung seiner Fantasien eine sehr starke Befriedigung verschafft, wird er natürlich versuchen, sich diese wiederzuholen. Das ist das eine. Das andere war Bundys Drang, aus seinem Milieu aufzusteigen. Er hat so getan als wäre er sehr schlau, aber in Wirklichkeit war sein IQ wahrscheinlich durchschnittlich – auch, wenn diverse Internetquellen etwas anderes behaupten. Er kam bei seinem Jura-Studium an seine Grenzen und hätte seinen Abschluss wahrscheinlich gar nicht geschafft. Das ist ein zusätzlicher Faktor: Narzisstische Kränkung ist so ziemlich das schlimmste, was man einem Narzissten antun kann. Es gibt da eine Geschichte, die mich besonders fasziniert hat und die zeigt, wie die narzisstische Kränkung die Opferwahl beeinflussen kann.

Wie lautet die?

Benecke: Während des Studiums hat er eine Frau kennengelernt. Die sah super aus, war sehr klug und kam aus einer der besten Familien. In der Verhandlung wurde sie Stephanie Brooks genannt, aber das war nur ein Tarnname. Natürlich hat Bundy sie nicht geliebt, das tun Psychopathen nicht. Menschen sind für Psychopathen Gegenstände und eine Beziehung ist für sie wie ein cooles Auto, für das einen andere bewundern und mit dem man angeben kann. Als ihn die Frau verlassen hat, von der er sich den gesellschaftlichen Aufstieg versprochen hat, hat ihn das narzisstisch gekränkt.

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Die These ist jetzt: Unabhängig von dieser Erfahrung hätte er sowieso junge Frauen getötet, weil sich die Fantasien und die Psychopathie schon in der Kindheit und Jugend ausgebildet haben. Aber die Auswahl des Aussehens der Opfer war wahrscheinlich eine Koppelung seiner sexuell sadistischen Fantasie an die narzisstische Kränkung. Er hat Frauen gesucht, die ihn an die Frau erinnerten, die ihn so gekränkt hat, um an ihnen stellvertretend seine Wut auszulassen. Das erklärt auch, warum er teilweise in blinder Wut nur noch auf ein Opfer nach dem anderen eingeschlagen hat. Sexuelle Gewaltfantasien, scheinbar göttliche Allmacht und stellvertretende Rache waren sein Motivationsmix.

Ted Bundy genoss es bei seinem Prozess sichtlich, dass er die Aufmerksamkeit einer ganzen Nation auf sich zog. (Bild: Getty Images)

Ted Bundy sah ziemlich gut aus und trat charmant und eloquent auf. War das ein entscheidender Faktor für den Hype, der um ihn entstanden ist?

Benecke: Er war zumindest der erste Täter, bei dem die Öffentlichkeit gesehen hat, dass das Bild, das man von einem Täter hat, nicht zutrifft. Vorher kannte man aus der Presse zum Beispiel Ed Gein, der das Vorbild war für Alfred Hitchcocks „Psycho“. Das war so ein kleiner, unattraktiver Außenseiter, bei dem alle gesagt haben: „Dass der Frauen getötet hat, das wundert uns nicht.“ Ted Bundy war das komplette Gegenteil. Wir wissen aus der Sozialpsychologie, dass attraktive Menschen auf Fremde netter und kompetenter wirken und ihnen viele positive Eigenschaften zugesprochen werden. Das hat evolutionäre Gründe und dahinter steht das Grundschema: Was schön ist, ist auch gut. So ticken Menschen einfach. Die Mischung aus gutem Aussehen und nettem Auftreten ist der Schlüssel, um Vertrauen zu gewinnen. Und das machen sich Täter wie Ted Bundy zunutze.

Es gab regelrechte Fan-Clubs und sogar eine Frau, die Bundy während der Verhandlungen geheiratet und sein Kind bekommen hat. Welche Menschen fühlen sich von solchen Verbrechern angezogen?

Benecke: Die Frage begegnet mir bei der Arbeit, wo wir auch Partnergespräche führen, ziemlich oft. Ich glaube nicht, dass unter, Frauen, die extra in Gefängnisse schreiben um Kontakte mit Straftätern aufzubauen und dann auch eine Partnerschaft eingehen, welche sind, die in ihrer Biographie komplett unbelastet sind. Es gibt Hinweise darauf, dass solche Frauen irgendeine Form von Gewalt erlebt haben und unbewusst eine Nähe zu Tätern suchen.

Was ist mit den Frauen, die die Doku bei Netflix sehen und dann in Kommentaren posten, wie heiß sie Bundy finden? In den USA hat Netflix sogar in einem Tweet extra darauf hingewiesen, dass es im Programm Tausende andere Männer gibt, die keine verurteilten Mörder sind.

Benecke: Ich gehe so weit zu sagen, dass mit einer Frau etwas psychologisch nicht stimmt, die so eine Doku guckt und dann sagt, der Typ wäre heiß. Das würde eine gesunde, stabile Person so nicht wahrnehmen, geschweige denn kommunizieren. Ich treffe auf meinen Vorträgen auch manchmal Menschen, die den Anschein erwecken, sie fänden Serien-Killer cool. Die fühlen sich oft als Opfer und versuchen dann, sich mit einem aggressiven Täter zu identifizieren, um sich aus ihrer Opferrolle zu befreien. Diese Fans und Liebesbrief-Freunde haben alle Schwierigkeiten und einige werden auch krank sein. Anders kommt man nicht zu so einer Bewertung.


Und was ist mit den vielen Menschen, die gerne „True Crime“-Serie gucken?

Benecke: True-Crime-Leser sind ja nicht automatisch die, die die Täter wirklich cool finden. Die Mehrzahl von denen würde sicher sagen: Es ist faszinierend, was es alles gibt. Aber sie konnotieren den Täter nicht positiv.

Den Prozess, in dem er sich selbst verteidigt hat und der im Fernsehen zu sehen war, hat Ted Bundy ziemlich genossen, oder?

Benecke: Ja, er war mit sich selbst total im Reinen. Man sieht auf den Aufnahmen, dass er in die Kamera lächelt und genießt, dass die gesamte Nation auf ihn schaut. Er konnte sich meiner Meinung nach auch gar nicht darauf konzentrieren, sich juristisch richtig zu verteidigen. Weil er viel zu sehr damit beschäftigt war, sich vor der Kamera cool zu finden. Er war so narzisstisch und größenwahnsinnig, dass er von dem Ruhm, den er plötzlich hatte, richtig mitgerissen wurde.

Nur Stunden vor seiner Hinrichtung hat er einem erzkonservativer TV-Prediger noch ein auf Film festgehaltenes Interview gegeben. Was hat er sich davon versprochen?

Benecke: Da erzählte er, was für wunderbare Christen er und seine Familie waren, bis er in Kontakt mit Pornoheften kam und zum Killer wurde. Er lacht zum Teil, weil er es selbst albern findet, dass der naive Pfarrer ihm diesen ganzen Quark glaubt. Dazu muss man wissen: Psychopathen sind immer Atheisten, weil sie davon ausgehen, dass es über ihnen keinen Gott gibt. Bundy hat gewusst, dass Evangelikale in den USA etwas zu sagen haben und einfach gedacht: Wenn ich jetzt der Poster-Boy der Evangelikalen gegen Pornografie werde, lassen die mich vielleicht leben. Und deshalb hat er auch das Spielchen gespielt, das Serientäter gerne spielen: Wenn ihr mich leben lasst, gebe ich vielleicht noch weitere Morde zu. Er hat sogar explizit die Opferfamilien über eine in ihn verliebte Anwältin kontaktieren lassen und ihnen mehr Details versprochen, wenn sie sich dafür einsetzen, dass er nicht hingerichtet wird. Er wollte einfach nicht sterben. Für einen atheistischen Psychopathen ist das nur verständlich.