Setup passt, jetzt muss die Fed liefern: Fünf Themen des Tages

(Bloomberg) -- Jan-Patrick Barnert über die Macht der Worte. — Abonnieren Sie unseren Newsletter Fünf Themen des Tages täglich direkt in ihre Mailbox.

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Was sagt Jay?

Die überverkaufte Markttechnik gibt Anlass zur Hoffnung, dass die Aktienmärkte eine Erholungsrally starten könnten, aber vieles, wenn nicht alles, wird von der heutigen Wortwahl der Federal Reserve abhängen.

Während von den Währungshütern erwartet wird, dass sie vorerst den Status quo beibehalten, könnte die Rede des Fed-Vorsitzenden Jay Powell zu einer gewissen Volatilität führen, insbesondere nachdem wir eine deutliche Verschärfung der finanziellen Bedingungen in den letzten sechs Wochen in den Daten gesehen haben, die den Goldman Sachs US Financial Conditions Index auf den höchsten Stand seit einem Jahr beförderten.

„Wir schätzen, dass die jüngste Straffung etwa den gleichen Effekt auf die Wirtschaft hat wie vier Zinserhöhungen um 25 Basispunkte“, sagen die Ökonomen von Goldman Sachs unter der Leitung von Jan Hatzius. “Der Zinsanstieg ist auf eine Neubewertung des neutralen Zinssatzes und eine Erhöhung der Laufzeitprämie zurückzuführen und dürfte sich daher in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht umkehren.“

Die verschärften Bedingungen dürften den Druck auf die Zentralbank verringern und eine Zinserhöhung zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich unnötig machen, sagen sie. Obwohl mit keiner Zinssenkung bis mindestens nächsten Juni zu rechnen ist, stellen die Ökonomen von Goldman Sachs fest, dass die Fed zuvor auf Sorgen um das Wirtschaftswachstum mit gemäßigten Kursänderungen reagiert hat.

Kurzfristig könnten die Märkte zwar weiter volatil sein, doch die technischen Daten deuten zunehmend auf eine Rally hin, insbesondere in Europa, nachdem der Euro Stoxx 50 das Unterstützungsniveau von 4.025 gehalten hat, was sowohl dem 38%-Fibonacci-Retracement seit Oktober 2022 entspricht, als auch dem letzten mittelfristigen Tiefpunkt der Rally.

Was Marktteilnehmer heute noch bewegen könnte, berichten Ihnen Rainer Bürgin, Alexander Kell und Verena Sepp: Ungemach, mehr Opfer, ruhig, Brauner, bei Benko bröckelts, und zuviel Minus.

Ungemach

Bayer hat vor Gericht in den USA den dritten Glyphosat-Rückschlag binnen Monatsfrist erlitten. Ein Geschworenengericht in Kalifornien hat die Konzerntochter Monsanto zur Zahlung von 332 Millionen Dollar an einen ehemaligen Landvermesser verurteilt, der seine Krebserkrankung auf den Einsatz des Unkrautvernichters Roundup zurückführt. Bis zum Oktober hatte Bayer neun Roundup-Klagen in Folge gewonnen. Die Bayer-Aktie notierte im Mittagshandel 0,8% im Minus. Gegenüber dem Jahresbeginn liegt sie 16% im Minus, während der Dax noch auf ein Plus von 6% kommt. Welche Belastungen die gestiegenen Energiepreise für den Chemiesektor bedeuten, belegt die Nachricht, dass der US-Konzern Celanese Anlagen im westfälischen Hamm dichtmachen will. Die Hälfte der rund 340 Arbeitsplätze am Standort steht auf der Kippe. Celanese hatte das Werk in Hamm-Uentrop erst im vergangenen November von DuPont erworben.

Mehr Opfer

Bei einem israelischen Angriff auf ein Flüchtlingslager im Gazastreifen sind in der Nacht nach palästinensischen Angaben Hunderte Menschen getötet oder verletzt worden. Das Flüchtlingslager Jabalia dient laut Israel auch als Ausbildungszentrum für Hamas-Milizionäre. Der Militärschlag wurde im gesamten Nahen Osten verurteilt. Bei Gefechten im Gazastreifen kamen mindestens neun weitere israelische Soldaten ums Leben. Kreisen zufolge prüfen die USA und Israel Optionen für die Zukunft des Gazastreifens, darunter die Möglichkeit einer multinationalen Friedenstruppe, an der auch amerikanische Soldaten beteiligt sein könnten. Dies allerdings erst nach einem israelischen Sieg über die Hamas. Unterdessen droht das Westjordanland für Israel zu einer neuen Front zu werden. Vorstöße der israelischen Armee in der größeren der beiden palästinensischen Enklaven haben zur Verhaftung von 1.100 Personen geführt, zumeist Hamas-Mitglieder. Im Iran hat Ayatollah Ali Khamenei die muslimischen Länder aufgerufen, ein Embargo für Öl und andere Exporte nach Israel zu verhängen.

Ruhig, Brauner

Kaum hat die EZB vermeintlich den Zinsgipfel erreicht, schießen — angesichts der schwachen Konjunktur im Euroraum — die Zinssenkungshoffnungen ins Kraut. Denen hat Bundesbankpräsident Nagel gestern einen Riegel vorgeschoben. „Unsere straffe Geldpolitik wirkt, aber wir dürfen nicht zu früh nachlassen“, sagte das EZB-Ratsmitglied in Berlin. „Vielmehr werden die Leitzinsen ausreichend lange auf einem ausreichend hohen Niveau liegen müssen.“ Und setzte vorsichtshalber noch einen drauf: “Ob die Zinsen schon ihren Hochpunkt erreicht haben, lässt sich noch nicht sagen.” Ratskollege Martins Kazaks sieht gar “keine Notwendigkeit, über Zinssenkungen zu diskutieren.” Überhaupt brauche es für diese eine “sehr dramatische Wende” in den wirtschaftlichen Aussichten für die Eurozone, so der Lette. Für die April-Sitzung der Notenbank wird schon mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Zinssenkung eingepreist.

Bei Benko bröckelts

Das Signa-Immobilienimperium des österreichischen Milliardärs René Benko bröckelt. Die Tochter Signa Development Selection AG holt sich angesichts eines Liquiditätsengpasses Finanz- und Rechtsberater. In einem Bericht zu den jüngsten Finanzergebnissen, der am späten Dienstag an Investoren verteilt wurde und Bloomberg vorliegt, verweist das Unternehmen auf das verschlechterte Marktumfeld angesichts gestiegener Zinsen. Per Ende Juni beliefen sich die liquiden Mittel noch auf 32 Millionen Euro, nach 125 Millionen zu Jahresbeginn. Bei der Signa Holding soll sich nach dem Rückzug von Roland Berger jetzt auch der seit 2013 investierte Fressnapf-Gründer Torsten Toeller von seinem 4,5%-Anteil getrennt haben. Damit spitzt sich die Lage der Unternehmensgruppe weiter zu. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Bauarbeiten am Elbtower, dem Vorzeigeprojekt von Signa Prime, wegen fehlender Zahlungen gestoppt wurden. Anleihen der Signa Development Finance mit Fälligkeit 2026 notierten am Mittwoch um 5,6 Cent je Euro niedriger bei 53,7 Cent.

Zuviel Minus

Insolvent geht man, wie Bundeswirtschaftsminister Habeck vor einem reichlichen Jahr ausführte, wenn man „mit der Arbeit immer größeres Minus macht“. In Schweden hat die Zahl der Insolvenzen ein Niveau erreicht, dass es im Oktober noch nie gab, seit die Wirtschaftsauskunftei Creditsafe 1999 mit der Erhebung von Daten begann. 795 Gesellschaften mit beschränkter Haftung wurden insolvent, 18% mehr als im Vorjahresmonat und drei Viertel mehr als im Vergleichsmonat 2021. Viele Firmen, die während der Corona-Pandemie gegründet würden, bekämen nun massiven konjunkturellen Gegenwind zu spüren, erklärt Creditsafe-Manager Henrik Jacobsson. Im schwedischen Baugewerbe ist die Zahl der Insolvenzen in diesem Jahr um 35% gestiegen, im Einzelhandel um 32% und im Hotel- und Gaststättengewerbe um 31%. In Deutschland hatten Juli-Zahlen von Destatis unlängst einen Anstieg der Firmeninsolvenzen um mehr als ein Drittel gezeigt. Die Forderungen der Gläubiger haben sich dabei im Jahresvergleich vervierfacht.

Was sonst noch passiert ist:

  • Druckenmiller wettet

  • Oddo BHF angelt

  • Schuldschein-Hoffnung

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