Siemens-Chef Kaeser: Mikroelektronik ist für die Industrie von morgen wichtiger als Software und die Cloud

Höpner, Axel Matthes, Sebastian
·Lesedauer: 17 Min.

Kurz vor seinem Abschied fordert der Siemens-Chef eine Innovationsagenda für Deutschland. Joe Kaeser warnt eindringlich vor einer weiteren Spaltung der Gesellschaft.

Mehr als sieben Jahre stand Siemens-Chef Joe Kaeser an der Spitze von Deutschlands wichtigstem Technologiekonzern. Kurz vor seinem Abschied äußert er sich im Handelsblatt-Interview besorgt über die gesellschaftliche Spaltung: „Der Kasino-Kapitalismus ist zu weit gegangen“, sagte Kaeser. Die Eliten auch in der Wirtschaft müssten nun die gesellschaftliche Integration fördern. Notwendig seien „Sozialpartnerschaften moderner Prägung“.

Zudem sorgt sich der Topmanager um die Innovationsfähigkeit Deutschlands. Zu oft würden Wirtschaftszweige wie die Kohlebranche gefördert, die „den größten Teil ihres Lebenszyklus hinter sich haben“, sagte er. „Wir müssen uns eingestehen, dass Modernisierung auch wehtut.“ Deutschland müsse zudem viel systematischer „technologische Zukunftsfelder unterstützen“.

Er fordert vor allem eine stärkere Unterstützung der Chipindustrie. Die Mikroelektronik sei der Schlüssel für die Weiterentwicklung der industriellen Welt von morgen, das Feld sei viel wichtiger als Software und Cloud-Plattformen. US-Anbieter profitierten laut Kaeser enorm von Aufträgen des Militärs und der Raumfahrt. „So eine Unterstützung hilft dann auch auf den kommerziellen Feldern.“

Die Rolle der US-Tech-Konzerne sieht Kaeser kritisch. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, könnte es in zehn Jahren für die Welt wichtiger sein, wer Chef von Facebook wird, als wer zum US-Präsidenten gewählt wird“, sagte er. Die Politik müsse einen Ordnungsrahmen für die Gewaltenteilung neuer Prägung schaffen.

Bei der Digitalisierung der Industrie sieht Kaeser im Wettbewerb mit Herausforderern wie Microsoft und Amazon bessere Perspektiven für Europa und speziell den Siemens-Konzern. „Ich glaube, dass wir sehr gute Chancen haben, das Betriebssystem für die Fabriken der Zukunft zu stellen.“ Die neuen Angreifer lägen „teils Jahre zurück, wenn es darum geht, die Geschäfte unserer Kunden zu verstehen“.

Nach mehr als 40 Jahren bei Siemens gibt Kaeser auf der Hauptversammlung am 3. Februar den Vorstandsvorsitz an seinen bisherigen Vize ab. „Roland Busch war immer mein Mann und mein Kandidat für die Nachfolge“, betonte Kaeser.

Investoren sehen die Ära Kaeser insgesamt positiv. „Mit der Aufspaltung von Siemens in drei fokussierte Unternehmen hat Herr Kaeser nicht nur geliefert, was er selbst versprochen hat, sondern auch umgesetzt, was der Kapitalmarkt von ihm erwartet hat“, erklärte Vera Diehl von Union Investment. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sagte, Kaeser habe agiert, statt nur auf die Marktentwicklungen zu reagieren. „Er hat wirklich Wert geschaffen.“

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Kaeser, wenn Sie auf die nächsten Jahre blicken, was macht Ihnen mehr Sorgen: die Zukunft von Siemens oder die der Gesellschaft?
Man kann beides nicht voneinander trennen. Wenn es den Ländern, in denen wir aktiv sind, gut geht, dann wird Siemens dort auch unternehmerisch erfolgreich sein. Läuft es schlecht, werden wir weniger Produkte wie Verkehrs- und Gesundheitstechnik oder Automatisierungstechnologie verkaufen. Mir macht vor allem die Spaltung der Gesellschaft Sorgen, die gerade an Geschwindigkeit und Dynamik zunimmt.

Denken Sie da an die USA oder auch an Deutschland und Europa?
Wir sehen die Entwicklung überall. Vor einigen Monaten haben Extremisten in Deutschland versucht, in den Reichstag einzudringen, die Bilder haben mich sehr bewegt. Dann hat ein gewaltbereiter Mob das Kapitol in Washington gestürmt. Es bedrückt mich, dass das mächtigste Amt der Welt den Mob mit extremistischen Äußerungen befeuert hat.

Die USA haben nun einen neuen Präsidenten und damit beginnt ein neues Kapitel ...
... aber der Schaden, der durch die Polarisierung angerichtet wurde, lässt sich so schnell nicht reparieren. Es wird Jahre dauern, die Spaltung der USA zu überwinden, wenn das überhaupt noch mal gelingen sollte. Das zu versuchen, ist aber die wichtigste Aufgabe der Führungseliten überall auf der Welt.

Es ist natürlich einfach, solche Forderungen zu stellen. Was kann die Wirtschaft konkret gegen die Spaltung tun?
In den nächsten Jahren wird die wichtigste Aufgabe von Führung sein, die gesellschaftliche Integration zu fördern. Ich bin überzeugt, dass der Kapitalismus der bessere Weg ist, im Vergleich zum Sozialismus. Aber wir haben es zu weit getrieben. Der Kasino-Kapitalismus ist zu weit gegangen. Deshalb plädiere ich für einen „integrativen Kapitalismus“, der möglichst alle Stakeholder-Interessen in Betracht zieht.

Wie kann die gesellschaftliche Integration konkret gefördert werden?
Ein Beispiel wären Sozialpartnerschaften moderner Prägung. Während in Deutschland Beschäftigungsschwankungen in der Pandemie mit flexiblen Arbeitsmodellen weitgehend aufgefangen werden konnten, stehen in den USA Millionen Menschen arbeitslos auf der Straße.

Was wünschen Sie sich als erste Schritte von der Regierung Biden?
Die ersten Maßnahmen kamen schnell und sind national und international vertrauensbildend: Dazu gehört die Stimulierung der Binnenwirtschaft und vor allem die Rückkehr in die internationale Gemeinschaft, wie zum Beispiel in das Pariser Klimaabkommen.

Sollten sich auch Ihre CEO-Kollegen bei gesellschaftlichen Themen lautstarker einbringen?
Jetzt, als die Ära Trump zu Ende ging, haben sich ja manche noch schnell kritisch geäußert. Das tut niemandem mehr weh und kann auch nicht mehr schaden. Aber ich denke schon, dass es konsequenter ist, nicht ex post zu kommentieren, sondern aus dem Geschehen heraus. Als ich vor etwa einem Jahr auf die Verrohung der Sprache seitens des sichtbarsten politischen Amtes der Welt hingewiesen habe, musste ich dafür Kritik einstecken.

Ich glaube aber, dass die Ereignisse mir recht gegeben haben – von dem tragischen Tod George Floyds bis zum Stürmen des Kapitols. Den Worten folgen Taten, das haben wir in der Geschichte schon oft gesehen. Aber zugegeben: Die Abwägung zwischen gesellschaftlichen Werten und unternehmerischen Interessenlagen ist nicht ganz einfach. Manager sind nur Angestellte, eigentlich müssten sich die Eigentümer äußern.

Das hat Sie aber nicht daran gehindert, beispielsweise in Tweets die AfD zu kritisieren.
Ich habe eine AfD-Funktionärin wegen ihrer rassistischen und nationalistischen Äußerungen im Bundestag kritisiert. Früher hat man von drei Stakeholdern gesprochen, die politische Äußerungen eines CEOs legitimieren könnten: den Eigentümern, den Kunden und den Mitarbeitern. Doch als vierter Stakeholder kommt nun die Gesellschaft hinzu. Sie verleiht den Unternehmen die Lizenz zum Geschäftemachen. Dadurch wird es gewissermaßen zur Pflicht für die Wirtschaft, sich bei den entscheidenden Fragen einzumischen. Besonders, wenn sie den Ruf unseres Landes in der Welt betreffen.

Als es Kritik an der Siemens-Beteiligung am Kohlekraftwerk Adani gab, sahen es aber auch Siemens-intern viele als Fehler an, dass Sie das Thema zur Chefsache gemacht und ihm damit noch mehr Aufmerksamkeit verschafft haben.
Das haben einige gesagt, die es eigentlich besser wissen sollten. Wegducken war noch nie ein probates Mittel. Was wäre denn die Alternative gewesen? Ich hätte es auch durchlaufen lassen können. Aber ein Vorstandsvorsitzender ist für alles im Unternehmen verantwortlich, auch wenn er nicht für jedes Ressort zuständig ist. Jedenfalls gab es da Aspekte, die mir geraten erschienen, dass ich das auf mich ziehe. Das würde ich unter den gegebenen Umständen wieder so machen. Unklug war es eher, diesen Auftrag überhaupt erst rechtsverbindlich anzunehmen.

Warum war Ihnen das Thema denn so wichtig?
Das Spektrum von Umwelt und Klima treibt mich tastsächlich am meisten um. Und es ist unglaublich komplex. Es geht um Versorgungssicherheit, um Arbeitsplätze, aber auch um den CO2-Anstieg – und, weiter, um die strategischen Komponenten von kritischer Infrastruktur eines Landes. Hier gibt es keine einfachen Lösungen.

Aber viele empfanden es als Populismus, dass Sie dann auch noch öffentlichkeitswirksam Klimaaktivistin Luisa Neubauer getroffen haben.
Das wird vermutlich als vermeintlicher PR-Gag in die Annalen eingehen. Aber es ging mir darum, zwei Dinge aufzuzeigen: Einmal, dass ich die junge Generation in die Lösung komplexer Sachverhalte einbeziehen möchte. Zweitens, herauszuarbeiten, dass das „Geschäftsmodell Aktivismus“ am Ende gar keinen Lösungsanspruch hat. Also nur mitreden, aber nicht mitmachen will.

Ich habe Luisa Neubauer gesagt: „Ich schätze das Engagement der jungen Leute sehr und nehme es auch sehr ernst. Aber es wird der Tag kommen, an dem man von dir verlangen wird, dich an der Lösung zu beteiligen.“ Wer nur kritisiert, sich aber nicht an der Lösung beteiligen will, verwirkt das moralische Recht, dauerhaft Sachverhalte anzuprangern.

Also würden Sie im Fall Adani wieder genauso handeln?
Ich würde das Thema wahrscheinlich zwei Ebenen tiefer hängen – Luisa Neubauer aber trotzdem treffen. Ich höre Menschen, die etwas zu sagen haben und für ihr Thema brennen, gerne zu, aber ich hofiere sie nicht.

Stehen Sie noch im Dialog?
Ja. Und ich finde gut, was sie macht, denn man muss bedenken: Die Grünen sind vor 40 Jahren auch als Protestbewegung entstanden und haben dann eine Entwicklung als Partei bis hin zur Regierungsverantwortung durchlaufen. Vielleicht ist das der natürliche Weg. Nur mit der Klimakrise haben wir nicht mehr so viel Zeit.

Was wird die Coronakrise für eine Welt hinterlassen, im Guten wie im Schlechten?

Ich würde mir wünschen, dass die Welt nach Corona eine bessere ist: nachhaltiger, sozial besser integriert und mit einem offenen, freien und fairen Handel. Eine sozial-ökologische Marktwirtschaft also.

Aktuell sieht es eher nach dem Gegenteil aus. Weltweit nimmt der Nationalismus zu – auch wenn es um den Kampf gegen die Pandemie geht.
Es ist daher an der Zeit, dass wir eine sehr grundsätzliche Debatte beginnen: Wir brauchen eine neue Weltwirtschaftsordnung.

Wie soll die konkret aussehen?
Es geht darum, dass sich die großen Wirtschaftsräume auf Augenhöhe begegnen und für alle die gleichen, transparenten und verlässlichen Bedingungen gelten – das viel zitierte „Level Playing Field“. Und es geht darum, sich auf die alte Erkenntnis zu besinnen, dass internationaler Handel und Zusammenarbeit vor allem auch nationalen Wohlstand und Wachstum erzeugen. Im Übrigen ist die vierte industrielle Revolution, also das Internet der Dinge, extraterritorial. Deshalb benötigen wir ohnehin eine Modernisierung der Weltwirtschaftsordnung, also der WTO.

Glauben Sie ernsthaft, dass es dazu kommen wird?
Die Ausgangslage ist jedenfalls gut. Es gibt eine neue amerikanische Führung, die offener sein wird im Dialog. Auch Deutschland bekommt im Herbst eine neue Bundesregierung. Das bedeutet einen Neuanfang, der längerfristige Vereinbarungen wieder eher zulässt. Die Welt befindet sich in einem Systemwettbewerb. Den wird man nicht auflösen können. Aber man muss ihn zumindest organisieren.

Der neue CDU-Vorsitzende Armin Laschet fordert ein „Modernisierungsjahrzehnt“ für Deutschland. Wie könnte das aus Ihrer Sicht aussehen?
Wir müssen uns erst einmal eingestehen, dass Modernisierung auch wehtut. Wir fördern immer noch Wirtschaftszweige wie Kohle, die den größten Teil ihres Lebenszyklus längst hinter sich haben. Stattdessen müssen wir technologische Zukunftsfelder unterstützen, wir brauchen Innovationen, damit das Exportmodell Deutschland auch in Zukunft noch funktioniert. Es gibt ja Zyniker, die sagen, Deutschland sei bereits das schönste Industriemuseum der Welt.

Teilen Sie die Diagnose?
Die Gefahr besteht langfristig, wenn wir uns auf unseren Lorbeeren ausruhen und ständig nach dem Staat rufen. Gleichzeitig sind wir stark genug, um die Wirtschaft jetzt wirklich zu verändern. Von den drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz habe ich viele gute Punkte gehört. Entscheidend ist nun, dass wirklich etwas passiert. Ich begrüße es auch, dass die SPD darauf drängt, die Dinge sozial gerecht zu gestalten. Und wenn die Grünen für eine sozial-ökologische Marktwirtschaft plädieren, wäre das eigentlich das Modell der Wahl.

Weltweit kämpfen die USA und China um die technologische Vorherrschaft in der Hightech-Industrie. Welche Rolle kann da Deutschland am Ende spielen?
Deutschland hat nur zusammen mit dem Rest von Europa eine reelle Chance. Wenn es darum geht, die wirtschaftliche Welt neu zu ordnen, müsste die EU auf Augenhöhe an einem Tisch mit Amerika und China sitzen. Dafür brauchen wir eine gemeinsame europäische Außenwirtschaftspolitik, die dann später mit einer gemeinsamen Sicherheitspolitik ergänzt werden könnte.

Von der wir in vielen Feldern weit entfernt sind – gerade wenn es um den Umgang mit China geht.
Das stimmt. Aus meiner Sicht ist die Einstimmigkeit, mit der in Brüssel viele Entscheidungen getroffen werden müssen, ein Designfehler der EU. Es mag am Anfang richtig gewesen sein, auch den kleineren Ländern eine gleichberechtigte Stimme zu geben. Doch das Modell ist nicht mehr zeitgemäß. Demokratie lebt nicht von Einstimmigkeit, das ist eher ein Phänomen sozialistischer Systeme.

Viel Zeit bleibt der EU nicht mehr. Bei den digitalen Plattformen zum Beispiel dominieren schon längst die USA – und bedrohen auch das Geschäftsmodell von Siemens.
Die USA sind vor allem bei den Konsumenten-Plattformen führend. Doch die bringen nur wenig gesellschaftlichen Nutzen, die Welt würde auch ohne Facebook, Snapchat und Instagram überleben. Gleichzeitig ist die Macht der Tech-Konzerne riesig. Wenn die Entwicklung so weitergeht, könnte es in zehn Jahren für die Welt wichtiger sein, wer Chef von Facebook wird, als wer zum US-Präsidenten gewählt wird. Da muss die Politik einen Ordnungsrahmen für die Gewaltenteilung neuer Prägung schaffen.

Werden die US-Plattformen in einem nächsten Schritt auch bei der Digitalisierung der Fabriken dominieren?

Ich glaube nicht. Da gelten andere Spielregeln. Im Gegensatz zu Privatnutzern wissen Unternehmen sehr genau, was ihre Daten für sie wert sind. Die geben sie nicht einfach her. Und entscheidend sind nicht die Plattformen, auf denen die Daten gesammelt werden, sondern die darauf aufbauenden Applikationen, die einen Kundennutzen bringen. Da ist Siemens in vielen wichtigen Feldern führend.

Microsoft und Amazon drängen aber in Ihr Revier – und investieren Milliarden.
Wir sehen das natürlich. Und sie sind eine potenziell disruptive Gefahr für unser Unternehmen. Aber die vermeintlichen Angreifer liegen teils Jahre zurück, wenn es darum geht, die Geschäfte unserer Kunden zu verstehen. Ich habe deshalb großes Vertrauen in die digitale Stärke von Siemens! Aber wir dürfen uns nicht bequem in Sicherheit wiegen.

Das hat man sich bei Nokia sicher auch gesagt, als das iPhone herauskam.
Vielleicht. Unser Vorteil ist jedenfalls, dass Daten durch die Anlagen gewonnen werden, die wir selbst bauen und ausstatten. In der Cloud können diese Daten zwar ausgewertet werden. Doch dann müssen die Erkenntnisse wieder in den Entwicklungs- und Produktionsprozess zurückfließen. Und das können bisher nur wir, weil wir operativ bei den Maschinensteuerungen und in der Industriesoftware stark sind. Der Abstand vom Marktführer Siemens zu den traditionellen Wettbewerbern in der digitalen Fabrik hat sich in den vergangenen Jahren eher vergrößert.

Wird also Siemens das Betriebssystem für die Fabriken stellen – und nicht Microsoft?
Ich glaube, dass wir sehr gute Chancen haben, das Betriebssystem für die Fabriken der Zukunft zu stellen. Das muss aber in jedem Fall ein offenes System sein – mit proprietären Systemen kommt man heutzutage nicht weit.

Aber Ihre Internet-der-Dinge-Plattform Mindsphere ist noch nicht der große Schlager.
Mindsphere ist eine Plattform, auf der alle Daten zusammenfließen. Der „Schlager“ sind die Applikationen darüber. Da sind wir mit der Fähigkeit, spezielle Software für die Anforderungen unserer Kunden zu entwickeln, allen Wettbewerbern meilenweit voraus. Wir haben zum Beispiel Technologien, mit denen man zehnmal schneller Software programmieren kann als mit Java. So können wir – oder die Kunden selbst – einfach und schnell Apps entwickeln, mit denen zum Beispiel Maschinen und Produktionsprozesse gesteuert und überwacht werden.

Wird Europa bei der Digitalisierung der Industrie weltweit eine führende Rolle spielen?
Die Chancen stehen gut. Aber wir müssen dafür noch einige sehr entscheidende Weichen stellen: Was wir in Deutschland und Europa unbedingt brauchen, ist die Mikroelektronik. Das ist ein viel wichtigerer Schlüssel als Software und die Cloud. Die Mikroelektronik ist der Schlüssel für die Weiterentwicklung der industriellen Welt von morgen.

Warum?
Weil die Halbleiterindustrie immer mehr Funktionalität auf den Chip integriert. Sie bestimmen die DNA der Digitalisierung.

Dann hätten Sie als Siemens ja Infineon behalten können.
Das ist eine Frage, die sich nicht mehr stellt. Wichtig ist heute der Zugriff auf und das Verständnis für diese Technologien. Das haben wir uns mit der Übernahme von Mentor Graphics geholt und wenden das für die industriellen Systeme jetzt an. Das war ein wirklich kluger Schachzug, wenn ich das so sagen darf, der sich am Ende noch viel besser materialisierte, als wir bei der Übernahme veranschlagt hatten. Das Know-how des Chipdesigns hilft uns enorm und ist ein stark differenzierender Faktor gegenüber unseren Wettbewerbern.

Was kann Europa tun, um das Chip-Know-how zu halten?
Europa muss die Mikroelektronik stärker fördern. Viele amerikanische Anbieter profitieren enorm von Aufträgen des Militärs und der Raumfahrt. So eine Unterstützung hilft dann auch auf den kommerziellen Feldern. Beim autonomen Fahren dominieren zum Beispiel US-Chipanbieter, da müssen wir echt aufpassen.

Sie haben versprochen, Ihren Nachfolgern ein besseres Unternehmen zu geben. Ist das gelungen?
Das sollten andere beurteilen. Oft hilft da auch ein Blick auf die Aktienkurse. Ich glaube jedenfalls, dass die drei Siemens-Unternehmen insgesamt gut auf die anstehenden Aufgaben vorbereitet sind. Die Siemens Healthineers sind am weitesten. Sie haben die Metamorphose von einer Division in einem Konglomerat zu einem fokussierten Konzern für Gesundheits-Technologie bereits sehr gut gemeistert.

Na ja, in der Diagnostik läuft es zum Beispiel noch immer nicht rund.
Es gibt noch einiges zu tun, das ist richtig. Aber die Healthineers sind heute an der Börse bereits mehr wert als BMW. Die Übernahme von Varian, dem Marktführer für Krebstherapie, war ein großer transformatorischer Schritt. Die Kombination der bildgebenden Diagnostik der Healthineers mit der Krebsbehandlung von Varian wird völlig neue Dimensionen eröffnen.

Da ist Siemens Energy noch weit von entfernt.
Die Energietechnik hat an der Börse eine gute Entwicklung genommen. Siemens Energy hat gute Voraussetzungen, die Energiewende zu gestalten. Der Weg wird aber nicht einfach. Um dieselben Kapazitäten an Stromerzeugung zu schaffen, brauche ich im Bereich der erneuerbaren Energien nur halb so viele Beschäftigte wie bei der konventionellen Kraftwerkstechnik. Das wird eine gewaltige Transformationsaufgabe – wirtschaftlich und in der Wahrnehmung der sozialen Verantwortung

Bleibt noch die verbleibende Siemens AG mit den Digitalgeschäften.
Die erlebt bereits eine positive Neubewertung. Durch die Abspaltung der Siemens Energy hat sie massiv die Risiken reduziert und massiv im Wert zugelegt.

Aber die Risiken steigen doch, wenn der Konzern kein breit aufgestelltes Portfolio mehr hat.
Die Chancen sind viel höher. Die Risiken steigen nur, wenn das fokussierte Unternehmen schlecht geführt wird. Dann steigt die Übernahmegefahr – und das ist dann aber meistens nur ein Risiko für das Management.

Besteht nicht die Gefahr, dass Investoren als Nächstes die Abspaltung der Healthineers fordern, um weiteren Wert zu heben?
Wieso Gefahr? Was wäre denn eigentlich verkehrt daran, wenn sich eine entfesselte Gesundheitstechnik allein noch besser entwickelt, noch schneller wächst und noch mehr Wert und Arbeitsplätze schafft? Wären das dann nicht diese Pionierunternehmen, die sich in Zukunftsbranchen global behaupten? Die Zukunftsperspektiven eröffnen, die wir so desperat in Deutschland suchen?

Sie können sich also vorstellen, dass die Healthineers komplett abgespalten werden?
Netter Versuch, das habe ich so nicht gesagt, und das haben wir auch nicht vor. Aber es ist nichts verkehrt daran, wenn sich starke Keimzellen zu neuer Größe entfalten und die Zukunft sichern.

Die Befürchtung ist ja eine Marginalisierung, dass Siemens irgendwann zu klein ist.
Die Healthineers haben Dax-Format und der einzige Grund, warum sie nicht schon längst Mitglied sind, ist das fehlende Handelsvolumen. Was ist falsch daran, wenn ein neuer Stern aufgeht und in der Zukunft leuchtet?

Das müssen ja nun Ihre Nachfolger entscheiden. Es haben Ihnen ja viele nicht zugetraut, einen friedlichen Übergang zuzulassen und loszulassen.
Überraschungen gibt es immer wieder.

Es gab auch Zweifel, ob Sie voll hinter Roland Busch als Nachfolger stehen.
Ich hatte jedenfalls keine. Roland Busch war immer mein Mann und mein Kandidat für die Nachfolge. Ich habe ihn als Technologievorstand vorgeschlagen und ihm die Leitung der Strategie anvertraut. Welcher Vorstandsvorsitzende gibt denn die Konzern-Strategie aus der Hand, wenn er nicht Vertrauen und einen klaren Plan hat? Da war doch eigentlich klar, dass alles auf ihn hinausläuft. Und es freut mich, dass der Plan so gut aufgeht.

Zwischendurch haben Sie gesagt, dass Sie zur Not schon weitermachen würden. Damit haben Sie die Spekulationen doch selbst befeuert.
Ich war gefragt worden, ob ich mir ein Weitermachen vorstellen könne, wenn das Unternehmen in Schieflage geraten würde. Natürlich würde man da helfen, man will ja kein Chaos-Unternehmen hinterlassen. Ich hatte in diesen zwei Jahren aber nie Zweifel, dass Roland Busch mein Nachfolger wird.

Was haben Sie noch für Pläne, wenn Sie den Siemens-Vorstandsvorsitz abgegeben haben?
Es ist interessant zu sehen, wie viele unterschiedliche Optionen sich jetzt gerade eröffnen. Ich werde mir die nächsten Schritte in aller Ruhe überlegen. Aber jetzt will ich erst mal auf der Hauptversammlung den Aktionären Rechenschaft ablegen und die Ära damit ordentlich beschließen. Die aktuellen Geschäftsergebnisse sind ja sehr erfreulich. Das ist ein guter Abschluss einer langen und abwechslungsreichen Zeit und eine solide Basis für das neue Managementteam.

Herr Kaeser, vielen Dank für das Interview.