Silvester: Die Nacht, die alles veränderte – Chronologie einer Recherche

Erst Recherchen der Kölner Zeitungen bringen Licht ins Dunkel der Neujahrsfeier.

Mit einer Pressemitteilung am Neujahrsmorgen setzt die Polizei Köln um 8.59 Uhr für die folgenden Stunden den Grundton in der Medienberichterstattung über die Silvesternacht: „Ausgelassene Stimmung, Feiern weitgehend friedlich, Einsatzlage entspannt“, heißt es in der Meldung. Niemand zweifelt das an. Zunächst. Warum auch?

Die Polizei meldete - „Alles entspannt“

Noch ahnt in den Redaktionen niemand, dass die Pressestelle wegen desaströser interner Kommunikationsfehler nichts von den nächtlichen Übergriffen wusste – und daher auch nichts darüber mitteilte. Erst in den folgenden Stunden und Tagen kommt ans Licht, was in der Silvesternacht 2015 wirklich geschah.

Auf Facebook, in E-Mails und in Telefonaten mit den Lokalredaktionen von „Kölner Stadt-Anzeiger“, „Express“ und „Kölnischer Rundschau“ berichten Opfer und Augenzeugen ab mittags von sexuellen Übergriffen und einer überforderten Polizei. Doch die bleibt auf Nachfrage dabei: „Alles weitgehend entspannt“. Um 13.21 Uhr berichtet die Digitalredaktion des „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf www.ksta.de dennoch über die geschilderten Vorfälle – als erstes Medium bundesweit.

Die „Kölnische Rundschau“ macht ihren Lokalteil mit den Silvesterereignissen auf, die Zeile lautet: „Frauen ausgeraubt und sexuell belästigt“. So ausführlich berichtet zu diesem Zeitpunkt keine andere Zeitung. Derweil setzen sich Reporter der drei Lokalredaktionen unabhängig voneinander ans Telefon, lassen sich Abläufe von Opfern und Augenzeugen schildern, sprechen mit Informanten aus Sicherheitsbehörden und werten Beiträge in Internet-Foren aus. Gegen Mittag veröffentlichen „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Express“ online die exklusive Nachricht, dass die Polizei intern bereits von etwa 30 sexuellen Übergriffen und 50 Tätern ausgeht. Am frühen Abend bestätigt die Behörde diese Informationen per Pressemeldung.

Der „Sonntag-Express“ berichtet auf mehreren Seiten. Von einem nächtlichen „Spießrutenlauf für Frauen“ ist die Rede. Auch Polizisten, die in der Nacht im Einsatz waren, kommen erstmals zu Wort.

Die wahre Dimension der Ereignisse kommt lange nicht an der Landesspitze an

Aus Kölner Zeitungen erfährt die Landesregierung nach eigenen Angaben vom wahren Ausmaß der Übergriffe. Das Innenministerium fordert einen Bericht von der Polizei Köln an. Die Begründung: Zwar hätte die Behörde seit dem Neujahrstag vier interne „Wichtiges Ereignis“-Meldungen (sogenannte „WE-Berichte“) verschickt, die auch die Landesspitze erreichten. Die Dimension hätten die Meldungen aber nicht widergespiegelt. Polizeipräsident Wolfgang Albers äußert sich am Mittag in einer Pressekonferenz, spricht von „Straftaten einer neuen Dimension“ und von jungen Männern aus Nordafrika als Tatverdächtigen.

Die berühmte „Armlängen-Pressekonferenz“: Oberbürgermeisterin Henriette Reker empfiehlt Frauen, die vielzitierte „Armlänge Abstand“ zu halten, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Die Formulierung bezeichnet Reker später selbst als „unglücklich“.

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ enthüllt, dass sich die Polizeiführung schon in der Silvesternacht der politischen Brisanz der Übergriffe in Zusammenhang mit arabischen und nordafrikanischen Flüchtlingen als möglichen Tätern sehr wohl bewusst war: Im ersten WE-Bericht am frühen Neujahrsmorgen hatte ein Dienstgruppenleiter die Herkunft von in der Nacht kontrollierten Männern noch bewusst verschwiegen – sie zu nennen sei ihm „politisch zu heikel“ gewesen, bestätigte der Beamte später vor dem Untersuchungsausschuss. Der Druck auf Polizeipräsident Wolfgang Albers nimmt zu.

Ein Zettel, der hohe Wellen schlägt

Am frühen Morgen erfahren „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnische Rundschau“ von einer nächtlichen Personenkontrolle am Hauptbahnhof. Den Zeitungen wird das Foto eines Zettels zugespielt, den Polizisten bei zwei jungen Männern gefunden haben. Er zeigt krude Übersetzungen sexistischer Begriffe vom Deutschen ins Arabische. Kaum ist er auf www.ksta.de zu sehen, melden sich Zeitungen und Fernsehsender aus Deutschland und der Schweiz in der Redaktion, sie wollen das Foto ebenfalls veröffentlichen. Am Nachmittag versetzt Innenminister Ralf Jäger Polizeipräsident Albers in den einstweiligen Ruhestand, „um das Vertrauen der Öffentlichkeit und die Handlungsfähigkeit der Kölner Polizei zurückzugewinnen“.

Der „Express“ deckt schwere Kommunikationspannen zwischen Landespolizei, Bundespolizei und Stadt in der Silvesternacht auf – mit dem Resultat: Hätten sich die drei Behörden besser abgestimmt, wären das Chaos auf der Hohenzollernbrücke und etliche Sexualstraftaten womöglich verhindert worden.

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss im NRW-Landtag legt seinen Abschlussbericht vor. Er benennt Fehler aller Behörden, ist allerdings auf Initiative der Regierungsfraktionen SPD und Grüne um besonders kritische Passagen bereinigt worden, die Versäumnisse der Landesregierung betreffen....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta

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