Sing meinen Song, Tag 3: Nichtstun als Extremsport mit Judith Holofernes

Herzlich, unbeschwert, aber nachdenklich: So lässt sich Judith Holofernes’ Abend bei „Sing meinen Song“ am besten beschreiben. (Bild: VOX/Markus Hertrich)

Sie ist die Poetin der Runde – und genauso nachdenklich wie ihre Texte sind, war auch ihr Abend: In Folge 3 von „Sing meinen Song“ stand Judith Holofernes, Solokünstlerin und Frontfrau der auf Eis gelegten Band „Wir sind Helden“, im Mittelpunkt.

Die Geschichte des Abends: Judith Holofernes erzählte vom irren Arbeitspensum ihrer Erfolgsband „Wir sind Helden“ und den Touren mit zwei Kindern. „Wir waren fünf Jahre lang mit den Kindern auf Tour, weil wir gar nicht anders konnten“, erzählt sie vom Elternsein (der Vater ihrer Kinder ist Helden-Drummer Pola Roy). „Keine Pause, nicht schlafen. Um elf auf die Bühne gehen, bei Rock am Ring Headliner sein, von der Bühne kommen, stillen, morgens um 5:30 wieder wach sein.“ Die Folge: Totale Erschöpfung, die sich vor allem im sehr melancholischen letzten Album der Band widerspiegelt. „Diese Platte ist generell ziemlich dunkel. Es gab so ‘nen Moment, wo wir das irgendwann der Plattenfirma vorgespielt haben. Die haben sich umgedreht zu mir: ‚Geht’s dir gut?’ Es ging mir nicht gut. Da habe ich gemerkt, ich kann das nicht mehr machen.“

Mittlerweile ist Holofernes wieder deutlich entspannter – und frönt trotz Solokarriere und Kindern dem „Nichtstun als Extremsport“, wie sie erzählt. „Man darf Lebensglück und Freude auf keinen Fall aufschieben. Es gibt keinen, der am Sterbebett bereut hätte, dass er ein bisschen zu wenig gearbeitet hätte.“ Das thematisiert sie auch in vielen ihrer Texte, die ihr den Ruf als eine der besten deutschen Lyrikerinnen im Pop einbrachten.

Auch Mary Roos hatte an diesem Abend wieder tolle Geschichten parat: Sie schrieb mehrere der Fix-und-Foxi-Comics, geht zum Schreien in den Wald, umarmt Bäume und hat die Titelmelodie der Glücksbärchen gesungen. Mehr Sympathie als die Schlagerlegende kann man in einer einzigen Sendung nicht gewinnen.

Rea Garvey mit „Müssen nur wollen

Den Beginn machte der Ire Rea Garvey – und der traut sich neuerdings auch, auf Deutsch zu singen. „Guten Tag“, das Stück, das er sich vorknöpfte, war nicht nur der erste Hit der Band, sondern auch noch sehr textlastig. Garvey drehte die Geschwindigkeit des Songs ein wenig runter, machte daraus einen groovigen Rockstampfer und blieb textlich erstaunlich fest im Sattel.

Leslie Clio mit „Müssen nur wollen

Leslie Clio brachte den Helden-Klassiker „Müssen nur wollen“ musikalisch in die 1980er-Jahre. Nicht nur musikalisch, auch von der Performance her sehr gelungen: Clio gab eine Mischung aus perfekter 50er-Jahre-Hausfrau und Roboter, ein Bild das nicht nur Holofernes an den Film „Die Truman Show“ erinnerte. Das passte perfekt zum Thema des Songs – dem “Funktionerenmüssen” im kapitalistischen Zeitalter – und klang auch noch ganz großartig. Denn im Gegensatz zu ihrem Kollegen Marian Gold hält Leslie Clio wenig von musikalischer Übertreibung.

Mary Roos mit „Nur ein Wort“

Auch Mary Roos entschied sich für einen Helden-Gassenhauer. „Ich hab den Text überhaupt nicht kapiert am Anfang. Ich dachte, was singt die denn da.“ Sind ja auch nicht unkompliziert, die Texte von Frau Holofernes. Auch Roos landete einen Volltreffer – den Song präsentierte sie im Chanson-/60er-Jahre-Schlagergewand und das ergab musikalisch auch absolut Sinn. In Frau Roos sind ohnehin längst alle Teilnehmer vernarrt. „Ich fühle mich wie ein Geburtstagskind“, kommentierte die Besungene ihren Abend.

Mark Forster mit „Oder an die Freude“

Forster tat das Übliche: Obwohl er einen fremden Song sang, in diesem Fall einen Teil von Holofernes’ Stück „Oder an die Freude“, machte er ihn sich vollends zu eigen. Beim Gastgeber klingt alles immer nach perfekt durchdachtem Charthit – man kann Forster mögen oder nicht, er hat zurzeit allem Anschein nach ein goldenes Händchen.

Marian Gold mit „Bring mich nach Hause“

Marian Gold sang das depressive „Bring mich nach Hause“ vom gleichnamigen düsteren Album. Wie gewohnt explodierte Gold beim Singen vor gediegener Emotion – von der Gestik bis zum Falsett ging er gefühlsmäßig aufs Ganze. Seine Performance triefte nur so vor Pathos, in den letzten zwei Folgen trieb er es damit auf die Spitze. So großartig Golds Arbeit mit Alphaville ist, bei „Sing meinen Song“ ist er der schwächste Kandidat, sowohl auf der Bühne als auch auf der Couch.

Judith Holofernes mit „Der letzte Optimist“

Der Star des Abends selbst suchte sich einen ruhigen, introspektiven Song aus. „Der letzte Optimist“ setzte auf nachdenkliche, leise und poetische Töne.

Johannes Strate mit „Denkmal“

Revolverheld-Sänger Johannes Strate nahm sich den bekanntesten Song von Holofernes’ Band „Wir sind Helden“ vor. „Denkmal“ ist heute längst einer der bekanntesten deutschen Rocksongs aller Zeiten und ein Party- und Festivalklassiker. Strate machte daraus wenig überraschend einen Schmachtfetzen, der sich am Höhepunkt in Streicher- und Bläsersounds ergoss.

Die Konfettikanone

Und dann das Urteil der Besungenen: Alle waren gut, alle haben sich etwas getraut – aber am meisten bestimmt Rea Garvey. Deswegen bekam er, völlig zu Recht, die Konfettikanone verliehen. Eine im Vergleich zu anderen Abenden angenehm unpathetische Folge mit Tiefgang – zumindest so viel Tiefgang, wie bei einem solchen Format eben möglich ist.

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