"Ich bin nicht in der Sklaverei!" - Sternekoch geht bei "Hart aber fair" auf Virologin los

Jens Szameit
·Lesedauer: 6 Min.

Heldenverehrung der Virologen? Das war einmal. Bei Frank Plasberg musste eine Forscherin schwer einstecken - ein Star-Gastronom fuhr regelrecht aus der Haut. Gut, dass Schauspieler Ulrich Matthes so leidenschaftlich an aristotelische Theater-Ideale erinnerte.

Es kommt eher selten vor, dass Ausgaben von Frank Plasbergs "Hart aber fair" einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleichen. "Lagerkoller im Lockdown - was lässt Corona von unserem Leben übrig?", titelte am ungewohnt späten Montagabend der beliebte ARD-Talk. Was vom Leben übrig bleiben wird, das weiß man nach diesen 60, gelinde gesagt, angeregten Fernsehminuten immer noch nicht. Wohl aber lässt sich abschätzen, wie arg der Lagerkoller den Deutschen schon aufs Gemüt schlägt. Mehr Frust- und Aggressionspotenzial hat in Zeiten der Coronakrise bislang noch keine Talk-Sendung entfaltet.

Moderate Töne waren lediglich beim Aufgalopp zu vernehmen. Etwa von Malu Dreyer, der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Sie habe "großes Verständnis für alle, die hoffen, dass mehr Lockerungen kommen", versicherte die SPD-Politikerin. Nun müssen man Stufenpläne vorlegen, um Eltern, Gastronomen und allen anderen Perspektiven aufzuzeigen. Zu den Eltern und Gastronomen später mehr.

"Im Großen und Ganzen für vernünftig" hält Schauspieler Ulrich Matthes die bisher getroffenen Maßnahmen der Regierung. Alles müsse auch fortan "mit Augenmaß" geschehen, gleichwohl wünsche er sich, dass "die Scholzsche Bazooka" auch mal "auf den Bereich der Kultur angelegt" wird. "Sie haben sich vehement für Streichelzoos eingesetzt", stichelte Matthes charmant in Richtung der anwesenden Ministerpräsidentin, "ich hätte mir gewünscht, dass Sie sich mit der gleichen Vehemenz für die Kultur eingesetzt hätten." Matthes leidenschaftlich: "Das Kino ist in existenzieller Gefahr.

Ulrich Matthes (ARD)
Ulrich Matthes (ARD)

Wenn es so weiter geht, sind bald die Hälfte aller Kinos zu, und die anderen werden nach Corona auch nicht wieder aufgemacht. Herr Plasberg, was war eigentlich Ihre Frage?" Wenn Branchen-Lobbyismus doch immer so heiter vorgetragen würde!

"Wir sind in einem unternehmerischen Wachkoma"

Ganz anders die Gemütslage bei Katrin Bruns, Mutter von drei kleinen Kindern und derzeit im Home Office "extrem angespannt", wie sie versicherte. "Das Gefühl ist gewachsen, dass keinem klar ist, was das bedeutet." Sollte es wirklich keinen Schul-Regelbetrieb geben, bis ein Impfstoff kommt, wäre das für sie ein Horrorszenario: "Da steigt die Panik!"

Und dann war da noch der aus einschlägigen TV-Shows bekannte Spitzengastronom Alexander Herrmann zu Gast bei "Hart aber fair". Er erweckte den Eindruck, als trage er ein besonders scharfes Messer aus seiner Sterneküche gleichsam zwischen den Zähnen. "Wenn wir weiter machen wie bisher, fallen wir eine Klippe runter, wo wir nicht mehr rauskommen", fiel der Maitre mit der Forderung nach großzügigeren Lockdown-Lockerungen gleich ins Haus. "Wir sind in einem unternehmerischen Wachkoma, wir müssen da raus!", so Herrmann. "Die Kollateralschäden wären viel schlimmer, als es bis jetzt das Coronavirus ist."

Kein Corona-Talk ohne virologische Expertise. Diesmal hatte sich die Braunschweiger Helmholtz-Forscherin Melanie Brinkmann bereitgestellt, eine inzwischen Talkshow-gestählte Professorin. Doch einen so undankbaren Job wie an diesem Abend hatte sie vor Fernsehkameras bisher noch nicht zu erledigen. Ihr Ziel: die Zahl der Infektionen so gering zu halten, dass Menschen keine Angst mehr haben müssen, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Brinkmann: "Wenn man sich die Kurven anschaut, bin ich begeistert, wie das funktioniert hat."

Frank Plasberg (ARD)
Frank Plasberg (ARD)

Schon fuhr ihr Frank Plasberg hart die Parade, als gelte es, von Gastgeberseite aus zu demonstrieren, dass die Zeit des Welpenschutzes für Virologen vorbei ist. Plasberg erinnerte die Infektionsforscherin an ihre drastischen Warnungen vor zu frühen Lockerungen. Nun seien zwei Wochen um, und die befürchtete "zweite Welle" sei nicht gekommen. "Haben Sie sich getäuscht?" Es sei es erst eine Woche rum, verteidigte sich Brinkmann. Doch vielleicht helfe ja schon die Maskenpflicht, dass die Zahlen beherrschbar bleiben.

"Jetzt fangen Sie und andere an, die Virologen zu bashen, das kann nicht sein!"

Zahlen wurden dann noch ein regelrechtes Reizthema im ARD-Studio. Frank Plasberg wollte Einschätzungen zum geplanten Bundesliga-Neustart einholen, über den am Mittwoch entschieden wird, wiewohl soeben diverse Corona-Fälle in den Vereinen publik wurden. Für Sternekoch Herrmann darf der Ball trotzdem gerne wieder rollen. Zehn von 1.700 Leuten seien positiv getestet worden. Das ergebe eine Quote von 0,6 Prozent, also praktisch nichts. "Löblich, dass sie für mich rechnen", reagierte Virologin Brinkmann leicht sarkastisch und befand: "Die Zahlen sagen eigentlich gar nichts." Da fuhr Alexander Herrmann aus der Haut.

"Doch! Doch!", ereiferte sich der TV-Koch lautstark - und schimpfte auf das vermeintliche Analyse-Wirrwarr der Wissenschaft. "Ich muss nur genügend Virologen fragen, dann kriegt man die Zahl, die man braucht." Nun platzte dessen Sitznachbar der Kragen. "Vor wenigen Wochen noch haben wir die Virologen gefeiert", erinnerte sich Ulrich Matthes. "Jetzt fangen Sie und andere an, die Virologen zu bashen, das kann nicht sein!" Frank Plasberg sah sich genötigt, sein Pult zu verlassen und zu schlichten. Das war aber auch nicht recht. "Sie waren mir gerade zu nah!", mahnte die Professorin den Mindestabstand an. Dann sammelte sie sich und begann noch mal von vorn.

"Erkenntnisse kommen frisch auf den Tisch und werden von den Medien aufgegriffen, obwohl sie noch gar nicht gar sind, wenn ich das zum Sternekoch sagen darf", zischte sie eine nun spürbar feindselige Allegorie zum Nebenmann. Brinkmann: "Diese Zahlen sind absolut sinnlos, ohne dass ich weiß, woher die Spieler kommen." Doch aus welchen Vereinen die infizierten Spieler stammen, verrät die Deutsche Fußball-Liga nicht, wusste Plasberg. Tja, schade.

"Die Zahlen werden immer neu ausgelegt. Wir hocken da wie die Deppen."

Alexander Herrmann war damit noch längst nicht besänftigt. "Ich werde verhindert. Ich bin nicht in der Sklaverei. Deshalb muss ich das verstehen. Die Zahlen werden immer neu ausgelegt. Wir hocken da wie die Deppen und schauen, wie lange überleb' ich noch. Man neigt zur Aggression." Das war nicht zu übersehen.

Als Melanie Brinkmann später für regionales und lokales Reagieren warb - am besten per Nachverfolgungs-App -, um "das verdammte Virus unter Kontrolle zu bekommen", ging der Gastronom wieder dazwischen. "Welchen Virus kann man denn unter Kontrolle bekommen?", befragte er scheinheilig interessiert die Fachfrau. Brinkmann: Mit sexuell übertragbaren Viren sei das zum Beispiel leichter. Die Erkenntnis, wie leicht sich SARS-CoV-2 von Mensch zu Mensch übertragen lässt, scheint nicht in jede Sterneküche vorgedrungen zu sein.

Gegen Ende versuchte dann noch mal der "privilegierte", weil von seinem Schauspielhaus fortlaufend entlohnte Kulturmann Matthes eine Lanze für die bedrohte Spezies der Stadttheater zu brechen. "Ich will überhaupt nicht der Kulturfuzzi sein, der glaubt, er sei was Besseres", hob Matthes zu einem fürwahr bühnenreifen Monolog an. "Aber ich glaube, dass Kulturstätten Schulen der Empathie sind. Da wird auf sinnlichste und bisweilen unterhaltsame Weise verhandelt, was Menschsein ausmacht."

Das ist wahr. Aber manchmal vermag das sogar ein Talk-Abend bei Frank Plasberg im Ersten zu leisten.