Sneaker-Jagd: Was wirklich mit entsorgten Schuhen passiert

·Freie Autorin
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Was passiert mit den Millionen Schuhen, die in Deutschland täglich aussortiert werden? In Zeiten, in denen Fast Fashion und die damit einhergehende Textilverschwendung und Umweltbelastung in der Kritik steht, machen viele Unternehmen große Nachhaltigkeitsversprechen. Ob sie diese auch halten, hat ein GPS-Experiment überprüft.

Gebraucht, aber guter Zustand - lohnt es sich, solche Schuhe ins Recycling zu geben? (Symbolbild: Getty Images)
Gebraucht, aber guter Zustand - lohnt es sich, solche Schuhe ins Recycling zu geben? (Symbolbild: Getty Images)

Elf Prominente haben dem Projekt des NDR, der "Zeit" und des Recherche-Start-ups Flip ihre Schuhe gespendet, die daraufhin mit GPS-Sendern ausgestattet und auf unterschiedliche Arten entsorgt wurden. 

Damit sollte überprüft werden, was mit den aussortierten Schuhen passiert - und ob Unternehmen ihre Recycling-Versprechen einhalten können oder diese nur Greenwashing sind. Hier zwei Beispiele aus der Aktion

Produktionsmaterial aus recycelten Nike-Schuhen - oder doch aus neuer Retouren-Ware?

Komikerin Carolin Kebekus beispielsweise wirft ein Paar Nike-Sneakers in eine Box im Nike-Store mit der klaren Botschaft: “Recycle deine alten Schuhe”. Diese sollen in speziellen Anlagen geschreddert und zu "Nike Grind" verarbeitet werden, aus dem dann neue Produkte entstehen sollen. 

Das GPS-Signal führte das Recherche-Team ins belgische Herenthout, wo die Recycling-Anlage vermutet wird. Da Nike sich auf Nachfrage nicht äußern wollte, reiste das Team hin - und stellte dort mit versteckter Kamera fest, dass dort zwar tatsächlich Schuhe geschreddert wurden, diese allerdings nagelneu aussahen.

Allem Anschein nach wurde in der Anlage in erster Linie Neu- oder Retouren-Ware geschreddert. Ein Verdacht, den ein anonymer Arbeiter vor Ort bestätigte. Das Team überprüfte dies, indem sie ein Paar neu gekaufte Sneakers zurückschickten - mit GPS-Tracker natürlich. Anstatt neu verkauft zu werden, landeten diese tatsächlich in der Schredder-Anlage. 

Warum nur Schuhe in sehr gutem Zustand recycelt werden sollten

Influencer Fynn Kliemann spendete Vans, die gerade mal "zehn Jahre alt oder so" seien, wie er dem Team sagte. Auf jedem Fall seien sie in einem Zustand, in dem sie weiterverwertet und nicht zerstört werden müssten, wie er hoffte. 

Die Vans landeten im "We take it back" von C&A. Vor Ort wurden die Schuhe nicht angenommen und mussten eingeschickt werden. Das GPS-Signal führte das Team schließlich zur Sortieranlage von Texaid, einem Textilverwertungs-Unternehmen. Dort werden Berge von Kleidung und Schuhen von Hand sortiert und bewertet. 

Dort zeigte sich: Nur A-Ware, also Schuhe, die fast neu sind, gehen wieder zurück in den Second-Hand-Verkauf. Andere werden je nach Zustand exportiert oder gegen gleich in die Verbrennung - so wie auch die Vans von Kliemann, deren Zustand von den Fachleuten vor Ort deutlich anders bewertet wurde als vom Influencer selbst. 

Texaid-Inhaber Thomas Böschen rät daher, nur gute Ware ins Recyling zu geben und beschädigte, alte oder abgetragene Schuhe selbst in den Abfall zu werden. Dem Recherche-Team sagte er: "[Der Schuh] ist mindestens durch drei Hände gegangen und hat am Ende trotzdem nur in der Verbrennung noch Geld gekostet. Am Ende ist der Schuh einfach nur noch mal ein paar Hundert Kilometer gefahren, um hier im Müll zu landen." 

Kaputte Schuhe recyceln? Den Fachleuten zufolge derzeit nicht machbar

Auch recycelt werden solche kaputten oder abgetragenen Schuhe nicht, da sich dies auf wirtschaftlicher Sicht schlicht nicht lohnt. Böschen erklärt: "Im Fall von Schuhen gibt es heute noch keine wirtschaftlich tragfähigen Recycling-Möglichkeiten." 

Professor Michael Braungart, Experte für Kreislauf-Wirtschaft, bestätigte dem Recherche-Team diese These. Konfrontiert mit einem Paar abgetragenen Nike-Air-Sneaker rechnete er vor, dass in solchen Designer-Schuhen rund 30 verschiedene Komponenten enthalten seien, "das heißt, es wird im Prinzip der ganze Zoo an Chemikalien verwendet" - einschließlich giftiger Schwermetalle, die nicht abzubauen und damit unmöglich zu recyclen seien. 

Der Recycling-Experte erklärt: "Um es klar zu sagen: Diese Schuhe sind nicht fürs Recycling gemacht. Alles, was dort an Recycling angeboten wird, ist ein massives Down-Cycling. Das Ganze ist dafür entwickelt worden, möglichst billig zu sein und eine Weile nett auszusehen." 

Video: Glas-Recycling: Soll man den Deckel beim Altglas abschrauben oder nicht?

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