So geht Geschichtskino: Wie sich eine jüdische Partisanengruppe 1945 an den Deutschen rächen wollte

Nach dem Fall von Nazi-Deutschland will Max (August Diehl) Rache. (Bild:  Getaway Pictures / Patricia Horlbeck)
Nach dem Fall von Nazi-Deutschland will Max (August Diehl) Rache. (Bild: Getaway Pictures / Patricia Horlbeck)

"Sechs Millionen für sechs Millionen": Die Sky-Co-Produktion "Plan A - Was würdest du tun?" wirft ein Schlaglicht auf ein bislang ausgespartes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Mit einem fantastischen August Diehl beweist das sensibel erzählte Drama, wie grandios Geschichtskino sein kann.

Wissen Sie, was Nakam bedeutet? Sofern Sie kein Experte deutscher Nachkriegsgeschichte und des Holocaust sind, vermutlich nicht. Aus dem Hebräischen lässt sich das Wort am treffendsten mit "Rache" übersetzen. Gleichzeitig benannte es eine jüdische Organisation, die es sich nach Kriegsende 1945 zum Ziel setzte, den grausamen Genozid der Nazis nach dem Motto "Sechs Millionen für sechs Millionen" zu rächen. Für jeden getöteten Juden sollte ein Deutscher sterben. Dieses in fast jedem Schulunterricht ausgelassene Kapitel der Nachkriegsgeschichte erzählt nun in beeindruckender Manier die deutsch-israelische Sky-Co-Produktion "Plan A - Was würdest du tun?" (ab 10. Juni).

Die Meriten für das imposante Stück Geschichtskino verdient sich vor allen Dingen das Regie-Duo, die israelischen Brüder Yoav und Doron Paz. Sie stammen selbst aus einer Familie deutscher und polnischer Holocaust-Überlebender und wurden auf dem Filmfestival in Haifa völlig zu Recht mit dem "Artistic Achievement Award" geehrt. Den Filmemachern glückt der schwierige Spagat zwischen erklärendem Geschichtskino und großen moralischen Fragen, ohne den Zeigefinger zu heben. Der große Kniff: Die Gebrüder Paz stellen Fragen in den Raum, liefern aber keine eindeutigen Antworten. Statt pathetischem Schwarz-Weiß-Denken binden sie das Publikum ein und regen es zum Nachdenken an.

Max (August Diehl) will den Tod seiner Familie rächen. (Bild:  Getaway Pictures / Patricia Horlbeck)
Max (August Diehl) will den Tod seiner Familie rächen. (Bild: Getaway Pictures / Patricia Horlbeck)

Ein Ausgestoßener auf der Suche nach Rache

Gleich zu Beginn des Nachkriegsdramas gibt die Frage "Was würdest du tun?" den Ton an, der die kommenden 105 Minuten mal zurückhaltend im Hintergrund, mal auffällig im Zentrum der Handlung durchschwingt. All diese Emotionen durchlebt auch Max (August Diehl). Die Schrecken des Krieges haben dem jüdischen KZ-Überlebenden tiefe Furchen ins Antlitz gebrannt. Als er zerlumpt, verdreckt und mit ausgemergeltem Gesicht an seinem ehemaligen Zuhause ankommt, wird er vertrieben. Max ist ein Ausgestoßener, ein Mensch ohne Zuhause, ohne Familie und Identität.

Als die jüdische Brigade der britischen Armee ihn aufliest, bietet sich Max die Möglichkeit, nach Palästina auszureisen, weg vom im Blut seinesgleichen getränkten deutschen Boden. Trotz des durchlebten Leids kann er nicht loslassen, will er doch den grausamen Tod seiner Frau und seines kleinen Sohnes rächen. Über den General Michael (Michael Aloni) wird Max Teil eines Rachekommandos, das versteckte Nazis aufspürt und nach Überprüfung zweier unabhängiger Quellen mit dem Tod bestraft. Rechtfertigt ein Genozid Selbstjustiz? Moralische Fragen wie diese lässt "Plan A - Was würdest du tun?" im Raum stehen und überlasst die Auseinandersetzung damit dem Publikum.

Die jüdische Brigade der britischen Armee um Michael (Michael Aloni) nimmt nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Recht selbst in die Hand. (Bild:  Getaway Pictures / Moshe Mishali)
Die jüdische Brigade der britischen Armee um Michael (Michael Aloni) nimmt nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Recht selbst in die Hand. (Bild: Getaway Pictures / Moshe Mishali)

August Diehl liefert eine fantastische Darbietung

Der titelgebende Plan A wird erst später in die Handlung eingeflochten, als sich Max auf Geheiß Michaels den jüdischen und deutlich radikaleren Partisanen der Nakam anschließt. Rasch wird klar: Die Gruppe um Anführer Abba (Ishai Golan), der an sein reales Vorbild Abba Kovner angelehnt ist, und die undurchschaubare Anna (Sylvia Hoeks) plant einen Gift-Anschlag auf die Wasserversorgung mehrerer deutscher Großstädte. Glückt das Komplott, bedeutet es den stillen Tod tausender Deutscher. Bald befindet sich Max zwischen den Fronten: Unterstützt er die Nakam oder folgt er Michaels Auftrag, den Anschlag aufzuhalten und noch mehr Hass zu verhindern?

"Plan A - Was würdest du tun?" inszeniert Max als personifiziertes moralisches Gewissen, dessen Pendel mal auf die eine, mal auf die andere Seite ausschlägt. Verzweiflung, Zerrissenheit und der unbändige Wille, sich mit Vergeltung für die erlebte Pein zu revanchieren: August Diehl bedient meisterhaft die gesamte Klaviatur der Emotionen und macht seelisches Leid körperlich spürbar. Er ist der Mittelpunkt einer Geschichte, die nie die Balance verliert, weder pathetisch überdreht noch in Actionorgien ausartet. Selbst eine zart angedeutete Liebesgeschichte weben die Regisseure ein, ohne je in Kitsch abzudriften.

Und gerade als der Film zum Ende hin droht, dramaturgisch überspitzt und hollywoodtauglich zurechtgebogen zu werden, holen Yoav und Doron Paz zu einem brillanten filmischen Kniff aus, der in einem bewegenden Abschluss mündet. Chapeau, so geht Geschichtskino!

Sky zeigt "Plan A - Was würdest du tun?" ab 10. Juni im Rahmen des Specials "Filme gegen das Vergessen". Von 8. bis 10. Juni laufen bei Sky Cinema Classics Filme wie "Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat" (2008) und "Der Junge im gestreiften Pyjama". Zu den insgesamt 15 Filmen der Sky-Aktion zählen auch bedeutende Klassiker des Genres wie Michael Verhoevens "Die weiße Rose" (1982).

Was führen Abba (Ishai Golan) und Anna (Sylvia Hoeks) im Schilde? (Bild:  Getaway Pictures / Moshe Mishali)
Was führen Abba (Ishai Golan) und Anna (Sylvia Hoeks) im Schilde? (Bild: Getaway Pictures / Moshe Mishali)
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