So zerstörten die Bulls nach "The Last Dance" ihre Zukunft

Stefan Schnürle

Die ESPN-Dokumentation "The Last Dance" rund um die lebende NBA-Legende Michael Jordan hat nicht nur Basketball-Fans weltweit in ihren Bann gezogen.

Sein damaliges Team, die Chicago Bulls, war am Ende der Serie die dominierende Franchise der Liga und die Truppe rund um "His Airness" ist für viele Experten bis heute die beste aller Zeiten.

Doch wer die NBA sonst kaum verfolgt, wird nach Beendigung der Serie bei einer kurzen Internet-Recherche verwundert festgestellt haben, dass die Bulls danach in ein riesiges Loch fielen.


Was ist passiert, dass aus der einst dominierenden Franchise ein Team wurde, das in den folgenden 21 Spielzeiten neun Mal die Playoffs verpasste und nicht ein einziges Mal die Finals erreichte?

Wie die Bulls Jackson vergraulten

Nach dem Rücktritt von Jordan dauerte es nur zehn Tage, bis die Bulls alles zum Einsturz brachten, was sie zuvor aufgebaut hatten. Einen entscheidenden Fehler hatte die Franchise rund um Besitzer Jerry Reinsdorf und General Manager Jerry Krause da aber längst begangen. 

"Wir haben alle versucht, die Saison (1997/1998, Anm. d. Red.) zu genießen, weil wir wussten, dass das Ende naht", sagte Jordan bei Good Morning America: "Es begann, als Bulls-GM Jerry Krause Phil Jackson sagte, dass er 82-0 gehen könnte und er trotzdem keinen neuen Vertrag bekommen werde."

Reinsdorf hatte Coach Jackson nach dem Titelgewinn trotzdem noch einmal einen Einjahresvertrag angeboten, den Jackson jedoch ablehnte. Neben familiären Gründen waren die Fronten zwischen Kraus und Jackson bereits zu verhärtet.


Womöglich hätte ein Rauswurf Krauses ihn noch umstimmen können, doch laut Jacksons Berater Todd Musberger war das Angebot sowieso nur eine PR-Kampagne: "Er wusste, dass er Phil nicht zurück wollte. Er wusste, dass er Tim Floyd als Coach wollte, aber aus unbekannten Gründen konnte er es nicht wahrheitsgemäß erklären."

Jordan tritt zurück - OP nötig?

Mit dem Abgang von Jackson war auch das Karriereende von Jordan besiegelt und eine Titelverteidigung unmöglich. "Es ist verrückt, weil wir sieben Titel hätten holen können," sagte Jordan in der Dokumentation.

Dieser Behauptung widerspricht Reinsdorf vehement. Eine Weiterbeschäftigung aller Spieler hätte zum teuersten Kader der NBA-Historie geführt - und vor allem hätte Jordan ihm zufolge sowieso nicht spielen können, da er nach einem Vorfall mit einem Zigarrenschneider eine Finger-OP benötigt hatte.

Jordan zog sich diese Verletzung allerdings im Urlaub kurz vor dem Beginn der Lockout-Saison zu – und hat mehrmals betont, dass er zu dem Zeitpunkt niemals im Urlaub gewesen wäre, wenn er nicht bereits mit der NBA abgeschlossen hätte.


Rebuild der Bulls geht schief

Mit Jordans Rücktritt war klar, dass Krause seinen erhofften Rebuild beginnen und das Team kräftig durchmischen konnte. Zum damaligen Zeitpunkt womöglich nicht die schlechteste Idee - doch die Umsetzung ließ zu wünschen übrig.

Denn wer unter anderem Scottie Pippen, Dennis Rodman und Steve Kerr abgibt, sollte darauf achten, dass er dafür auch reichlich Talent zurückkriegt. Die Bulls bewiesen jedoch weder bei den Trades noch erhaltenen Draft Picks ein glückliches Händchen.

Für Scharfschütze Kerr, den mit den Spurs zwei weitere Male Meister wurde, bekamen die Bulls Chuck Person und einen Erstrundenpick 2000, welcher Dalibor Bagaric wurde. Bagaric sollte in seiner Karriere ganze 95 Spiele mit durchschnittlich 13 Minuten absolvieren, Chuck Person trug nie das Trikot der Bulls.

Pippen verwandelten die Bulls in Roy Rogers und Jake Voskuhl, selbst einige NBA-Fans haben vermutlich noch nie deren Namen gehört. Mit Center Dennis Rodman wurde zudem nicht verlängert. Einzig für Luc Longley erhielten die Bulls einen Erstrundenpick 1999, den sie mit Ron Artest zu etwas Hilfreichem umwandelten.

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Krause schockt Bulls-Fans erneut

Aus 62 Siegen in der Vorsaison wurden 1998/1999 nur 13 aus 50 Spielen. Doch die Bulls hatten Glück im Unglück und konnte sich dank des ersten Picks mit Elton Brand verstärken, der direkt zum Rookie of the Year gekürt wurde. Trotz Brand und Artest reichte es aber wieder nur zu 17 Siegen.

Beim NBA Draft 2001 schockte Krause die Bulls-Fans dann erneut, als er mit Brand den besten Spieler des Teams gegen den zweiten Pick, Tyson Chandler, eintauschte. Zudem entschieden sich die Bulls an Position vier für Eddy Curry - zwei talentierte Spieler, die aber direkt aus der High School kamen und Zeit benötigten.

Die Erfolge blieben Mangelware. In den sechs Jahren nach dem Titel 1998 gewannen die Bulls gerade einmal 119 von 460 Partien. Zu Jordan-Zeiten brauchten die Bulls für 119 Siege nicht einmal zwei Jahre.

Rose wird Chicagos Hoffnungsträger

Der langjährige GM Krause musste sich im Sommer 2003 aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen und wurde durch Ex-Spieler John Paxson ersetzt.

Nach einer weiteren schwachen Saison ging es durch einige gute Verstärkungen aufwärts und in der Saison 2006/2007 gewann Chicago die erste Playoff-Serie seit Jordans letztem Wurf im Bulls-Trikot in den Finals 1998.


Das Glück spielte den Bulls in den Karten, als sie trotz einer nur 1,7-prozentigen Chance auf den ersten Pick im NBA Draft 2008 die Draft Lottery gewannen. Die Bulls erhielten so Derrick Rose, den für viele nach Jordan und Pippen drittbesten Bulls-Profi aller Zeiten.

Angeführt von Rose erreichten die Bulls 2010/2011 die Ost-Finals - scheiterten dann aber am neu geformten Superteam der Miami Heat um das Star-Trio LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh.

Bulls greifen erneut zum Rebuild

Dennoch hatten Millionen Bulls-Fans weltweit danach endlich wieder Hoffnung, dass ihr Team an die alten Zeiten mit Jordan anknüpfen könnte. Doch Lokalheld Rose warfen ab 2012 mehrere schwere Knieverletzungen aus der Bahn, was alle Titelambitionen der Bulls platzen ließ.

Was folgte, waren einige Jahre gehobenen Mittelmaßes, ehe sich die Bulls zum Rebuild entschieden. Dieser läuft nun schon seit einigen Spielzeiten. In dieser Saison sollte mit dem jungen Team um Zach LaVine und Lauri Markkanen endlich der Angriff auf die Playoffs erfolgen.

Der erhoffte klare Sprung nach vorne blieb jedoch aus. Was Bulls-Fans seit langem forderten, wurde in der Corona-Pause der NBA dann Realität: GM Forman wurde entlassen und der seit Jahren erfolglos agierende Vize-Präsident John Paxson, der seinen Bonus als Meisterspieler neben Jordan längst verspielt hat, durch Arturas Karnisovas ersetzt.


Als Mann von außen könnte dieser es anfangs aber schwer haben. Denn in den vergangenen 35 Jahren hatten die Bulls mit Jerry Krause und Paxson nur zwei Leute, die letztlich das Sagen hatten. Beide wurden intern befördert. Auch viele Trainer der Bulls waren zuvor bereits in der Franchise tätig. 

Reinsdorf führt Bulls wie Familienbetrieb

Eigentürmer Jerry Reinsdorf führte die Bulls bisher stets wie einen Familienbetrieb und löste Personalentscheidungen gerne internSo verwundert es nicht, dass Paxson als Berater für Reinsdorf an Bord bleibt.

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Mit LaVine, Markkanen, Rookie Coby White, Wendell Carter oder auch Otto Porter stehen dabei durchaus talentierte Spieler im Kader. Diese könnte mit einer guten Saison auch einen großen Star, dessen Vertrag nach der Saison 2021 ausläuft, anbeißen lassen.

Speziell, nachdem die unglaubliche Historie der Bulls durch die Dokumention allen noch einmal ins Bewusstsein gerufen wurde.

Nun müssen Karnisovas und Familie Reinsdorf dafür sorgen, dass "The Last Dance" von Jordan nicht auf ewig auch "der letzte Sieger-Tanz" der Bulls bleibt.