"Wir sollten öfter unsere Komfortzone verlassen"

Nadine Wenzlick
·Lesedauer: 9 Min.

Nach über 20 Jahren auf der Bühne mal etwas ganz Neues: Für sein Album "Blaue Stunde" textete Reggae-Fan Gentleman erstmals auf Deutsch. Warum das unerwartet schwer war und was Mark Forster damit zu tun hat, erklärt er im Interview.

Seit über 20 Jahren steht der in Köln geborene Tilmann Otto alias Gentleman für Reggae, der so klingt, als würde er direkt aus dem Herzen Jamaikas stammen. Nun hat der 45-Jährige sein erstes deutschsprachiges Album aufgenommen. Im Interview verrät der Musiker, der 2021 auch wieder in der VOX-Show "Sing meinen Song" zu sehen sein wird, was Mark Forster mit der neuen Platte zu tun hat, was man auf "Blaue Stunde" über ihn erfährt und wieso er so gerne mit dem Boot über den Rhein schippert.

teleschau: Auf "Blaue Stunde" singen Sie nicht mehr auf Englisch, sondern zum ersten Mal in Ihrer Karriere auf Deutsch. Wie kam es dazu?

Gentleman: Der Gedanke kam mir schon vor ziemlich langer Zeit. Vor rund zehn Jahren fiel mir das erste Mal auf, dass ein Großteil der Texte in den Breitengraden, in denen ich die meisten Konzerte spiele und vielleicht auch die meisten Platten verkaufe, nicht verstanden wird. Es ist nicht so, dass ich es bereue, auf Englisch gesungen zu haben, und ich werde in Zukunft auch weiter englische Songs schreiben, aber ich wollte einfach mal ein deutsches Album machen. Ich fand nur irgendwie nie einen Anfang - bis ich vor dreieinhalb Jahren bei "Sing meinen Song" mitmachte und einen Song von Mark Forster in der Reggae-Version coverte. Das fühlte sich irgendwie total vertraut an und das Feedback war auch durchweg positiv. Das hat mich motiviert.

teleschau: Sind Sie generell jemand, der gerne seine Komfortzone verlässt?

Gentleman: Schon, ja. In andere Kulturen einzutauchen und zu reisen, war immer schon in mir drin. Das fing mit 18 an, als ich für drei Monate nach Indien fuhr. Ich hatte mich in eine Sannyasin-Lady verliebt, der ich hinterhergeflogen bin. Wenig später war ich zum ersten Mal in Jamaika. Ich reiste früher oft alleine. Mich hat das immer weitergebracht, und es half mir, einen objektiven Blick auf mein Umfeld zu behalten. Ich glaube, wir sollten alle öfter unsere Komfortzone verlassen.

teleschau: Trotzdem haben Sie "Blaue Stunde" als schwerste Geburt Ihrer Karriere bezeichnet. Warum?

Gentleman: Ich habe mir das wesentlich leichter vorgestellt! Obwohl Deutsch ja meine Muttersprache ist, war es am Anfang gar nicht so einfach, einen Weg dahingehend zu finden, dass die Songs einen Flow und Soul haben. Deutschland ist geprägt von Dichtern und Denkern, Deutsch ist eine unfassbar schöne Sprache - aber ich musste da ganz viel aussieben. Hinter Patois (jamaikanische Kreolsprache mit englischen Wurzeln, Anm. d. Red.) konnte ich mich immer auch ein bisschen verstecken. Wenn man auf Deutsch singt, ist man auf einmal ganz nackig. Ich fragte mich bei jedem Song vorher: Was will ich erzählen? Warum schreibe ich den Song? Was soll er ausdrücken oder bewirken? Es war eine ganz andere Herangehensweise.

"Es war relativ schnell klar, dass ich kein Pastor werde"

teleschau: Gab es Momente, in denen Sie am liebsten alles in die Tonne geworfen hätten?

Gentleman: Andauernd. Ich habe auch immer noch meine Zweifel. Zu einem gewissen Grad sind Zweifel ja gut - solange sie nicht so groß werden, dass sie einen lähmen, sorgen sie dafür, dass man sich immer wieder hinterfragt. Mein Problem war oft, dass ich am Anfang sehr euphorisch war, den Song aber nach drei Wochen nicht mehr mochte und wegwarf. Mir war wichtig, dass ich eine emotionale Verbindung zu jedem Song habe, denn die Leute spüren das. Diese 16 Songs sind alle Babys, die ich jetzt mit gutem Gewissen loslassen kann. Und wer das Album hört, der lernt mich auf jeden Fall besser kennen.

teleschau: Inwiefern?

Gentleman: Man lernt mich kennen, weil ich viel von mir erzähle. Mir war wichtig, dass die Songs nicht austauschbar sind. Das sind meine Geschichten, die da drinstecken, meine Gedankenwelt.

teleschau: In "Zwischen den Stühlen" blicken Sie auf Ihren Werdegang zurück und lassen dabei eine Art innere Zerrissenheit durchblicken: "Bin ich hier, will ich weg, bin ich dort, will ich zurück".

Gentleman: Das ist auch eine Begleiterscheinung von diesen unfassbar vielen Touren. Wenn ich im Tourbus bin, will ich nach Hause, und wenn ich zu Hause bin, will ich wieder in den Tourbus. Aber auch generell hatte ich in meinem Leben manchmal das Gefühl, nirgends richtig anzukommen und irgendwie zwischen den Stühlen zu sein. Hier in Deutschland war ich immer der Exot mit dem jamaikanischen Style, in Jamaika war ich der aus Deutschland.

teleschau: Einerseits der Pastorensohn, andererseits der coole Reggae-Musiker ...

Gentleman (lacht): Genau. Man musste da raus aus diesem grauen Eckhaus und der Gemeinde, bei allem Respekt. Ich bin froh, in dem Elternhaus groß geworden zu sein mit meinen Geschwistern. Meine Kindheit war von Liebe und Lachen geprägt. Aber ich war immer sehr abenteuerlustig und neugierig, ich musste meine eigene Welt entdecken. Und irgendwie muss man ja gegen seine Eltern rebellieren. Es war relativ schnell klar, dass ich kein Pastor werde.

teleschau: In dem Stück "Ahoi" hingegen klingen Sie sehr zufrieden. Haben Sie Ihre Mitte inzwischen gefunden?

Gentleman: Sagen wir mal so: Ich versuche es! Ab und zu werde ich herausgerissen, aber ich glaube, die Richtung stimmt. Der Spagat zwischen Rock'n'Roll-Leben und verantwortungsvollem Familienvater ist nicht immer ganz einfach. Das Kind in sich nicht verlieren, aber trotzdem erwachsen werden - das ist mein Ziel. Dass ich gelassener werde und nicht gestresster. Langsamer und nicht schneller.

teleschau: Sie nehmen den Hörer auf Ihrem Album mit in Ihren "Garten" und auf Ihr "Dunkelblaues Boot". Sind das die Orte, an denen Sie Ruhe finden?

Gentleman: Auf jeden Fall. Mein Garten bedeutet einfach Ruhe, und wenn ich auf meinem Boot bin, passiert genau das, was ich in dem Song besinge: Ist der Arsch auf dem Wasser, bleibt der Kopf an Land. Wir werden dauernd abgelenkt und gucken viel zu oft auf unser Telefon. Auf dem Wasser ist das nicht so. Das ist ein Ort der Reflexion, da können die Gedanken mal weitergeführt werden.

Heute Koblenzer Eck, morgen Jamaika?

teleschau: Sie besitzen einen Bootsführerschein. Wo schippern Sie am liebsten herum?

Gentleman: Auf dem Rhein. Einfach hoch und runter. Man kommt ja überall hin: zum Koblenzer Eck, auf die Mosel, auf die Lahn. Ich könnte auch nach Hamburg oder Berlin. Theoretisch könnte ich sogar nach Jamaika!

teleschau: Reizt Sie diese Vorstellung?

Gentleman: Oh ja. Mit 60 vielleicht. Allerdings habe ich kein Segelboot, sondern so ein Kajütboot. Mal zu segeln, könnte ich mir schon vorstellen. Aber einmal um die Welt, ich weiß nicht - ich glaube, davor habe ich dann doch zu viel Respekt. Wenn richtig große Wellen kommen ... Land sehen ist schon ganz cool.

teleschau: Zurück zu Ihrem Garten: Haben Sie einen grünen Daumen?

Gentleman: Mal mehr, mal weniger. Wir wohnen direkt am Wald. Früher war da ein Zaun, aber in dem Song singe ich ja: "Ich reiße heute meine Zäune ein, pflanze an ihrer Stelle lieber ein paar Bäume ein." Seit der Zaun weg ist, habe ich das Gefühl, ich sei im Wald. Das ist so ein fließender Übergang. Ansonsten gibt es in unserem Garten gar nicht so viel - ein bisschen Wiese, ein paar Büsche und einen kleinen Teich. Ich kaufe mir seit Jahren immer mal wieder Gartenmagazine und denke, ich lege los, aber irgendwie passiert es nicht. Immerhin habe ich dieses Jahr mit meiner Tochter ein kleines Gemüsebeet angepflanzt, mit Radieschen und Kohlrabi und so.

Keine Konzerte? "Das ist fast ein bisschen wie Entzug"

teleschau: Auch für Ihre Tochter gibt es auf dem Album einen Song: In "Bei dir sein" singen Sie vom gemeinsamen Malen und davon, dass die Zeit viel zu schnell vergeht.

Gentleman: Mit meinem Sohn, der jetzt 19 ist, habe ich nie zusammengelebt. Ich trennte mich von seiner Mutter, als er eins war. Wir hatten zwar immer Kontakt, aber dieses Familienleben habe ich erst seit der Geburt meiner Tochter vor fünf Jahren und ich genieße das in vollen Zügen. Meine Tochter zur Schule zu bringen, zusammen zu kochen, ein Meerschweinchen zu malen - ich liebe das. Die Geduld war damals bei meinem Sohn nicht da. Als er geboren wurde, war ich 25. Heute, mit 46, habe ich viel mehr Ruhe. Man hat schon so viel durch und am Ende bleibt die Erkenntnis: Familie ist das Wichtigste.

teleschau: 45 Jahre, da ziehen viele Menschen schon Halbzeit-Bilanz. Beschäftigt das Älterwerden Sie?

Gentleman: Eigentlich bin ich schon im Herbst! Null bis 20 ist Frühling, 20 bis 40 Sommer und 40 bis 60 Herbst. Ich werde halt älter und nehme das wahr. Aber ich will auch nicht drei Jahre jünger sein. Es fühlt sich gut und gesund an. Vor allem bin ich dankbar dafür, dass ich nach so vielen Jahren immer noch Musik machen kann. Im Grunde hat sich nicht viel verändert. Die Leidenschaft auf der Bühne ist dieselbe wie vor 20 Jahren.

teleschau: Was treibt Sie als Künstler nach wie vor an?

Gentleman: Ich glaube, wenn man das erklären könnte, wäre es vorbei. Musik gehört einfach zu meinem Leben. Gerade jetzt, wo wir Künstler so wenig auftreten können, merke ich, wie sehr ich das vermisse. Das ist fast ein bisschen wie Entzug. Man fängt als Künstler ja immer wieder bei null an, mit jedem Song, jedem Album, jedem Konzert. Es ist nie dasselbe und immer wieder schön zu sehen, was mit den Songs passiert, was sie auslösen und wie sie die Menschen berühren.

teleschau: Auch Sie gaben im Sommer ein paar Autokonzerte, nun sind wieder alle Kultureinrichtungen geschlossen. Wie geht es Ihnen damit?

Gentleman: Diese Autokonzerte kann man mal machen, aber irgendwann reicht es dann auch - weil es so schwer ist, da Emotionen aufzubauen. Trotzdem war da eine gewisse Dankbarkeit zu spüren. Bei uns, aber auch beim Publikum. Ich glaube, allen wurde klar, wie sehr wir das vermissen und wie wertvoll Kultur im Allgemeinen ist. Was Kultur macht, ist ja eine emotionale Gesundung. Und es ist schwierig nachzuvollziehen, warum man im Moment ins Kaufhaus des Westens darf, aber nicht ins Theater. Da fehlt mir gerade ein bisschen das Signal von der Politik, dass Kultur nicht verzichtbar ist, sondern eine Gesellschaft auch zusammenhält. Aber ich glaube, wenn das alles vorbei ist - und es wird irgendwann vorbei sein - dann gibt es eine Explosion der Lebensfreude. Vielleicht kommen wir da alle total gestärkt raus.