„Sommerinterviews“ - Als es im TV um Kanzlerkandidatur geht, sind AfD-Chefs plötzlich weit auseinander

Die frisch wiedergewählten Bundesvorsitzenden der AfD Alice Weidel und Tino Chrupalla.<span class="copyright">dpa</span>
Die frisch wiedergewählten Bundesvorsitzenden der AfD Alice Weidel und Tino Chrupalla.dpa

Küsschen für Alice, Liebe für Tino: So haben sich die beiden AfD-Bundesprecher jüngst inszeniert. Aber ist das nicht nur bunte Show für die Wähler? Bei den „Sommerinterviews“ in ARD und ZDF legen Tino Chrupalla und Alice Weidel ihren Machtkampf um Führung und Kanzlerkandidatur offen.

Ob das schon ein Signal ist oder bloßer Zufall? Der erste Gast der „Sommerinterviews“ ist um 18 Uhr in der ARD Tino Chrupalla. Seit Monaten kann man hören, wie die beiden Spitzenpolitiker der Alternative für Deutschland um Deutungshoheit und Macht rangeln – allerdings abseits der Öffentlichkeit. Erst war die Rede davon, dass Alice Weidel mehr Rückhalt in der Partei habe und dass Tino Chrupalla eventuell zum Generalsekretär degradiert werde. Dann der Parteitag Ende Juni in Essen. Sie sprach vom „geliebten Tino“, er warf ihr Luftküsschen von der Bühne aus zu.

Die Gemeinsamkeiten der AfD-Spitzenpolitiker: Nur Fake für die Wähler?

In Wahrheit ist das offenbar inszeniert, ist das womöglich eine Fake-Show für die Wähler. Denn hinter den Kulissen soll es heftig brodeln. Im Nachgang zur Wahl in Essen ließ Weidel die anderen AfD-Politiker bei einer Pressekonferenz erst acht Minuten lang warten, verlautbarte dann weniger Stimmen für Chrupalla als es der Fall war und rauschte dann ab mit dem Hinweis, sie habe schließlich noch zu arbeiten. „Und Ihr übrigens auch“, schob sie gehässig hinterher. Soweit die Vorgeschichte. Und nun das aktuelle TV-Schaulaufen der Machtrivalen, nur wenig zeitversetzt in ARD und ZDF?

Er sagt: Gute Kanzlerkandidatin – aber nur im Konjunktiv. Sie sagt – gar nichts

Bei der ARD hält sich Tino Chrupalla bezüglich seiner Beziehung zu Alice Weidel auffallend zurück. Immerhin sagt er: „Alice Weidel wäre eine sehr gute Kanzlerkandidatin, was ich auch unterstützen würde.“ Zwei Mal der Konjunktiv, also nur die Möglichkeitsform. Und will er nicht selbst in den Ring steigen, fragt Moderator Markus Preiß. „Es wird keinen Machtkampf geben“, weicht Chrupalla aus. Um dann noch nachzuschieben, über die Frage der Kanzlerkandidatur entscheide die Partei. Das ist geschickt. Denn wenn Chrupalla die Partei hinter sich bringt, wie gerade bei der Wahl in Essen, dann kann er sich am Ende auf Mehrheiten berufen und muss sich nicht die Finger schmutzig machen.

Ja und Nein zur Wehrpflicht – und harte Worte zur Flüchtlingsfrage

Auffallend ist, dass sich die Beiden in einem relevanten Thema nicht einig sind. Während Chrupalla in der ARD die Einführung einer Wehrpflicht persönlich ablehnt, spricht sich Weidel im ZDF um 19 Uhr für eine Wiedereinführung aus. „Aber natürlich!“ Chrupalla beschreibt in der ARD insgesamt bedächtig und in einfacher Sprache die bekannten AfD-Themen. Wie viel Migration soll es geben? „So wenig wie möglich, am besten die Zahl Null. Die Migration muss der Vergangenheit angehören“, sagt er. Er will „restriktive Grenzkontrollen und sofortige Abschiebung für kriminelle Asylsuchende“. Auch zum Thema Geflüchtete aus der Ukraine zeigt der AfD-Bundessprecher eine klare Haltung: „Wir haben eine Million Ukrainer im Land, die Bürgergeld beziehen. Das kostet den Steuerzahlen sechs Milliarden Euro.“ Wenn die AfD regieren würde, will Chrupalla Folgendes: Die Ukraine soll auf Mitgliedschaften in EU und NATO verzichten. Die Ukraine soll Kompromisse eingehen. Dann wäre, so glaubt er, der Krieg schnell beendet.

Alice Weidel positioniert sich – schärfer und klarer als ihr interner Gegner

Alice Weidel, grundsätzlich verbal versierter als ihr Kollege Chrupalla, formuliert auch beim ZDF-Interview deutlicher und schärfer. Mitten im Wald in Sachsen spricht sie zum Thema Migration: „Die Leute werden hier für dumm verkauft. Wir haben sperrangelweit offene Grenzen.“ Das liegt ihrer Meinung nach an den Politikern in der EU: „Weil wir da nur woke Leute sitzen haben.“ Fast 60 Prozent der Übertritte geschehen ohne Passkontrollen. Gruppenvergewaltigungen, Messerangriffe, Morde sind laut Weidel die Folge. „Das Asylgesetz muss geändert werden!“, fordert sie. „Und dieses Einbürgerungsgesetz ist der Todesstoß für unseren Staat“, regt sich die AfD-Politikerin im ZDF auf.

Bürgergeld ist Gratisgeld für ausländische Staatsbürger?

Deutliche Worte findet Alice Weidel auch zum Desaster-Wahlkampf in den USA: Joe Biden sei „nicht in Kontrolle seiner geistigen Kräfte“, sagt Weidel. Sie wünscht sich eine erneute Amtszeit Donald Trumps. Sie will ihm die Daumen drücken. „Auch, weil Trump versprochen hat, den Krieg in der Ukraine zu beenden, indem er die finanziellen Mittel streicht.“ Scharfe Kritik äußert Weidel im ZDF an der Höhe des Bürgergelds in Deutschland. Sie spricht im Zweiten von einem „Gratisgeld vor allen Dingen für ausländische Staatsbürger“. Das, sagt sie, muss beendet werden. Da wiederum sind sich die beiden Kämpfer um die Macht innerhalb der AfD sehr einig.

Streit um Kanzlerkandidatur? „Bei uns ist die Stimmung gut!“

Anders als bei einer möglichen Kanzlerkandidatur. Anders als Chrupalla will Alice Weidel die Frage, ob sie für die Bundestagswahl 2025 eine Kanzlerkandidatur für die AfD anstrebe, nicht beantworten: „Ich kann mir viele Kandidaten vorstellen, und das ist noch gar nicht durch“, sagt sie. Zur Erinnerung: „Es wird keinen Machtkampf geben“, hat Tino Chrupalla in der ARD gesagt. Der Machtkampf zwischen beiden AfD-Spitzenpolitikern hat indes längst begonnen. Da kann Weidel noch so oft behaupten: „Bei uns ist die Stimmung gut!“ Sie ist siegessicher, dass die Herbstwahlen im Osten überragend für die AfD ausfallen werden. Und sie scheint wild entschlossen, das Kandidaten-Rennen für sich entscheiden zu wollen.