Sommerschulen: "An einer gezielten Förderung führt kein Weg vorbei"

Parvin Sadigh

Sommerschulen können Kindern helfen, die im Homeschooling abgehängt wurden. Die Qualität muss aber stimmen, sagt die Bildungsforscherin Petra Stanat.

Schüler bei den Hausaufgaben © Wolterfoto/​imago images

Die Schulen waren viele Wochen geschlossen. Bis auf Weiteres werden Schülerinnen und Schüler sie nur tageweise besuchen können. Viele Kinder, deren Eltern das Homeschooling nicht begleiten konnten, haben deshalb möglicherweise den Anschluss in einigen Fächern verloren. Die Berliner Schulbehörde plant deshalb eine Sommerschule in den großen Ferien – ein freiwilliges Angebot für sozial benachteiligte Kinder, neu zugewanderte und die, die sich mit dem Homeschooling aus anderen Gründen schwergetan haben. Petra Stanat erklärt, wie Sommerschulen gelingen können. Sie ist Direktorin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität zu Berlin. Vor einigen Jahren hat sie mit einer Studie ein Sommercamp in Bremen wissenschaftlich begleitet, das Kinder aus Migrantenfamilien in der deutschen Sprache fördern sollte.

ZEIT ONLINE: Sind Sommerschulen für benachteiligte Kinder eine gute Alternative, um die letzten Wochen der Schulschließungen wieder auszugleichen?

Petra Stanat: Für zusätzlichen Unterricht und Extraförderung gilt immer: Inwieweit sie helfen, hängt von ihrer Qualität ab. Das Programm der Sommerschulen muss darauf abgestimmt werden, in welchen Bereichen die einzelnen Kinder Unterstützung benötigen.

ZEIT ONLINE: Wie legt man das fest?

Stanat: Lehrerinnen und Lehrer sollten vorher gut überlegen, wer welchen Förderbedarf hat. Dann können die Angebote möglicherweise so organisiert werden, dass man Schülerinnen und Schüler in Lerngruppen zusammenfasst, die zum Beispiel in Mathematik den Anschluss verlieren. Wichtig ist ferner, dass die Pädagoginnen und Pädagogen fachbezogen in der Lage sind, die Förderung umzusetzen. Die in den Sommerschulen zur Verfügung stehende Zeit wird ja sehr begrenzt sein, denn die Kinder müssen ja auch noch Ferien haben.

ZEIT ONLINE: Die gewohnten Lehrerinnen und Lehrer werden in den Sommerschulen nicht unterrichten. Stattdessen sollen in Berlin etwa pensionierte Lehrer oder Studierende den Unterricht in der Sommerschule übernehmen. Reicht das?

Stanat: Sofern sie auf diese Aufgabe angemessen vorbereitet werden, kann ich mir den Einsatz von Studierenden gut vorstellen. Dabei wäre es hilfreich, wenn die Universitäten bei der Rekrutierung und vor allem auch bei der Vorbereitung und Begleitung der Studierenden unterstützen würden. Die Idee, pensionierte Lehrkräfte einzusetzen, hat mich hingegen überrascht, denn sie gehören ja zur Risikogruppe.

ZEIT ONLINE: In Berlin sollen zuerst Kinder aus ärmeren Familien zu den Sommerschulen eingeladen werden. Was halten Sie davon?

Stanat: Nicht alle Kinder aus sozial schwachen Familien haben einen Förderbedarf und es gibt durchaus Kinder aus sozial privilegierteren Familien, die während der Schulschließung fachliche Lücken entwickelt haben. Insofern wäre es sinnvoller, die Entscheidung über die Teilnahme an Sommerschulen davon abhängig zu machen, wer in der Kompetenzentwicklung stark zurückgefallen ist. Auch dies können sicher die jeweiligen Lehrkräfte am besten beurteilen.

ZEIT ONLINE: Kann es auch als stigmatisierend wahrgenommen werden, wenn nur Kinder aus ärmeren Familien eingeladen werden? Familien könnten davor zurückschrecken, ihre Kinder anzumelden.

Stanat: Pauschale Zuschreibungen von Förderbedarf beinhalten immer die Gefahr der Stigmatisierung. Daher wäre ein am tatsächlichen Bedarf orientiertes Angebot sinnvoller. Aber auch damit wird natürlich vermittelt: Ihr Kind braucht zusätzliche Unterstützung. Dem Gefühl der Stigmatisierung können die Lehrerinnen und Lehrer aber gut entgegenwirken, wenn sie deutlich machen, dass hier etwas nachgeholt werden soll, was nicht die Kinder versäumt haben, sondern die Schule, die aufgrund der Corona-Krise die Türen schließen musste.

ZEIT ONLINE: Über Freiwilligkeit oder Verpflichtung wird ebenfalls gestritten. Schafft die freiwillige Teilnahme wirklich mehr Chancengleichheit? Oder machen nur die mit, die sowieso engagierte Eltern haben?

Stanat: In der Sommercamp-Studie, die wir vor einigen Jahren durchgeführt haben, hatten die Lehrkräfte einen ganz entscheidenden Einfluss darauf, welche Eltern ihr Kind für die Förderung anmeldeten. In der Regel sind die Eltern der Empfehlung der Lehrerin oder des Lehrers gefolgt. Schwieriger war es dann aber, die kontinuierliche Teilnahme der Kinder zu sichern, die für den Erfolg eines solchen Angebots ja sehr wichtig ist. Um Verbindlichkeit herzustellen, sollten hierzu Vereinbarungen mit den Eltern getroffen werden. Ferner ist es wichtig, dass die Pädagogen Kontakt mit den Eltern halten.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen von Lerngruppen und Unterricht. Ferien dienen jedoch auch der Erholung. Sollte das Programm anders aussehen als Schulunterricht und spielerischer sein?

Stanat: Wenn Schülerinnen und Schüler Probleme im Fach Mathematik haben, muss man mit ihnen Mathe machen. Wenn Kinder Schwierigkeiten haben, flüssig zu lesen, muss man mit ihnen lesen üben. An einer gezielten Förderung führt daher kein Weg vorbei, wobei diese natürlich motivierend und unterstützend gestaltet sein sollte, wie regulärer Unterricht auch. Schön wäre es, wenn das Lernprogramm mit einem Freizeitprogramm aufgelockert werden könnte, damit das Ganze mehr einen Sommercamp-Charakter bekommt. Das sollte man im Rahmen des Möglichen tun, aber man darf das System auch nicht mit überzogenen Forderungen überlasten.

ZEIT ONLINE: Sie hatten in Ihrer Studie Kinder aus nichtdeutschen Familien zu einem Sommercamp eingeladen. Parallel wurde ein Theaterstück eingeübt und Deutschunterricht erteilt. Der Unterricht half bei der Verbesserung im Deutschen, das Theaterstück nicht, warum?

Stanat: Das Theaterprogramm hatte schon kleine Effekte, vermutlich weil es für die Kinder motivierend war – es hat ihnen Spaß gemacht hat. Aber nur die Kombination mit Sprachförderung im Unterricht hat wirklich etwas gebracht. Der Zeitraum der Förderung ist in Sommerprogrammen eben sehr begrenzt. Da muss man schon sehr gezielt vorgehen, um Wirkungen zu erreichen. Aber nochmals: Der Unterricht sollte natürlich möglichst anregend sein.

ZEIT ONLINE: Das heißt, die Sommerschule sollte vor allem nah an den Schulfächern dran bleiben?

Stanat: Ja, das auf die entstandenen Lücken bezogene Lernen sollte im Vordergrund stehen. Aber Sommerschulen können noch andere wichtige Ziele verfolgen. Zum einen können sie nach der Schulschließung dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler, mit denen die Lehrkräfte kaum Kontakt halten konnten, sich wieder kontinuierlich mit schulischen Belangen beschäftigen – als Vorbereitung auf das nächste Schuljahr. Zum anderen sollte man die Sommerschulen auch dazu nutzen, Strategien für selbstständiges Lernen zu vermitteln, da Distanzlernen wahrscheinlich auch im nächsten Schuljahr neben dem Präsenzunterricht notwendig bleiben wird. Etwa: Wie strukturiere ich meinen Tag, wie motiviere ich mich selbst, wie schirme ich mich vor Ablenkungen ab? Denn viele Kinder und Jugendliche haben im Bereich des selbstregulierten Lernens Probleme und längst nicht alle haben Eltern, die sie dabei unterstützen können.

ZEIT ONLINE: Die Sorge ist groß, dass die ohnehin benachteiligten Kinder durch die Schulschließungen besonders verlieren werden. Es gibt Berechnungen von Bildungsökonomen, die sagen, die Kinder könnten ihr Leben lang unter den Schulschließungen leiden, indem sie etwa weniger verdienen.

Stanat: Ich halte diese Hochrechnungen für etwas gewagt, aber man sollte in der Tat nicht unterschätzen, welche Anschlussprobleme zum Beispiel für die jüngeren Kinder entstehen können, die jetzt lesen und rechnen lernen sollten. Für sie sind schon ein paar Monate eine sehr lange Zeit. Wenn die Dinge so weiterlaufen wie im Moment, dann wird die Schere weiter aufgehen. Das heißt, wie gut die Kinder lernen, wird zu einem erheblichen Anteil davon abhängen, wie gut ihre Eltern sie beim Lernen unterstützen können.

ZEIT ONLINE: Wie kann man das verhindern?

Stanat: Das nächste Schuljahr muss unbedingt gut vorbereitet werden, damit die Mischung aus Distanzlernen und Präsenzlernen funktioniert. Dann besteht die Chance, die in der Zeit der Schulschließung entstandenen Lücken aufzufangen. Wahrscheinlich wäre es sinnvoll, vor und in den Sommerferien Runde Tische in den Bundesländern einzurichten, mit Vertreterinnen und Vertretern aus Administration, Wissenschaft und Praxis, um gemeinsam Strategien für das Schuljahr 2020/21 zu entwickeln, die nicht nur wünschenswert, sondern für die Pädagogen auch umsetzbar sind.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?

Stanat: Wenn eine Schulbehörde Hygienekonzepte entwickelt, sollte gemeinsam mit Lehrkräften geklärt werden, wie diese konkret umgesetzt werden können – oder umgekehrt, wenn Lehrkräfte ein digitales Angebot ausprobieren wollen, muss sichergestellt werden, dass damit keine gravierenden datenschutzrechtlichen Probleme verbunden sind. Außerdem müssten die Beteiligten verschiedene Szenarien durchspielen, da wir nicht vollständig absehen können, in welchem Maße Präsenzunterricht möglich sein wird.