Weiter heftige Kämpfe in Afghanistan

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In Afghanistan toben weiter heftige Gefechte, bei denen die Regierungstruppen wieder vermehrt durch US-Luftangriffe unterstützt werden. In der Provinzhauptstadt Laschkar Gah im Süden des Landes lieferte sich die Armee am Dienstag Häuserkämpfe mit den vorrückenden radikalislamischen Taliban. Am Abend wurde die Hauptstadt Kabul von mehreren Explosionen erschüttert, auch dort fielen Schüsse. Die Vereinten Nationen forderten das Ende der Kämpfe in städtischen Gebieten.

Nach offiziellen Angaben explodierte in Kabul eine Autobombe in der Nähe des Hauses von Verteidigungsminister Bismillah Mohammadi. "Keine Sorge, alles ist in Ordnung", twitterte dieser wenig später. Aus Sicherheitskreisen hieß es jedoch, mehrere Angreifer hätten nach der Explosion ein Haus gestürmt, in dem Abgeordnete über die Sicherheitslage im Land berieten. Laut eines Vertreters der Sicherheitskräfte gab es Tote.

Weniger als zwei Stunden nach dem Vorfall ereignete sich eine weitere Explosion, anscheinend in derselben Gegend. Erneut waren im Anschluss Schüsse zu hören, wie AFP-Reporter berichteten. Die Taliban und andere Gruppierungen hatten in der Vergangenheit immer wieder Sprengstoffanschläge in der Hauptstadt verübt.

Ein afghanischer Kommandeur rief derweil die Bewohner der südlichen Provinzhauptstadt Laschkar Gah auf, ihre Häuser "so schnell wie möglich" zu verlassen. "Ich weiß, dass es sehr schwierig für euch ist (...), es ist auch hart für uns", ließ General Sami Sadat über die Medien mitteilen. Aber die Armee werde bald eine Gegenoffensive starten, und "wir bekämpfen die Taliban wo auch immer sie sind."

"Die Taliban sind überall in der Stadt, sie fahren auf Motorrädern durch die Straßen", sagte ein Bewohner von Laschkar Gah der Nachrichtenagentur AFP. "Sie nehmen Menschen fest, die Smartphones haben, oder erschießen sie." Weil die Aufständischen auch in den Häusern seien, habe die Regierung damit begonnen, diese zu bombardieren.

Die UN-Unterstützungsmission für Afghanistan zeigte sich "zutiefst besorgt" angesichts der Lage der rund 200.000 Bewohner der Provinzhauptstadt. Demnach waren neben den Bodentruppen der Taliban vor allem Luftangriffe der afghanischen Armee gefährlich für die Zivilbevölkerung. Nach UN-Angaben wurden seit Montag mindestens 40 Zivilisten getötet und mehr als hundert weitere verletzt.

Die Islamisten hatten am Montag das Stadtzentrum von Laschkar Gah angegriffen. Die vollständige Einnahme der Hauptstadt der Provinz Helmand wäre ein harter Schlag für die Regierung. Seit dem Beginn des Abzugs der Nato-Truppen aus Afghanistan haben die Taliban weite Teile des Landes erobert, bislang aber keine größeren Städte.

In der ebenfalls belagerten westlichen Provinzhauptstadt Herat wehrten die Regierungstruppen nach offiziellen Angaben einen Angriff ab und brachten insbesondere den für die Versorgung wichtigen Flughafen wieder unter Kontrolle. Allerdings schlugen dort am Nachmittag erneut Raketen ein, wie Flughafenchef Schaheer Salehi AFP sagte.

Sowohl in Herat als auch in Laschkar Gah flog die US-Luftwaffe nach Angaben des afghanischen Verteidigungsministeriums Luftangriffe auf Stellungen der Taliban. Die in Afghanistan verbliebenen US-Truppen hatten zuletzt wieder vermehrt eingegriffen, um den Vormarsch der Islamisten zu stoppen. Beobachter befürchten, dass die Taliban nach dem vollständigen Abzug der Nato-Truppen wieder die Kontrolle in Afghanistan übernehmen könnten.

Bei den Friedensverhandlungen der Taliban mit der afghanischen Regierung in Doha gab es derweil keinerlei Fortschritte. "Sie liegen weit auseinander und sie versuchen, das jeweilige Kalkül und die Forderungen damit zu beeinflussen, was auf dem Schlachtfeld passiert", sagte der US-Sondergesandte für den Friedensprozess, Zalmay Khalilzad.

Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl kritisierte, dass die Bundesregierung weiterhin an Abschiebungen nach Afghanistan festhält. Berlin "zieht alle Register, um die Menschen noch gerade rechtzeitig loszuwerden, bevor die Taliban auch Kabul eingenommen haben", erklärte die rechtspolitische Referentin bei Pro Asyl, Wiebke Judith.

Österreich stoppte derweil nach einer einstweiligen Verfügung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) die geplante Abschiebung eines abgelehnten afghanischen Asylwerbers. Der EGMR hatte seine Entscheidung mit der "Sicherheitslage" am Hindukusch begründet. Die Regierung in Wien sprach aber von einem Einzelfall, es gebe kein "pauschales Verbot" von Abschiebungen.

pe/jes

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