Kohler: "Bayern hat tiefsitzende Kader-Probleme"

Maximilian Miguletz
Jürgen Kohler attestiert dem deutschen Fußball ein Grundsatzproblem

Nach sieben Bundesliga-Spieltagen steht Borussia Dortmund an der Tabellenspitze. Das junge Team des BVB begeistert mit offensivem Spektakel. Ex-Borusse Jürgen Kohler traut dem Höhenflug aber nicht.

Der Weltmeister von 1990 vermisst die Konstanz in den Leistungen. Bei Titelverteidiger Bayern München sieht der frühere Nationalspieler tiefsitzende Probleme.

Im SPORT1-Interview spricht der heutige U19-Trainer von Viktoria Köln über seine Ex-Klubs.

SPORT1: Herr Kohler, die Nationalmannschaft steckt in der Krise. Nach dem WM-Debakel droht der Abstieg aus der Nations League. Wie bewerten Sie die Lage im DFB-Team?

Jürgen Kohler: Spätestens jetzt sieht man, dass die WM mehr als ein Ausrutscher war. Seit dem Titel 2014 hat die Mannschaft für mich keine Weiterentwicklung gehabt, weder im Spielsystem noch beim Personal. Ich hab in den letzten vier Jahren wenige gute Länderspiele gesehen. Auch bei Partien gegen kleinere Gegner wurde dann die Qualität der Gegner betont. Sorry, das war oft ein brutaler Witz.

SPORT1: Im Nationalteam kämpfen die Bayern-Spieler mit einer doppelten Krise. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Kohler: In der Mannschaft des FC Bayern stimmt derzeit einiges nicht und sie befindet sich in einer schwierigen Situation. 


Kohler: Kovac muss jetzt eine Stammelf finden

SPORT1: Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?

Kohler: Entscheidend ist, eine Mannschaft zu finden, die nicht unbedingt oder nicht nur spielerisch überzeugt, sondern die andere Grundlagen umsetzt. Das ist die vordringliche Aufgabe von Niko Kovac. Er muss eine Stammelf finden, die in den nächsten Wochen kämpferisch überzeugt, ergebnisorientiert spielt, eine Top-Defensive hat, gegen den Ball arbeitet. Dann wird das Selbstvertrauen wieder wachsen.

SPORT1: Sie sprechen von einer Stammelf. Von Kovac' Rotation sind Sie nicht der allergrößte Fan?

Kohler: Nicht von massiver Rotation schon zu Beginn einer Saison, nein. Das war sicherlich gut gemeint. Aber ich glaube, dass jede Mannschaft einen gewissen Rhythmus braucht. Dazu sollte sieben, acht Spiele lang auf nur wenigen Positionen getauscht werden. Dann ist es mit der Qualität des FC Bayern fast ein Selbstläufer. Trotzdem sehe ich tiefsitzende Probleme im Kader.

SPORT1: Was meinen Sie?

Kohler: Bei allen Verdiensten: Spieler wie  Franck Ribery und Arjen Robben kommen nun einmal in die Jahre. Aber ich spreche eher über den Nachwuchsbereich. Nach dem Triple 2013 hat es der FC Bayern versäumt, gewisse Weichen zu stellen. Ich vermisse fünf, sechs, sieben Topspieler, die aus der Jugend kommen und die der Klub woanders weiter ausbilden lassen kann. Das war ein Erfolgsmodell, man erinnere sich nur an Markus Babbel, Philipp Lahm oder zuletzt David Alaba. Diese Spieler hatten ihre Lehrjahre beim HSV, dem VfB Stuttgart oder der TSG Hoffenheim. Anschließend kamen sie gereift nach München zurück. Heutzutage machen es andere Klubs vor. Ein Jadon Sancho beim BVB. So ein junger, talentierter Spieler könnte auch bei Bayern spielen. Mit 18 Jahren muss er nicht jedesmal von Anfang an spielen, kann sich entwickeln und bringt trotzdem Leistung.


"Reus ist ein wichtiger Spieler, aber ..."

SPORT1: Ist der BVB ein Titelkandidat?

Kohler: Was man nicht vergessen darf: Wenn Dortmund das Pokalspiel in Fürth in der Verlängerung verloren hätte, würden sie heute womöglich ganz anders dastehen. Klar, die Spiele drehen sich derzeit immer in ihre Richtung. Aber Souveränität sieht für mich anders aus. Bislang haben ihnen 45 gute Minuten gereicht, um die letzten Bundesliga-Spiele erfolgreich zu bestreiten. Aber ob das auf lange Sicht reicht? Da setze ich mal ein dickes Fragezeichen.

SPORT1: Wer ist der entscheidende Mann, der das junge Team zu noch konstanteren Leistungen bringen kann? Ist das ein Marco Reus?

Kohler: Für mich hat Axel Witsel einen ganz großen Anteil am Erfolg des BVB. Reus ist ein herausragender und wichtiger Spieler. Aber ob er die Saison durchspielt, muss man halt erst einmal sehen. Er ist nun mal sehr verletzungsanfällig. Und er spielt immer mal wieder auch weniger gute Partien. Für mich ist Witsel der entscheidende Mann und der Taktgeber der Dortmunder Mannschaft. Wer auch wichtig ist und unheimlich viele Löcher stopft, aber fast ein wenig untergeht und nicht so wahrgenommen wird, ist Thomas Delaney.


SPORT1: Was zeichnet einen Führungsspieler aus?

Kohler: Vor allem gehen sie in schwierigen Situationen voran. Das ist in Wirtschaftsunternehmen nicht anders. Sie übernehmen Verantwortung und überwinden in Krisenmomenten Widerstände. 

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"Alle gleich gegelt, gleich gefönt, gleich gekämmt"

SPORT1: Leverkusens Trainer Heiko Herrlich sagte vor Kurzem, dass zu seiner Dortmunder Zeit "Matthias Sammer, Jürgen Kohler oder Stefan Reuter rumgebrüllt haben". Muss ein Führungsspieler auch mal laut werden?

Kohler: Wenn es angebracht ist, sollte man auch mal laut sein, ja. Da geht es darum, die Initiative zu ergreifen und Mitspielern in gewissen Moment auch mal die Meinung zu geigen. Führungsspieler müssen konfliktfähig sein. Aber auch sozial kompetent und erkennen, mit welchen Mitspielern wie umzugehen ist. Manche brauchen Streicheleinheiten, andere einen Tritt in den Hintern unter vier Augen, wieder andere müssen auch mal vor aller Augen zurechtgestutzt werden.

SPORT1: Welche Spielertypen gibt es heutzutage?

Kohler: Ganz ehrlich? Einheitsbrei. Alle gleich gegelt, gleich gefönt, gleich gekämmt. Ich finde, man muss wieder mehr Individualität zulassen. Auch im Fußballerischen. Die taktische Ausbildung ist inzwischen doch sehr homogen. Wir ziehen vermeintlich polyvalente Spieler heran, die auf vielen Positionen zurechtkommen sollen, aber dann auf keiner so richtig gut. Gewisse Basis-Tugenden bleiben auf der Strecke. Der Fokus ist falsch gesetzt. Innenverteidiger müssen vor allem verteidigen. Stattdessen wird heute extrem Wert darauf gelegt, dass sie das Aufbauspiel übernehmen. Jetzt verrate ich mal ein Geheimnis: Das haben die auch früher schon gemacht, das ist keine neue Erfindung. Schauen Sie sich nur mal Paolo Maldini an.