SPD-Comeback: Wie Olaf Scholz den Wahlsieg holte

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Olaf Scholz wirkte am Ende wie der lachende Dritte. Der Mann, der wenig schmeichelhaft "Scholzomat" genannt wird, könnte Merkels Nachfolge antreten. Wie hat er das geschafft?

Hier zu sehen: Ein Wahlsieger in Ekstase. Olaf Scholz gönnt sich nach dem Ergebnis einen ungewohnten Gefühlsausbruch auf der SPD-Bühne
Hier zu sehen: Ein Wahlsieger in Ekstase. Olaf Scholz gönnt sich nach dem Ergebnis einen ungewohnten Gefühlsausbruch auf der SPD-Bühne. (Bild: REUTERS/Hannibal Hanschke)

Zunächst sah es so aus, als würde der Höhenflug des Olaf Scholz, der sich in den vergangenen Wochen abgezeichnet hatte, in letzter Minute doch noch gestoppt. Die ersten Auszählungen sahen seine SPD gleichauf mit der Union und sein Konkurrent Armin Laschet nutzte die Gelegenheit, um sich schon mal zum logischen Kanzleraspiranten auszurufen. Das konnte Scholz nicht auf sich sitzen lassen und tat es dem CDU-Kandidaten wenig später gleich. Doch auch bevor sich schließlich herausstellte, dass die SPD am Ende einen knappen Vorsprung ins Ziel retten würde stand fest: Unter Scholz hat sie sich vom Wahl-Debakel 2017 erholt.

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Dieses Comeback wird nun maßgeblich an dem pragmatischen Auftreten des Finanzministers festgelegt. Doch was genau hat Scholz eigentlich gemacht, um nun plötzlich statt Laschet und auch Shootingstar Annalena Baerbock aufs Kanzleramt hoffen zu dürfen? Ein Visionär ist dieser Olaf Scholz sicher nicht. Er hatte die Seele der SPD nicht zum Brodeln gebracht, wie es Martin Schulz vor vier Jahren kurzfristig gelang, nur um sie dann bei der Wahl bitter zu enttäuschen. 

Mit Merkel-Stil ins Kanzleramt

Man könnte argumentieren, Scholz habe im Wahlkampf einfach weniger Fehler gemacht, als seine Konkurrenten, die über Plagiate aus der Vergangenheit, unangebrachte Lacher und andere vermeintliche Petitessen stolperten. Doch das stimmt so nicht, denn es gab durchaus große Stolperfallen für den 63-jährigen Hamburger. Die Untersuchung des Cum-Ex-Skandals aus seiner Heimatstadt hätte ihn arg in die Bredouille bringen können. Doch Scholz erinnerte sich einfach an sehr wenig, saß es aus und ließ den Sturm an sich vorbeiziehen. Immer wieder ist das merkelhafte an Scholz betont worden, im Umgang mit möglichen Krisen mag er sich tatsächlich einiges bei der Kanzlerin abgeschaut haben. Unaufgeregtheit hilft ja im überhitzten Politikbetrieb eines Wahlkampfes, solange es nicht als Lethargie ausgelegt wird.

Im Windschatten der Favoriten

Lange konzentrierte sich der Wahlkampf auf das Duell Laschet-Baerbock, während Scholz in Ruhe aufholen konnte. Die Strategie der CDU-Spitze, dann ausgerechnet Scholz als neue rote Gefahr von links zu stilisieren, wirkte auf viele Beobachter eher wie ein verzweifeltes letztes Manöver. Abgesehen davon, dass eine rot-rot-grüne Koalition von Beginn an unwahrscheinlich war und nun sogar vermutlich unmöglich geworden ist, wird Scholz nicht mal in seiner eigenen Partei als Teil des linken Flügels betrachtet. Und wer denkt, er habe sich als Marionette für die SPD-Doppelspitze Saskia Esken und Norbert-Walter Borjahns einspannen lassen, der kennt den Machtmenschen Scholz schlecht. Auf der Wahlparty sah man dann auch, wie Esken Scholz Respekt zollte und ihm auf der Bühne zurief: "Das ist dein Erfolg."

Der pragmatische Verwalter

Denn der Kanzlerkandidat hat die Partei zu seiner SPD gemacht. In gleichem Maße wie die Personalie Laschet der CDU schadete, trug das Image von Olaf Scholz die Sozialdemokraten nach vorne. Auf den letzten Wahlplakaten hieß es dann auch bezeichnenderweise: "Wer Scholz will, wählt SPD." Im Frühling hatte die SPD in manchen Umfragen bei niederschmetternden 13 Prozent gelegen, noch Anfang August war Scholz bei Umfragewerten deutlich unter 20 Prozent weit entfernt vom Kanzleramt. Der einzige, der da noch an einen SPD-Sieg glaubte, war Scholz. Der wiederholte stetig sein Mantra, man werde sich erst kurz vor der Wahl mit den Aussichten beschäftigen und bis dahin einfach seine Arbeit machen. Hanseatisches Understatement gepaart mit ebendiesem Scholz'schen Pragmatismus.

Am Wahlabend im "Scholzomat"-Modus

Das langsame Aufholen und schließlich Überholen der politischen Gegner zeichnete sich dann, wie von ihm vorhergesagt, in den Umfragen der letzten Wochen ab und war doch überraschend. Letztlich half ihm vermutlich das Gewicht des Amtes und der Regierungserfahrung, die vielen Wählern bei Baerbock zu fehlen schien. Auch in den TV-Triellen der Kandidaten schnitt Scholz jedes Mal am besten ab. Dabei zeichnete er auch dort kein großes Bild von einem neuen politischen Weg. Doch das erfahrene Verwalten des Status-Quo bei gleichzeitig vorsichtigen Erneuerungen trauen ihm die Deutschen offensichtlich zu.

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Das Comeback der Scholz-SPD zeigt, dass dies nach 16 Jahren Merkel der Regierungsstil ist, den sich die meisten weiterhin wünschen. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, denn die Koalitionsbildung wird sich für den Pragmatiker Scholz nicht einfach gestalten. So feierte Scholz den Wahlerfolg auch charaktergerecht: Er lobte die Wahlsiegerinnen Franziska Giffey und Manuela Schwesig, die in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewannen. Dann leitete er direkt die Verhandlungen von der Bühne im Willy-Brandt-Haus aus ein und nannte SPD, Grüne und FDP als die gewünschte Regierungskoalition der Bürger. Vorher aber sprach er von einer "sehr glücklichen SPD". Anzusehen war ihm diese überschwängliche Freude nicht, Olaf Scholz hatte bereits auf vollen "Scholzomat"-Modus umgestellt.

Im Video: Wahl-Poker: Scholz und Laschet wollen Kanzler werden

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