Spiegel-TV-Reportage: Schwanger um jeden Preis?

Mila Lemke
Freie Autorin
Mutter Christiane Döring mit ihrem Sohn Julius. Foto: Sat.1 Screenshot

Bei manchen Eltern kommt das Kind erst kurz vor der Rente – dank Eizellen- und Samenspende. Nur ist es sinnvoll, die biologische Uhr anzuhalten, um Mutter zu werden? Auf dem Abiball ihrer Kinder würden sie dann als Rentner tanzen. Die Spiegel-TV-Reportage „Schwanger mit 50 – ein Kind um jeden Preis?“ zeigt, dass Alter nicht unbedingt mehr Gelassenheit bringt.

Die Helikoptereltern

Als Julius zur Welt kam, war sein Vater 70 und seine Mutter 52. Vor dem Sohn kam erst die Karriere, dann die Verrentung des Vaters. Kein Wunder, dass Manfred Döring das Alter in den Knochen spürt. Mit Julius wird deshalb nicht getobt, sondern der Kinderspielplatz auf Sparflamme erkundet. Christiane Döring wischt noch schnell die Sitze des Karussells ab, dann hält sie ihren Sohn fest, als ob sie Angst hätte, er würde sonst abheben. Er ist jetzt sechs Jahre alt. Dann geht es los, im Schneckentempo.

Julius lebt in der Vergangenheit. Seine Eltern gehen am Wochenende mit ihm ins archälogische Museum, Zuhause spielt er mit seinem Vater Schach. Er hat Fernseh-, Handy- und Süßigkeitenverbot. „Und da gibt es keine Ausnahmen“, sagt Christiane Döring. Das sagt sie in dieser Spiegel-TV-Reportage mehrmals. Wie das wohl war, ohne technische Geräte aufzuwachsen? Julius hört Mozart – oder besser gesagt: Sein Vater hört Mozart. Er will in seinem Sohn weiterleben. Julius’ Leben ist deshalb bereits geplant, die Haushälfte neben dem Elternhaus für ihn reserviert. Ob er irgendwann den Absprung vom Heli schafft? Die Landung wird jedenfalls halsbrecherisch werden.

Die Waldis

Nur weil jemand 50 ist, heißt das aber nicht, dass die Kinder ebenfalls in den Achtzigern aufwachsen müssen. Beate Jankowiak hat zwar keine Ahnung von Technik, ihre Kinder dürfen aber trotzdem Playstation spielen und besitzen ein Smartphone. Sie dürfen sogar mehr als ihre Geschwister früher. Jankowiak sieht die Erziehung jetzt gelassener. Ihre Kinder sind inzwischen elf, gehen auf die Waldorfschule und erziehen ihre Mutter immer dann, wenn Technik ins Spiel kommt. Doch auch Jankowiak fragte sich, ob sie zu alt ist, als sie die Zwillinge bekam. Statt in die Wechseljahre zu kommen, wurde sie schwanger. Inzwischen ist sie 61, versorgt ihre Kinder und arbeitet. Obwohl sie dauernd beschäftigt ist, erzählt sie, sie fühle sich jünger. Kinder sind wohl das beste Anti-Aging-Produkt.

Frauen in den Wechseljahren haben nur eine Chance durch die Spende von Samen und Eizelle schwanger zu werden. Larizza Warnke hat sich dafür entschieden. Foto: Sat.1 Screenshot

Ein Kind trotz Wechseljahren

Jünger fühlt sich nämlich auch Larizza Warnke, seid sie ein Baby austrägt. Genauso wie Christiane Döring konnte sie nicht auf natürlichen Weg ein Kind bekommen, deshalb reiste sie mit ihrem Mann nach Spanien. In Deutschland ist die Spende der Eizelle verboten, Frauen in den Wechseljahren können deshalb nicht mehr schwanger werden. Wieso das so ist, wird in der Spiegel-TV-Reportage leider nicht erwähnt. Es wird als normal angesehen, dabei hängen damit auch die ethnischen Fragen zusammen, ob wir uns Wunschbabies züchten, ob es legitim oder ob es grotesk ist, ein fremdes Kind auszutragen. In Spanien wird die biologische Uhr für rund 8.000 Euro zurückgedreht. Viel Geld, um sich den Traum vom Kind erfüllen zu lassen. „Endlich“, seufzt Warnke glücklich als ihr die Eizelle mit Spermium in die Gebärmutter gepflanzt wird. Für sie ist Jonny das ersehnte letzte Puzzleteil zum Glück.

Die Spiegel-TV-Reportage greift ein interessantes Thema auf, verfehlt aber die wichtigen Fragen zu stellen. Denn ob mit dem Alter auch mehr Gelassenheit kommt, hängt immer von den Eltern ab – egal wie alt sie sind. Christiane Döring verweigerte schon mit 30 die neue Technik. Sie hätte ihren Sohn damals nicht anders erzogen als heute. Wichtiger ist die Frage, ob die Erziehung körperlich noch möglich ist und ob es richtig ist, sich über die Natur zu stellen, um seinen Wunsch nach einem Kind zu befriedigen. Spielt der Mensch etwa Gott, wenn er die biologische Uhr einfach anhält? Doch obwohl in der Spiegel-TV-Reportage über einen langen Zeitraum drei Familien begleitet wurden, geht diese Frage in deren Alltag unter.