Prozess gegen US-Journalisten Gershkovich in Russland begonnen

In Russland hat am Mittwich der Prozess gegen den US-Journalisten Even Gershkovich wegen angeblicher Spionage begonnen. Das Verfahren findet hier verschlossenen Türen statt. Bei einer Verurteilung drohen dem Reporter bis zu 20 Jahre Haft. (NATALIA KOLESNIKOVA)
In Russland hat am Mittwich der Prozess gegen den US-Journalisten Even Gershkovich wegen angeblicher Spionage begonnen. Das Verfahren findet hier verschlossenen Türen statt. Bei einer Verurteilung drohen dem Reporter bis zu 20 Jahre Haft. (NATALIA KOLESNIKOVA)

In Russland hat am Mittwoch der Prozess gegen den US-Journalisten Evan Gershkovich wegen angeblicher Spionage begonnen. Zum Auftakt des Verfahrens wurde der Reporter des "Wall Street Journal" in das Regionalgericht in Jekaterinburg gebracht und kurz den wartenden Journalisten präsentiert. Gershkovich trug ein dunkel kariertes Hemd, sein Kopf war kahl rasiert. Er lächelte, als er im Glaskäfig für Angeklagte erschien.

Später wurde Gershkovich abgeführt. Wie die meisten Prozesse wegen Spionage findet das Verfahren hinter verschlossenen Türen statt. Wo der Reporter bis zur nächsten Anhörung, die für den 13. August angesetzt ist, festgehalten wird, teilte die russische Strafvollzugsbehörde nicht mit.

Gershkovich sitzt seit März 2023 in Untersuchungshaft in Moskaus Lefortowo-Gefängnis. Er ist der erste westliche Journalist, der seit Ende des Kalten Krieges in Russland wegen Spionagevorwürfen festgenommen wurde. Zum Zeitpunkt seiner Festnahme war der Reporter auf einer Recherchereise in der östlich des Uralgebirges gelegenen Stadt Jekaterinburg, wo nun auch sein Prozess stattfindet.

Bei einer Verurteilung drohen dem US-Bürger bis zu 20 Jahre Haft in einer Strafkolonie. Der 32-Jährige weist die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurück - ebenso wie die US-Regierung und sein Arbeitgeber, das "Wall Street Journal".

Dieser bezeichnete das Verfahren gegen seinen Mitarbeiter am Mittwoch als einen "Scheinprozess". "Es ist erschütternd, ihn in einem weiteren Gerichtssaal für einen Scheinprozess zu sehen, der im Geheimen abgehalten wird und auf konstruierten Anschuldigungen beruht", erklärten Herausgeber Almar Latour und Chefredakteurin Emma Tucker. Der Prozess sei ein "unfassbarer Angriff auf die Pressefreiheit".

Gershkovichs Familie forderte die US-Behörden auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um eine Freilassung zu erwirken. "Evan ist Journalist, und Journalismus ist kein Verbrechen", hieß es in einer Erklärung.

Die US-Botschaft in Moskau schrieb in Onlinenetzwerken: "In diesem Prozess geht es nicht um Beweise, ein ordnungsgemäßes Verfahren oder die Rechtsstaatlichkeit. Es geht darum, dass der Kreml US-Bürger nutzt, um seine politischen Ziele zu erreichen."

Zu einer eventuellen Vereinbarung über einen Gefangenenaustausch mit Gershkovich wollte sich der Kreml in Moskau zunächst nicht äußern. Doch nur Stunden nach Eröffnung des Verfahrens sagte der russische Vizeaußenminister Sergej Rjabkow, dass Russland den USA "Signale" zu einer möglichen Vereinbarung gesendet habe. Die US-Regierung solle "die Signale, die sie in Washington über die entsprechenden Kanäle erhalten hat, weiterhin ernsthaft in Betracht ziehen", sagte er russischen Nachrichtenagenturen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte in der Vergangenheit angedeutet, dass Gershkovich im Zuge einer solchen Vereinbarung freikommen könnte - und dabei die gewünschte Freilassung eines in Deutschland inhaftierten Russen erwähnt.

Die russischen Staatsanwälte werfen Gershkovich vor, für den US-Geheimdienst CIA zu arbeiten und geheime Informationen über einen Panzerhersteller im Ural gesammelt zu haben. Der Kreml hat öffentlich keine Beweise für die Anschuldigungen vorgelegt, sondern nur angegeben, der Reporter sei "auf frischer Tat" ertappt worden.

Es gebe keine Beweise, um Russlands Vorwürfe zu stützen, erklärte die Organisation Reporter ohne Grenzen. Vielmehr gebe "allen Grund zur Annahme, dass der Kreml ihn festhält, um einen zukünftigen Gefangenenaustausch durchzuführen", sagte der US-Chef der Organisation

US-Präsident Joe Biden hatte erklärt, seine Regierung werde "jeden Tag" daran arbeiten, den Journalisten heimzuholen. Gershkovichs Eltern waren in den 1970er Jahren vor den Repressionen in der Sowjetunion in die USA geflohen. Der Nachrichtenagentur AFP sagten sie in diesem Jahr, sie würden auf ein "sehr persönliches Versprechen" Bidens zählen.

Gershkovich berichtete sechs Jahre lang aus Russland und blieb vor Ort, auch als viele andere westliche Journalisten im Lichte von Moskaus Offensive in der Ukraine das Land verließen. Er war 2017 nach Moskau gezogen, um für die kleine englischsprachige Zeitung "The Moscow Times" zu arbeiten, wo er einige der größten Geschichten des Blattes mit einem sehr geringen Budget produzierte.

Anschließend arbeitete er für die AFP, bevor er nur Wochen vor Entsendung von Truppen in die Ukraine durch den Kreml zum Moskau-Korrespondenten des "Wall Street Journal" wurde. Er berichtete darüber, wie der Konflikt gewöhnliche Russen betraf, und sprach mit den Familien toter Soldaten.

bur/lt/ju