Bayerns Aufstieg: Als Schwarzenbeck zum Helden wurde

Europapokalsieger 1974: FC Bayern (imago sportfotodienst via www.imago-images.de)
Europapokalsieger 1974: FC Bayern (imago sportfotodienst via www.imago-images.de)

Es passierte nicht oft, dass der "Kaiser" seinem "Ausputzer" die Verantwortung zuschob - doch an jenem 15. Mai 1974 sollte der seltene Rollentausch von Franz Beckenbauer und Hans-Georg "Katsche" Schwarzenbeck die Erfolgsgeschichte des FC Bayern maßgeblich beeinflussen. "Der Ball kam vom Franz, dann habe ich nicht lange nachgedacht. Das war purer Instinkt. Ich hab aufs Tor draufgehalten, und auf einmal war der Ball drin", erzählt Schwarzenbeck im Rückblick auf das legendäre 1:1 n.V. im Europapokal-Finale der Landesmeister gegen Atletico Madrid - seine Augen glänzen dabei auch 50 Jahre später noch.

Durch den Ausgleichstreffer des Vorstoppers in der 120. Minute erzwangen die Münchner im Brüsseler Heysel-Stadion ein Wiederholungsspiel. Die Freude darüber war riesig. Auch im Hause Müller, wo Uschi Müller, die Ehefrau von "Bomber" Gerd, 15 befreundete Bayern-Fans eingeladen hatte. Die rissen nach dem Tor von Schwarzenbeck allerdings die Vorhänge herunter und zertrümmerten Vasen vor Glück. "Du, Mäusi, unsere Freunde haben vor lauter Freude die Wohnung demoliert", sagte Uschi ihrem Gerd später am Telefon. Der antwortete im Scherz: "Dann muss eben der Schwarzenbeck für den Schaden aufkommen. Er hat ihn schließlich verursacht."

Im zweiten Duell gegen die Spanier am 17. Mai 1974 habe der FC Bayern dann, sagte Paul Breitner 50 Jahre später der AZ, "wieder zu unserer Normalform gefunden. Wir haben gezeigt, dass wir die Besten in Europa sind." Mit 4:0 triumphierten die Münchner durch jeweils zwei Treffer von Müller und Uli Hoeneß.

Es war nach dem Europapokal der Pokalsieger 1967 der zweite große internationale Titel und der Beginn einer großen Erfolgsstory, welche die Bayern in den kommenden Jahrzehnten schreiben sollten. "Wir kamen international gesehen aus dem Nichts. Ich hatte schon das Gefühl, dass sich für den FC Bayern mit diesem Titel neue Wege eröffnen", betonte Hoeneß im Vereinsmagazin 51.

So weit dachten die Helden damals nicht. Beckenbauer, Müller, Schwarzenbeck und Co. machten vielmehr die Nacht zum Tage. "Bei uns hatte keiner geschlafen, Rainer Zobel hat zum Beispiel am Hotelpool übernachtet", schilderte Hoeneß. Problem nur: Durch das Wiederholungsspiel gegen Atletico blieben bis zum Bundesligaspiel in Gladbach nur wenige Stunden.

"Da lautete das einzige Ziel, dass unser Gerd Müller noch die Torjägerkanone vor Jupp Heynckes bekommt", so Hoeneß. Das klappte nur bedingt: Die frisch gebackenen Europapokalsieger gingen 0:5 unter, Heynckes erzielte zwei Treffer und holte Müller noch ein: Beide hatten am Ende 30 Tore auf dem Konto. Trainer Udo Lattek nahm es gelassen hin. "Das Spiel", sagte er lapidar, "war für uns eine Alkohol-Verdunstungsstunde."