Der größte Irrtum des Jahrhunderttrainers

Der größte Irrtum des Jahrhunderttrainers
Der größte Irrtum des Jahrhunderttrainers

Wenn am heutigen Mittwochabend die Niederlande auf England treffen, um einen weiteren Schritt in Richtung EM-Titel in Deutschland zu gehen, werden bei einer Oranje-Legende unweigerlich Erinnerungen aufkommen.

An den 15. Juni 1988 in Düsseldorf, bei der letzten deutschen Heim-EM, als Marco van Bastens Karriere den Schub bekam, der ihn zu einem der besten Nationalspieler des Landes machen sollte.

Alle Welt erinnert sich noch an seinen Kunstschuss zehn Tage später im Finale in München gegen die Sowjetunion, der selbst in Deutschland zum Tor des Monats gewählt wurde und in den Vorberichten vor jeder EM wieder gezeigt wird.

Doch wäre er nicht möglich gewesen ohne seine Tore gegen England - im wichtigsten Spiel seiner Karriere.

Marco van Basten am Anfang nur auf der Bank

Die Niederlande und England standen vor dem zweiten Vorrundenspiel überraschend schon mit dem Rücken zur Wand, da die Favoriten aufs Weiterkommen ihre Auftaktpartien verloren hatten. Marco van Basten hatte am 0:1 gegen die Sowjetunion nur eine geringe Schuld, denn Trainer-Altmeister Rinus Michels hatte seinen Legionär von AC Mailand erst nach rund einer Stunde eingewechselt.

Hinter van Basten lag eine harte erste Saison in Italien, wo man große Erwartungen in den Mann gesetzt hatte, der Ajax Amsterdam 1987 zum Europapokalsieger der Pokalsieger geschossen hatte.

Viermal in Folge war er auch Torschützenkönig der Eredivise (1. Liga der Niederlande) geworden, aber in Mailand riss seine Glücksträhne jäh. Im Oktober 1987 verletzte er sich (Bänderriss am Sprunggelenk), wurde am Knöchel operiert und pausierte sechs Monate - bis März. In der Liga kam er nur auf elf Einsätze und drei Tore, darunter allerdings das entscheidende zur Meisterschaft.

Sein Torriecher also war noch intakt und Rinus Michels, der gestrenge, nur selten lächelnde, Bondscoach (Spitzname „Der General“) nahm ihn mit zur EM. Gewiss nicht aus purer Sympathie, ihnen wurde ein angespanntes Verhältnis nachgesagt: Van Basten war dem General - der bei der WM 1974 auch Johan Cruyff und Co. zum Vize-Titel dirigiert hatte - einfach zu locker und flapsig.

Vom Ersatz-Stürmer der Niederländer zum gefeierten Helden

Michels machte vor dem Turnier klar, wie die Reihenfolge im Sturm sei: „Der zweite Stürmer neben Ruud Gullit ist Johnny Bosman, dann kommen Wim Kieft und Marco van Basten. Marco ist nach seiner langen Verletzung noch nicht in Bestform.“

Aber der schlaksige Mittelstürmer hatte mächtige Fürsprecher, schließlich spielte auch Gullit, Europas Fußballer des Jahres, für Milan und im Kader standen fünf Spieler seines Ex-Klubs Ajax Amsterdam, die alle wussten, wozu van Basten in der Lage war.

In der Nationalmannschaft hatte es der 23-Jährige aber noch nicht allzu oft bewiesen, nach 22 Einsätzen standen nur sechs Tore zu Buche. Doch nach der Auftaktniederlage musste der General neue Krieger in die Schlacht gegen England schicken. Er entschied sich gegen Bosman und für van Basten, „aber erst auf der Busfahrt ins Stadion habe ich erfahren, dass ich spielen soll“. Kein wirklicher Vertrauensbeweis, wohl aber ein Antrieb für den Stürmer von Weltklasseformat, es seinem skeptischen Trainer zu zeigen.

Und wie er es ihm zeigte: Zwei Minuten vor der Halbzeit tanzte er den Ball geradezu ins englische Tor und verpasste dem bis dahin überlegenen Gegner einen heftigen Dämpfer: Nach Zuspiel von Gullit nahm er den Ball mit links an, legte ihn mit rechts am Gegner vorbei und schoss mit links ein.

Marco van Basten war ein eleganter Bomber, mit Gewalt traf er nur, wenn es nicht anders ging. „Sein Spiel ist von einer solchen Leichtigkeit, dass schon das bloße Zusehen reinen Spaß bereitet“, liest man in einem vom ZDF-Reporter Dieter Kürten nach der EM herausgegebenen Buch.

„Ich habe nichts gedacht, sondern gemacht, einmal gedreht und in die lange Ecke geschossen. Das war ein schöner Moment nicht nur für mich, sondern für die ganze Mannschaft“, gab der Held des Tages den Journalisten zu Protokoll.

Van Basten trifft auch im Halbfinale und Finale

Sie hatten noch mehr Fragen an den Mann aus Mailand, denn nach dem englischen Ausgleich durch Bryan Robson (54.) drehte van Basten erst so richtig auf. Nach 72 Minuten schlug er wieder zu, erneut auf Vorlage von Gullit. Englands Coach Bobby Robson nannte es „das Mailänder Tor“, verweigerte ihm aber den nötigen Respekt: „So etwas sehen wir doch bei uns jeden Samstag in der dritten Division.“

Worte eines Ausgeschiedenen, dessen Team ein einziger Mann den Todesstoß versetzt hatte: Marco van Basten.

Er ließ dem zweiten ein drittes Tor folgen, gerade mal vier Minuten später. Eine Eckballvariante über Gullit und dem eingewechselten Kieft landete bei ihm, er köpfte entschlossen ein und wunderte sich selbst: „Das haben wir oft trainiert, geklappt hat es nie.“ Diesmal aber klappte alles und nach Abpfiff sah man van Basten und Gullit ihre Trikots in den Oranje-Block werfen. 40.000 feierten ihre Helden, die in Düsseldorf die Weichen stellten für den einzigen Titelgewinn der Niederlande.

Fortan bei diesem Turnier immer dabei: van Basten. Der 1999 von der FIFA zum Jahrhundert-Coach gewählte Michels konnte gar nicht anders und war sich nicht zu schade, den wohl größten Irrtum seiner Karriere einzugestehen: „Ich gebe gerne zu, dass ich in Sachen van Basten falsch lag“, gestand der 2005 verstorbene Michels, der einst auch Ajax, den FC Barcelona und den 1. FC Köln zu großen Erfolgen geführt hatte.

Dass Michaels van Basten nach 87 Minuten trotzdem vom Platz nahm, war angesichts des sicheren Sieges kein Widerspruch und sogar eine Geste. So bekam der umjubelte Stürmer seinen Sonderapplaus.

Mehr Minuten verpasste er 1988 nicht mehr. Gegen Irland (1:0) ging er noch leer aus, aber sowohl im legendären Halbfinale von Hamburg gegen Deutschland (2:1) als auch im Finale von München gegen die Sowjetunion traf er. Der Mann, der die EM 1988 auf der Bank begann, beendete sie als gefeierter Europameister und Torschützenkönig. In jenem Jahr und noch zwei weitere Male wurde er Europas Fußballer des Jahres, 1992 sogar Weltfußballer.

Wie wohl alles gekommen wäre ohne seine drei Tore gegen England?