Das Gefälle bei der Innovationskraft nimmt gefährlich zu: Werden Deutschlands Osten und die ländlichen Regionen abgehängt?

The engineers consult about an industrial robot. || Modellfreigabe vorhanden - Copyright: Picture Alliance
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Deutschlands Wohlstand hängt stark von der Innovationsstärke der Unternehmen ab. Nur so kann Deutschland seine Stellung als exportstarkes Industrieland behaupten, da es arm an Rohstoffen ist. Der Mangel an Arbeitskräften und der Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft machen Erfindungen, neue Produkte und Prozesse noch wichtiger. Wie ist es um die Innovationskraft in Deutschland bestellt, wie unterschieden sich die Regionen? Wo gibt es die meisten Jobs in innovativen Unternehmen? Das hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) in seinem Innovationsatlas untersucht.

Das IW verglich dazu Kriterien wie die Ausgaben der Firmen für Forschung und Entwicklung (F&E), die Zahl der High-Tech-Jobs, der Tech-Startups sowie der Patentanmeldungen. Die Forscher kommen zu einem eindeutigen Befund. Es gibt in Deutschland ein stark ausgeprägtes, dreifaches Gefälle: Von Süd nach Nord, von West nach Ost sowie von Stadt zu Land nimmt die Innovationsstärke ab. Im Vergleich zu 2017 hat sich das Gefälle verstärkt. Die meisten der innovativsten Wirtschaftsräume liegen in Bayern und Baden-Württemberg. Doch es gibt Ausnahmen – und Entwicklungen, die dem Norden und Osten Deutschlands Hoffnung machen können.

1. Ausgaben für Forschung und Entwicklung

Die Europäische Union hat sich vor zehn Jahren zum Ziel gesetzt, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zu steigern. Insgesamt gaben die EU-Länder 2020 nur 2,3 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung aus. Deutschland erreichte das Drei-Prozent-Ziel dagegen bereits 2019 mit 3,2 Prozent. Rund drei Viertel der Ausgaben tragen Unternehmen, ein Viertel der Staat vor allem in der Grundlagenforschung.

Regional sind die Ausgaben der Unternehmen sehr unterschiedlich verteilt. Unter den Bundesländern liegen die Firmen in Baden-Württemberg mit F&E-Ausgaben von 5,3 Prozent der Wirtschaftsleistung weit an der Spitze vor Bayern mit 2,9 Prozent. Schlusslichter sind Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt mit Werten zwischen 0,7 und 0,44 Prozent. Diese geringen Werte entsprechen etwa der Forschungsintensität in Griechenland oder Russland, schreibt das IW. Baden-Württemberg und Bayern liegen dagegen auch in einem internationalen Ländervergleich weit vorn.

Noch wichtiger als die Betrachtung der Bundesländern ist der Blick auf Wirtschaftsräume. So gibt es in Ländern wie Niedersachsen sowohl extrem innovationsstarke als auch -schwache Regionen. Einige eng vernetzte Wirtschaftsräume liegen in mehreren Bundesländern.

Die Unterschiede in Deutschland macht die folgende Karte deutlich: Sie teilt die F&E-Intensität der Unternehmen in Wirtschaftsregionen in vier Viertel ein. Die Regionen mit der höchsten F&E-Intensität sind dunkelblau, das zweite Viertel ist hellblau, das dritte Viertel hellgrau und das schwächste Viertel dunkelgrau dargestellt.

Den besten Wert erzielt keine Region im Süden, sondern der Wirtschaftsraum Wolfsburg/Braunschweig. Das liegt an den milliardenschweren Forschungs- und Entwicklungsausgaben von Volkswagen. Unter den fünf F&E-stärksten Regionen finden sich mit Stuttgart und Ingolstadt zwei weitere Standorte mit Automobilindustrie. Am geringsten sind die Werte in Emden und Cottbus, wo die F&E-Ausgaben der Unternehmen nur 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachen. Seit der ersten IW-Untersuchung 2017 des IW hat das Gefälle bei der F&E-Intensität zugenommen.

 - Copyright: IW Köln
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2. Jobs in Tech-Berufen

Untersucht wurde der Anteil akademisch ausgebildeter Arbeitskräfte in technisch-naturwissenschaftlichen Berufen (MINT) an allen Beschäftigten. Bundesweit stieg die Zahl dieser „MINT-Akademiker“ in den Betrieben von 2014 bis 2019 um rund 25 Prozent von 1,1 auf 1,4 Millionen.

Betrachtet man die Bundesländer, liegt der Stadtsaat Hamburg mit 55 MINT-Akademikern je 1000 Beschäftigten an der Spitze – knapp wiederum vor Baden-Württemberg und Bayern mit 54. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ist die Dichte solcher Tech-Beschäftigter nur etwa halb so hoch.

Wieder ergibt sich ein Süd-Nord-Gefälle, ein West-Ost-Gefälle und besonders ausgeprägt ein Stadt-Land-Gefalle. Auffallend ist für die IW-Forscher, dass das westliche Bundesland Nordrhein-Westfalen mit seinen 30 Großstädten davon weniger stark profitiert.

Deutschland holt im weltweiten Wettbewerb um Talente und Fachkräfte auf.
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„Eine rasant positive Entwicklung der akademischen MINT-Beschäftigten“ stellen die IW-Forscher für Berlin fest. Ein Grund dafür sei die schnell wachsende Digitalbranche und die weit überdurchschnittliche Gründungsaktivität von Unternehmen aus innovationsrelevanten Branchen.

Spitzenreiter ist auch in diesem Ranking die Region Wolfsburg. Hier ist die Dichte an MINT-Akademikern mit 106 je 1000 Beschäftigten auch deutlich höher als in Hamburg. Es folgen die Regionen München (90), Ingolstadt(72) und Stuttgart (70). Besonders in der Auto-Industrie habe der Anteil der Tech-Fachkräfte seit 2014 deutlich zugenommen. Im Osten weist Dresden mit 45 einen hohen Wert auf. Auch in Thüringen gibt es viele starke Regionen.

 - Copyright: IW Köln
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3. Tech-Startups

„Unternehmensgründungen spielen für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft eine entscheidende Rolle“, heißt es in dem Bericht. Die Forscher betrachteten dabei aber nur Startups mit hoher Forschungs- und Wissensintensität, im weiteren Sinne also Tech-Startups.

Ausgewertet wurde die Zahl der Tech-Gründungen je 10.000 aktive Unternehmen. Bei diesem Kriterium ist das Süd-Nord und das Ost-West-Gefälle weniger ausgeprägt, das Stadt-Land-Gefälle dafür stärker. Spitzenreiter unter den Bundesländern ist der Stadtstaat Bremen (21) vor Baden-Württemberg (20) und Berlin (19).

Betrachtet man die Wirtschaftsregionen liegt der Raum Rottweil, Tuttlingen im Schwarzwald vorn. Dort zählte das IW 32 Tech-Startups je 10.000 Unternehmen. Die Karte teilt die Wirtschaftsregionen wieder in vier Viertel an, die wie oben farblich markiert sind.

 - Copyright: IW Köln
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4. Patentanmeldungen

„Patente sind einer der aussagefähigsten Messgrößen für Innovationskraft“, schreibt das IW. Denn sie seien das Ergebnis von Forschung und Entwicklung. Auch hier zeigt sich das starke Gefälle von Süd nach Nord und von West nach Ost. Klarer Spitzenreiter der Bundesländer ist Baden-Württemberg mit 321 Patentanmeldungen je 100.000 Beschäftigte. Bayern kommt noch auf 236, die folgenden Bundesländer Niedersachsen, NRW und Hessen noch auf gut 100. In Mecklenburg-Vorpommern sind es dagegen mit 23 Patenten je 100.000 Beschäftigte nur ein Bruchteil davon.

„Nahezu alle Wirtschaftsräume aus Bayern und Baden-Württemberg gehören mindestens zu den besten 50 Prozent, die meisten sogar zu den besten 25 Prozent“, schreibt das IW. Unter den zehn patentaktivsten Wirtschaftsräumen sei mit der Auto-Region Wolfsburg nur einer nicht im Süden. Erst auf Platz 15 tauche mit Aachen mit seiner starken technischen Hochschule ein Zweiter auf. Jena ist mit immerhin 111 Patentanmeldungen je 100.000 Beschäftigten auf Platz 39.

 - Copyright: IW Köln
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5. Ergebnis: Die innovativsten Regionen in Deutschland

Das IW fasst die einzelnen Kriterien auch zu einem Gesamtranking der Wirtschaftsregionen zusammen. Die Forscher schauen dabei auf die aktuelle Lage, aber auch auf die Veränderungen seit der ersten Untersuchung 2017.

Aktuell sind vier Wirtschaftsregionen Spitze: Die Großräume Stuttgart, Braunschweig/Wolfsburg, Karlsruhe und München. Als erster Region aus NRW liegt Aachen auf Rang neun. Die innovativste Region im Osten ist Jena auf Rang 27, noch vor Berlin auf Platz 32. Schlusslichter sind die Prignitz in Brandenburg, Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen, der Ostharz in Sachsen-Anhalt, Trier in Rheinland-Pfalz und Pirmasens in der Südwestpfalz.

Betrachtet man die Dynamik, also die Verbesserungen der Innovationskraft, ergeben sich – teilweise – andere Reihenfolgen. Mit Braunschweig/Wolfsburg und Ingolstadt sind zwei Auto-Regionen auch hier unter den Top-Vier. Ergänzt um die Großräume Heilbronn sowie Heidelberg/Mannheim in Baden-Württemberg. Berlin liegt hier trotz seiner Startup-Szene nur auf Platz 50. Dynamischste Ost-Region ist Dresden auf Rang 38.

Mehr Daten aus der Studie und Hinweise zur Methodik findet ihr hier.

Die Alterung der Bevölkerung, der Klima-Umbau und hohe Energiepreise schmälern das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft.
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