Ein Gigant als Großbaustelle

Mit einem souveränen 2:0-Erfolg gegen Athletic Bilbao ist Real Madrid am Samstag in die neue Saison gestartet. Zumindest für eine kurze Zeit haben die Königlichen damit alle Probleme, mit denen die Bosse im Hintergrund gerade konfrontiert sind, vergessen lassen.

Dass die Blancos noch einmal auf dem Transfermarkt aktiv werden, scheint aber nicht abwegig zu sein. Schließlich ist die Liste der Baustellen in der spanischen Hauptstadt lang. Top-Torjäger Karim Benzema löste seinen Vertrag vorzeitig auf und wechselte Anfang Juni nach Saudi-Arabien zu Meister Al-Ittihad.

Dazu haben sich sowohl Abwehrchef Eder Militao als auch Torhüter Thibaut Courtois, der seit Jahren als sicherer Rückhalt im Real-Gehäuse agiert, in der Vorbereitung einen Kreuzbandriss zugezogen und fallen für den Großteil der Saison aus. Und das Herz des Teams, die zentralen Mittelfeldspieler Luka Modric (37) und Toni Kroos (33), sind auch nicht mehr so jung, dass sie ohne Pausen eine ganze Saison abreißen können.

Immerhin: Um letzteres Problem haben sich die Madrilenen bereits gekümmert und für die Zukunft vorbereitet.

Aurélien Tchouaméni (23), Eduardo Camavinga (20) und Federico Valverde (25) heißen die neuen Real-Hoffnungsträger, die im Star-Ensemble von Trainer Carlo Ancelotti inzwischen etabliert sind. Im Sommer gesellte sich dann auch Jude Bellingham hinzu, den der spanischen Rekordmeister für über 100 Millionen Euro von Borussia Dortmund verpflichtet hat.

Auf eine lange Eingewöhnungsphase in La Liga verzichtete Bellingham gänzlich. Schon bei seinem Debüt gegen Bilbao trug sich der 20 Jahre alte Engländer in die Torschützenliste ein und führte seine Mannschaft zum Auftaktsieg.

Joselu oder Vinícius als Not-Neuner?

Was dagegen bleibt, ist der vakante Posten in der Sturmspitze. Trotz des Abgangs von Ballon-d‘Or-Gewinner Benzema werden die Madrilenen nicht müde zu sagen, dass nach dem Transfer von Joselu kein weiterer Angreifer mehr kommen soll.

Den Ersatz „haben wir schon“, betonte Ancelotti kürzlich und erklärte seine Idee: „Es kann Joselu sein oder wir können in einem anderen System spielen.“ Der 64-Jährige plant offenbar mit einer extrem flexiblen Offensive, die von seinen herausragenden offensiven Mittelfeldspielern angekurbelt wird.

Als Neuner könnte künftig, so haben es die Testspiele in der Vorbereitung gezeigt, ebenso Vinícius Júnior fungieren. „Das fällt ihm nicht schwer, er kann das sehr gut. Er hat für Gefahr gesorgt und steigert sich“, meinte Ancelotti und stellte klar, dass auch Benzema in den vergangenen Jahren nicht als typischer Mittelstürmer spielte.

„Karim hat andere Qualitäten als ein richtiger Mittelstürmer. Man kann das System an unsere Spieler mit ihren Eigenschaften anpassen“, sagte der 64-Jährige.

Ob das aber reicht, um die anvisierten Titel in LaLiga und der Champions League zurückzuerobern? Beim FC Bayern ging ein ähnlicher Versuch in der Vorsaison nicht wirklich auf.

Die Fragezeichen bleiben jedenfalls. Gut möglich, dass Real auch ein Übergangsjahr einlegt. Denn die Personalie Kylian Mbappé schwebt weiterhin über allem. Gerüchten zufolge soll der Franzose 2024 in Madrid aufschlagen.

Ramos-Rückkehr zu Real?

Die Lücke, die im Abwehrzentrum durch die schwere Verletzung von Militao klafft, gilt es ebenfalls zu schließen. In den sozialen Netzwerken wurde bereits über eine Rückkehr von Sergio Ramos spekuliert.

Seit Anfang Juli ist der Spanier vereinslos. Sein Vertrag beim französischen Meister Paris Saint-Germain lief im Sommer aus, einen neuen Deal unterschreiben wollte der 37-Jährige nicht - die Folge einer Vertragsverlängerung wäre eine deutliche Gehaltskürzung gewesen.

Wie wahrscheinlich eine Ramos-Rückkehr ist, bleibt jedoch offen. Auch Aymeric Laporte von Manchester City wird offenbar als Militao-Ersatz gehandelt.

Fakt ist: Carlo Ancelotti stehen in der Innenverteidigung aktuell nur noch David Alaba, Nacho Fernández und Antonio Rüdiger zur Verfügung.

Kepa keine Langzeitlösung

Zwischen den Pfosten der Madrilenen soll Kepa Arrizabalaga Stammtorhüter Courtois in den nächsten Monaten ersetzen. Als Langzeitlösung dürfte der Spanier, an dem auch der FC Bayern großes Interesse zeigte, jedoch nicht vorgesehen werden.

Die Real-Verantwortlichen wollten einen adäquaten Ersatz für Courtois, der aber nur so lange den Ersatz spielt, bis die eigentliche Nummer eins wieder vollständig genesen ist. Deshalb ist Kepa auch nur bis zum Saisonende ohne Kaufoption ausgeliehen.

Vollends überzeugen konnte Kepa beim FC Chelsea bisher ohnehin nicht. Nun darf sich der 28-Jährige immerhin für einen bestimmten Zeitraum auf höchstem Niveau beweisen.

Es bleibt abzuwarten, ob Real damit zumindest eine Baustelle wirklich effektiv geschlossen hat.