Heute entscheidet die EZB erneut über den Leitzins: So stehen die Wetten – und das wären die Folgen für euer Geld

Die Europäische Zentralbank (EZB) und ihre Präsidentin Christine Lagarde entscheiden an diesem Donnerstag erneut über die Leitzinsen.  - Copyright: AP Photo/Michael Probst
Die Europäische Zentralbank (EZB) und ihre Präsidentin Christine Lagarde entscheiden an diesem Donnerstag erneut über die Leitzinsen. - Copyright: AP Photo/Michael Probst

Die Europäische Zentralbank (EZB) entscheidet an diesem Donnerstag wieder über den Leitzins der Euro-Zone. Seit der Zinswende im Sommer 2022 hat die EZB die Zinsen zehnmal in Folge erhöht, um die Inflation zu bremsen. Nun scheint der Zinsgipfel erreicht. Die Märkte rechnen überwiegend damit, dass die EZB den Leitzins unverändert lässt. Spannung gibt es dennoch: Welchen Ausblick gibt EZB-Präsidentin Christine Lagarde? Deutet sie Zinssenkungen an? Wie beurteilt sie Risiken steigender Energiepreise? Strafft die EZB ihre Geldpolitik mit anderen Instrumenten? All dies hat Folgen für die Zinsen – und damit für euer Geld. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie entwickelt sich die Inflation in Deutschland und der Euro-Zone

Die Inflation hat ihren Höhepunkt überschritten. Die Inflationsraten sinken, allerdings steigen die Preise immer noch schneller als von der EZB gewünscht. In Deutschland hatte die Inflation ihren Höhepunkt im Oktober 2022 mit 8,8 Prozent erreicht. Seither ist die Inflationsrate langsam auf 4,5 Prozent im September gefallen.

In der Euro-Zone lag die Inflation im Herbst 2022 sogar über zehn Prozent. Bis zum September ist sie auf 4,3 Prozent gefallen. Auch die Kernrate ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrung ist auf ein ähnliches Niveau zurückgegangen.

Die EZB strebt für ihr Ziel der Preisstabilität eine Inflationsrate von zwei Prozent an. Erste Schätzungen für die Teuerungsrate im September geben das Statistische Bundesamt und Eurostat am nächsten Montag und Dienstag bekannt, also erst nach der EZB-Entscheidung.

Wie ist der Leitzins der EZB, was wird erwartet?

Dennoch dürfte die EZB den Leitzins bei ihrer Sitzung – diesmal in Athen – nicht erhöhen. Denn Zinserhöhungen wirken erst mit Verzögerung auf Konjunktur und Preise. Die EZB hatte die Zinsen in diesem Zyklus um 4,5 Prozentpunkte angehoben. Dies war die bisher aggressivste Zinserhöhung ihrer Geschichte.

Der Zinssatz, zudem Banken Geld bei der EZB leihen können, beträgt aktuell 4,5 Prozent. Der Zinssatz, zu dem Banken Geld bei der EZB anlegen können, beträgt vier Prozent.

Bereits bei der Entscheidung im September hatten mehrere Ratsmitglieder für eine Zinspause gestimmt, um die Folgen der Zinserhöhungen abzuwarten. Die Mehrheit hatte aber entschieden, die Zinsen noch einmal um 0,25 Prozentpunkte zu erhöhen und gleichzeitig anzukündigen, dass damit voraussichtlich der Zinsgipfel erreicht sei.

Lagarde selbst sagte in einer Telefon-Konferenz mit Spitzen der EU-Gremien, sie sei mit der Entwicklung der Inflation zufrieden, berichtete Bloomberg.

Spannend wird die EZB-Sitzung dennoch wegen vier Fragen: Wie deutlich äußert sich Lagarde zu der Perspektive sinkender Zinsen im kommenden Jahr? Setzt die EZB andere Instrumente ein und baut etwa den Bestand von Staatsanleihen ab, um die Geldpolitik zu straffen? Wie beurteilt die EZB die Risiken der zuletzt stark gefallenen Anleihekurse für die Stabilität des Finanzsektors. Und welche Risiken sieht die Zentralbank durch den Krieg in Israel für Energiepreise, Inflation und die Konjunktur.

EZB Leitzins: Die Folgen für die Konjunktur

Die gestiegenen Zinsen schlagen bereits auf die wirtschaftliche Aktivität durch. Am deutlichsten wird das im Wohnungsbau, der in Deutschland auch als Folge hoher Bauzinsen fast zu Erliegen gekommen ist. Auch Unternehmen nehmen weniger Kredite auf, um Investitionen zu finanzieren. Und Verbraucher nutzen attraktive Zinsen, um mehr Geld zu sparen, statt mit ihrem Konsum die Konjunktur zu stärken.

Deutschland dürfte sogar in die Rezession zurückgefallen sein. Die Wirtschaftsleistung schrumpft. Die Bundesregierung rechnet für 2023 mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 0,4 Prozent. Eine Übersicht über alle wichtigen Prognosen für die Konjunktur findet ihr hier.

Auf dem Zinsplateau: Das sollten Sparer bedenken

Für Sparer hat es gedauert, bis Banken den höheren EZB Leitzins auch in Sparzinsen weitergegeben haben. Seit einigen Monaten aber nutzen viele Banken und Neo-Broker Zinsangebote für Tages- und Festgeld, um neue Kunden zu gewinnen. Das hat die Sparzinsen nach oben gezogen.

Für Festgeld könnt ihr bis zu 4,75 Prozent bekommen. Für Tagesgeld gibt es vier Prozent. Bei einer weiter zurückgehenden Teuerung sind die Zinsen wieder höher als die Inflation. Die realen Zinsen werden positiv. Eine Übersicht über die besten Zins-Angebote und was ihr dabei beachten solltet, findet ihr hier.

Mit dem Erreichen des Zinsgipfels verschiebt sich für Sparer der Fokus. In Zeiten steigender Zinsen war es doppelt attraktiv, Geld kurzfristig verfügbar zu haben, um auf höhere Angebote reagieren zu können. Mit der Aussicht auf sinkende Zinsen wird es wichtiger, wie ihr das hohe Zinsniveau für einen längeren Zeitraum sichern könnt.

Kreditnehmer: Wenig Hoffnung auf Zinssenkungen

Wer Schulden hat oder neue Kredite aufnehmen musste, für den sind die Zinskosten deutlich gestiegen.

Dispokredite sind deutlich teurer geworden. „Das Tempo ist rasant. Seit Ende 2022 sind sie im Schnitt um mehr als 2 Prozentpunkte gestiegen“, sagt Heike Nicodemus von „Finanztest“ laut der „Wirtschaftswoche". Im Durchschnitt lagen die Zinsen für die Überziehung des Girokontos im Oktober bei etwa 12 Prozent.

Studienkredite der KfW haben sich rasant verteuert. Die Zinsen sind auf einem Rekordhoch. Sie stiegen seit Oktober 2021 von 3,76 Prozent bis auf aktuell 9,01 Prozent.

Hypothekenzinsen sind in den vergangenen zwei Jahren um den Faktor drei bis vier gestiegen. Aktuell liegen sie laut der FMH-Finanzberatung im Mittel bei 4,2 Prozent für zehn Jahre Zinsbindung. „Ich bin der Meinung, dass sich die Bauzinsen bis auf 4,5 Prozent erhöhen werden für zehn Jahre fest und bei 80-Prozent-Finanzierungen werden wir vielleicht sogar die fünf Prozent sehen“, sagt der Herbst dem Handelsblatt. Und dies unabhängig von der Zinsentscheidung der EZB, die Zinsen auf dem Anleihemarkt sind deutlich gestiegen. Herbst: „Die Kurve für die Bauzinsen wird Anfang der Woche nach oben zeigen, denn die Banken reagieren meist mit etwas Verzögerung.“

Das Vergleichsportal Check24 weist darauf hin, dass es bei einer laufenden Baufinanzierung sinnvoll sein kann, verfügbares Geld auf einem Festgeldkonto anzulegen, statt für eine Sondertilgung zu verwenden.

„Wer sein Eigenheim in der Niedrigzinsphase zwischen 2018 und Anfang 2022 zu einem günstigen Zinssatz finanziert, kann mit einem Festgeldkonto mit höheren Zinsen mehr Rendite erzielen, als eine Sondertilgung an Zinskosten sparen würde", sagt Check24-Geschäftsführer Moritz Felde.

Beispiel: Wer im Dezember 2021 eine Fnanzierung über 400.000 Euro zu einem Zinssatz von 1,12 Prozent und zehnjährigen Zinsbindung aufgenommen und seither Rücklagen gebildet hat, könnte nun eine Sondertilgung vornehmen. Eine Sondertilgung von 50.000 Euro bringe am Ende der Zinsbindung eine Ersparnis von etwa 4.685 Euro. Lege der Verbraucher die 50.000 Euro als Festgeld mit 4,0 Prozent Zinsen an, ist ein Ertrag von 10.833 Euro möglich. Abzüglich der Steuern ergibt sich eine Rendite von 9.375 Euro und damit 4.690 Euro mehr als bei der Sondertilgung.