Trainerverband fordert Kurswechsel in Sportpolitik

Holger Hasse sieht viel Handlungsbedarf (IMAGO/Sven Simon)
Holger Hasse sieht viel Handlungsbedarf (IMAGO/Sven Simon)

Deutschlands Top-Trainer fühlen sich in den Mühlen zwischen Politik und organisiertem Sport zermahlen und fordern in der Debatte um das Sportfördergesetz einen raschen Kurswechsel. Präsident Holger Hasse vom Berufsverband der Trainerinnen und Trainer im deutschen Sport (BVTDS) sieht die sportliche Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in Gefahr und zieht knapp vier Monate vor den Olympischen Spielen auch einen Trainerstreik in Betracht.

"Zwei Jahre lang wurden gemeinsame AG-Sitzungen abgehalten, da sind sicher insgesamt zehntausende Stunden an Arbeit reingeflossen. Wahrscheinlich gab es über 50 Arbeitsgruppen, die immer wieder getagt haben. Und das Ergebnis ist dann, dass man sich nicht einig ist. Das ist eine Katastrophe", sagte Verbandschef Hasse im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID). Anstatt Bürokratie abzubauen und das Geld in den Sport zu stecken, werde mit der Gründung einer Leistungssportagentur eine zusätzliche Institution geschaffen.

"In Deutschland wollen wir immer alles überregulieren. Und dort, wo das Geld gebraucht wird, im Leistungssport, kommt es nicht an", sagt Hasse: "Im Gesundheitswesen, in Pflegeberufen, im Bildungsbereich - da ist es ähnlich. Gesellschaftlich haben wir ein großes Problem in Deutschland." Hasse appelliert deshalb an die Politik: "Steckt das Geld in den Sport. Und zwar dorthin, wo es wirklich ankommt. In die Athleten und Athletinnen, in die Trainerinnen und Trainer. Wenn wir bald keine gut ausgebildeten und motivierten Trainer mehr haben, werden wir nicht vorankommen. Ob uns der Aufbau von weiteren Institutionen wirklich zu besseren sportlichen Leistungen im internationalen Vergleich führt, bezweifle ich."

Der Trainerverband BVTDS fühlt sich beim vorliegenden Gesetzentwurf des Bundesinnenministeriums von BMI und DOSB übergangen und fordert ganz konkret einen eigenen Tarifvertrag. "Trainerinnen und Trainer sind absolut systemrelevant, sie sind Schlüsselfiguren im deutschen Sport. Deswegen sollten sie zusammen mit den Athletinnen und Athleten im Mittelpunkt der Betrachtung stehen", sagt Hasse: "Wenn es nicht gelingt, diesen Beruf attraktiver zu machen, dann werden wir im deutschen Sport keine positive Leistungsentwicklung erleben. Beim Blick auf andere Nationen wird deutlich: Wo mehr bezahlt wird und wo es bessere Arbeitsbedingungen für Trainer und Trainer herrschen, da gibt es auch mehr Erfolg." Ohne attraktive Trainerstellen, das betont der frühere Badminton-Bundestrainer, "werden wir im Leistungssport nicht erfolgreich sein".

Einen Streik schließt Hasse ausdrücklich nicht aus. "Ständiges Nerven und öffentlichkeitswirksamen Wehtun führt dann doch zu Ergebnissen, das sieht man ja jetzt an den Lokführern und ihrem Ergebnis. Vielleicht muss man erkennen, dass es vielleicht, das sage ich mit aller Vorsicht, nur so geht", sagt Hasse und führt aus: "Es ist denkbar, dass es im Vorfeld der Olympischen Spiele Aktionen geben wird, bei denen wir ganz deutlich auf die Trommel hauen und auf die Situation der Trainerinnen und Trainer aufmerksam machen werden." Schon vor knapp zwei Jahrzehnten sei seitens des DOSB eine Traineroffensive angekündigt gewesen. Seitdem sei jedoch "wirklich nichts Gravierendes passiert".