Spurensucher: Mit Wattestäbchen und Rußpulver auf Verbrecherjagd

Mit Wattestäbchen, Rußpulver und Leuchtröhren gehen sie auf Verbrecherjagd, suchen blutige Tatorte nach kleinsten Spuren ab, nehmen Fingerabdrücke von verwesten Leichen. Die Spurensucher der Polizei sind die ersten am Ort des Verbrechens und werden häufig mit grauenvollen Bildern konfrontiert. Yahoo erklärt Ihnen die spannende Arbeit der Spurensicherung.



Der 13-jährige Junge lag im Keller eines Berliner Hauses, eingewickelt in Bettwäsche. Der Hinterkopf war brutal eingeschlagen von seinem eigenen Vater. Karl-Heinz Uehr sah ihn dort  tot liegen, für einige Stunden war dieser Ort sein Arbeitsplatz. Uehr ist Spurensucher bei der Kriminaltechnik des Berliner Landeskriminalamts. Bei Verbrechen sind er und seine Kollegen die ersten am Tatort, um alle Spuren zu finden und zu sichern, die etwas mit der Tat zu tun haben. Dabei werden sie mit dem ganzen Grauen der menschlichen Brutalität konfrontiert. „Man hat alle Arten von Opfern“, sagt Uehr. Lebende und tote Menschen, verweste Leichen, Tote mit abgetrennten Körperteilen, Wasserleichen, Brandopfer. „Vor allem bei Kindern und Unschuldigen belastet einen das“, gesteht der Berliner Polizist.

Am Tatort angekommen, sammeln die Spurensucher Fasern, untersuchen Schmauchspuren, sammeln Haare ein. Mit Wattestäbchen nehmen sie DNA-Proben von Blut- und Sperma-Resten oder sichern blutbefleckte Kleidungsstücke für eine spätere Untersuchung ein. Fingerabdrücke machen sie mit Rußpulver sichtbar und sichern sie mit Klebefolie. Auf den ersten Blick latentes Blut oder Sperma wird mit Licht unterschiedlicher Wellenlängen einer Tatortleuchte sichtbar.

 
Bereits ein Milligramm Blut reicht für viele Untersuchungen aus


Um am Tatort keine Spuren zu zerstören, tragen die Polizisten manchmal einen Ganzkörperschutz. Die gesicherten Spuren werden dann erst an den Sachbearbeiter der laufenden Ermittlung und dann zur weiteren Untersuchung und Auswertung an zahlreiche Spezialisten weitergeleitet, an DNA-Experten, Biologen, Chemiker, Fingerabdruckexperten. Ein solcher ist auch Karl-Heinz Uehr, weshalb er sich um die Abdrücke selbst kümmert. Soll er Gegenstände im Labor auf Fingerabdrücke untersuchen, wählt er zwischen zwei Methoden. Saugende Spurenträger wie Papier taucht er in eine Flüssigkeit, die sich rot färbt, wenn sie mit Fingerschweiß reagiert. Eine Plastiktüte würde Uehr mit Superkleber bedampfen, um die Spuren sichtbar zu machen. Was entdeckt wird, wird fotografiert und dokumentiert.

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Seit mehr als 20 Jahren ist Uehr nun auf der Suche nach den Hinterlassenschaften der Täter. In der Zeit veränderte sich sein Job beträchtlich, oder besser gesagt: Die Methoden verfeinerten sich extrem. „Früher brauchte man ein paar Bluttropfen, nur um die Blutgrupe festzustellen. Dann war die Spur verbraucht“, sagt Uehr. „Heute kann man damit eine ganze Reihe von Untersuchungen durchführen.“ Ein Milligram ist für Spurensucher deswegen bereits eine beträchtliche Größenangabe. Mit den neuen Verfahren überprüfen die Experten aus den anderen Bereichen der Kriminaltechnik regelmäßig gesicherte Spuren aus früheren Fällen. Ein vor 30 Jahren gefundener Handschuh kann heute, die richtige Lagerung vorausgesetzt, auf DNA-Spuren untersucht werden. Nicht selten werden so alte Verbrechen doch noch aufgeklärt. Die Spurensicherer aber bekommen in vielen Fällen ein Ergebnis nicht mit. Ihre Arbeit an einem Fall endet im Regelfall mit der Weitergabe der gesicherten Spuren. Die müssen nicht immer zu einem Täter führen. Manchmal geben sie auch nur einen Hinweis auf einen Gegenstand, beispielsweise ein Werkzeug.


„Unvorbereitete Taten hinterlassen fast immer Spuren”

Es gibt Fälle, bei denen selbst die Arbeit der Spurensicherer nicht zum Erfolg führt. Nach einem spektakulären Millionenraub im Berliner Kaufhaus KaDeWe fanden Uehr und seine Kollegen die DNA der Täters, die sie zu Zwillingen führte. Weil die aber ein identisches DNA-Muster haben, konnten die Beschuldigten nicht verurteilt werden. Über einen Fingerabdruck hätten sie eindeutig identifiziert werden können. Pech für die Ermittler, dass sie keinen hinterlassen haben. Selbst DNA-Proben dürfen die Experten nicht beliebig auswerten. „Bereiche, in denen es um die Persönlichkeitsmerkmale des Menschen geht, dürfen nicht untersucht werden“, sagt Uehr.

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Das Beispiel der Millionenräuber vom KaDeWe zeigt: Beinahe alle Täter hinterlassen Spuren. „Spuren finden sich immer dann, wenn die Tat unvorbereitet ist, beispielsweise bei impulsiven Taten wie Totschlag“, erklärt Uehr. Der Weg zum Spurensicherer ist vielfältig. Uehr ist nach dem Abitur zur Polizei gegangen, hat dort drei Jahre die Fachhochschule besucht, den Abschluss zum Sachverständigen gemacht und ist dann in der Kriminaltechnik gelandet. Fachlehrgänge zum Sachverständigen für alle Spurenarten bietet das Bundeskriminalamt an. Auch Quereinsteiger haben Chancen, solange sie ein abgeschlossenes Hochschulstudium mitbringen. Ihr Fachwissen ist gefragt. Eines sollten alle Interessenten mitbringen: Ein Auge für die Details, denn das ist es, worum es bei der Spurensicherung geht.