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St. Pauli kontert Bundesliga-Rechteverkauf an Finanzinvestoren

(Bloomberg) -- Während das Grummeln bei anderen Spitzenvereinen noch unter der Decke bleibt, wagt sich nun mit dem FC St. Pauli der erste Club aus der Deckung und kritisiert die Versuche der Deutschen Fußball-Liga, Medienrechte an Finanzinvestoren zu verkaufen.

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Eine Woche vor einer entscheidenden Abstimmung der 36 Erst- und Zweitligisten macht Präsident Oke Göttlich im Interview mit Bloomberg klar, dass die Kiezkicker vom Hamburger Millerntor den Anteilsverkauf nicht ohne eine grundlegende Reform des Geschäftsmodells der Liga unterstützen können.

“Ich brauche noch genauere Informationen über die Strategie, den Geschäftsplan, die Regeln, die Verteilung der Gelder und die Struktur”, sagte Göttlich.

“Es gab keine Diskussion über Kostenkontrolle, sei es durch eine Deckelung der Gehälter oder der Kadergrößen”, so Göttlich weiter. “Es gab auch keine Diskussion über die Auswirkungen von Multiclubbesitz oder darüber, wer die Branche mit Geld überschwemmt.”

Finanzinvestoren, Petrodollars und Private-Equity-Milliardäre drängen derzeit in den europäischen Profifußball wie nie zuvor. Neue Kraftzentren entstehen wie aktuell etwa der mögliche Sieger der englischen Premier League, Manchester City. Die Regeln und Traditionen des deutschen Fußballs haben diesem Druck bislang vergleichsweise standgehalten.

Doch diese Sturheit hat ihren Preis. Seit dem Jahr 2000 haben deutsche Mannschaften nur drei Mal die Champions League gewonnen. Alleine Real Madrid hat die Trophäe in diesem Zeitraum sechsmal geholt.

Finanzinvestoren wie CVC Capital Partners, Blackstone, EQT und Advent International bieten nun für einen Minderheitsanteil an einer Gesellschaft, die die nationalen und internationalen Medienrechte für die Spiele der Bundesliga und der zweiten Liga verwalten soll.

Sollten die Gebote bei 2 Milliarden Euro für einen Anteil von 12,5% liegen, hätte das Gesamtpaket der Medienrechte einen Wert von rund 16 Milliarden Euro. Allerdings kamen in der ersten Runde wohl niedrigere Gebote, wie informierte Kreise Bloomberg gestern berichteten.

Mehr zum Thema: Investoren bieten €1,8 Mrd. für Anteil an Bundesliga-Rechten

‘Süchtig nach Geld’

Der Verkauf der Übertragungsrechte braucht die Zustimmung von mindestens 24 der 36 Vereine, die derzeit in der ersten und zweiten Liga spielen. Die erste von mehreren Abstimmungen ist für den 24. Mai angesetzt.

“Wir brauchen zumindest ein bisschen mehr Zeit und Diskussion”, meint Göttlich, selbst Mitglied im Präsidium des Ligaverbands Deutsche Fußball-Liga e.V., dem Eigentümer der kommerziellen Sparte Deutsche Fußball Liga GmbH. “Sie halten uns die Karotte vor die Nase und wir wissen alle, wie süchtig die Vereine nach frischem Geld sind.”

Zweitligist St. Pauli, notorisch für seine rebellische Ader und die seiner Fans, geht mit der Kritik nun als erster an die Öffentlichkeit. Insider erwarten aber, dass etwa der 1. FC Köln oder der FC Augsburg folgen könnten. Die Vereine waren für eine Stellungnahme nicht sofort erreichbar.

Der Präsident von St. Pauli — einst Journalist und Plattenlabel-Betreiber — befürchtet, dass sich die Bundesliga vor allem darauf konzentriert, die führenden Klubs zu stärken, damit diese in Europa an der Spitze mitspielen können. In der jüngsten Deloitte-Liste der 20 reichsten Klubs sind aus Deutschland nur der FC Bayern München und Borussia Dortmund vertreten.

“Ist die Stärkung der besten acht Vereine der richtige Weg oder ist sie Ausdruck von Entsolidarisierung?”, fragt sich nicht nur Göttlich.

Die DFL versucht den Vereinen den Verkauf unter anderem damit schmackhaft zu machen, dass ihnen sofort Mittel zufließen würden.

Eine Befürchtung, die von den Fans geteilt wird. “Es könnte für viele Mannschaften wirklich gefährlich werden — vielleicht nicht für Bayern oder Dortmund, aber für die meisten anderen, weil die Kluft zwischen den Finanzmitteln, die kleinere Mannschaften erhalten, und denen der großen Mannschaften größer werden würde”, sagt etwa Alexander Salzweger vom Club Nr. 12, einer Bayern-Fangruppe.

Eine vergangene Woche veröffentlichte — allerdings nicht repräsentative — Online-Umfrage des Sportmagazins Kicker zeigte ebenfalls verbreitete Ablehnung für die Verkaufspläne. Zwei Drittel der Befragten sind demnach gegen den Einstieg der Finanzinvestoren, einzig bei den Anhängern der Energielimo-Truppe Red Bull Leipzig fand sich eine Mehrheit.

Der deutsche Fußball wurde in einem kürzlich erschienenen Bericht von Enders Analysis als “rückständiger Markt” bezeichnet. Die Studie erwartet, dass die Gesamteinnahmen aus Rundfunkübertragungen im Zeitraum 2021-25 um 7% niedriger ausfallen als im vorherigen Zyklus. Die englische Premier League mit ihren 20 Mannschaften dürfte laut Deloitte in der laufenden Saison über 7 Milliarden Euro an Einnahmen generieren, verglichen mit 3,6 Milliarden Euro für die 18 Bundesliga-Teams.

Für Göttlich steht fest, dass die Liga einen Weg finden muss, um sicherzustellen, dass ein höherer Prozentsatz der heimischen Fans ein Pay-TV-Abonnement abschließt.

“Das Hauptgeschäft für uns ist das nationale Fernsehen. Wir verdienen nicht tonnenweise Geld mit deutschem Fußball in Hawaii, Warum sollten wir auch? Wir müssen evaluieren, was uns mehr Geld einbringt”, sagt der St.-Pauli-Präsident.

Überschrift des Artikels im Original:

Punk-Rock Football Club Rejects Lure of Private Equity Billions

--Mit Hilfe von Eyk Henning.

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