Staatsopern-Premiere: Sehnsucht und Liebe sehen anders aus

Er ist todessüchtig, sie ihm verfallen: Tristan (Andreas Schager) und Isolde (Anja Kampe) in der Staatsoper Unter den Linden

Berlin. In "Tristan und Isolde" gibt es etwas musikalisch Legendäres: den "Tristan-Akkord". Er erklingt gleich zu Beginn des Vorspiels und verkündete bereits 1865 bei der Uraufführung die Aufhebung der vertrauten Tonalität. Richard Wagners Akkord kann keine Erlösung finden. Der Komponist schrieb ihm vor, "langsam und schmachtend" daher zu kommen. Daniel Barenboim färbt ihn in der Staatsoper Unter den Linden etwas anders ein. Bei ihm verströmt der Akkord viel Sehnsucht nach Stabilität, wird zur zaghaft wiederholten Frage, bevor sich die Oper in all ihren Seelenwirren verheddert.

Die Premiere ist zuerst ein Barenboim-Ereignis. Selten ist die Abstimmung zwischen der Staatskapelle und ihrem Chef so intensiv zu erleben, auch wenn die Hörnergruppe nicht den allerbesten Abend erwischt hat. Aus der detailgetreuen Ausdeutung der Partitur mag man die gemeinsamen "Tristan"-Erfahrungen heraushören. Es ist bereits Barenboims dritte Neuproduktion am Hause. Er sucht nicht nach der Wagnerschen Dauerekstase, die einen fünfeinhalbstündigen Abend in Hochspannung halten soll, sondern zeigt sich spielerisch-besonnen in der Wahl von Momentaufnahmen und Tempi.

Der betrogene König wirkt resigniert statt zornig

Seltsam mutet es aber im zweiten Aufzug an, als König Marke das hocherhitzte Paar Tristan und Isolde überrascht. Barenboim lässt plötzlich im Orchestergraben die Zeit stillstehen. Stephen Milling präsentiert sich stimmlich kontrolliert, aber seinem stattlichen Marke fehlt so alle Leidenschaft eines Betro...

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