Stadt der Hiebe: So brutal ist die Pariser Version von "Babylon Berlin"

·Lesedauer: 2 Min.
Die feinen Herrschaften in der Belle Epoque? Abgrundtief verdorben! - "Paris Police 1900" ist das dekadente Porträt einer Gesellschaft im Zerfall, in dem sich Polizei, Geheimorganisationen, Anti-Semiten und unterdrückte Frauen ein letztes Gefecht vor dem Aufbruch in die Moderne liefern. (Bild: Sky / © Tetra Media Fiction/Canal+)
Die feinen Herrschaften in der Belle Epoque? Abgrundtief verdorben! - "Paris Police 1900" ist das dekadente Porträt einer Gesellschaft im Zerfall, in dem sich Polizei, Geheimorganisationen, Anti-Semiten und unterdrückte Frauen ein letztes Gefecht vor dem Aufbruch in die Moderne liefern. (Bild: Sky / © Tetra Media Fiction/Canal+)

Brutal, schonungslos, beängstigend: Die Stadt der Liebe ist in der fesselnden Sky-Serie "Paris Police 1900" ein echtes Dreckloch.

Von wegen "Belle Epoque"! Die feine Pariser Gesellschaft hat anderes zu tun, als sich im Moulin Rouge zu vergnügen. "Paris Police 1900" interessiert sich nicht für die pittoreske Bohème des Montmartre: Die Serie von Fabien Nury schaut in acht gewalttätigen, quälenden und fesselnden Episoden in die Hinterzimmer alter Männer, die sich in einer innerlich verfaulenden Gesellschaft an die Macht klammern, sie ist in den dreckigen Winkeln der Stadt unterwegs, sie zeigt mit aller Drastik die anti-semitische Bedrohung der Dritten Republik. Die französische Variante von "Babylon Berlin" ist ab 14. Juli immer mittwochs in Doppelfolgen bei Sky Atlantic zu sehen.

"Paris Police 1900" räumt gründlich auf mit den Klischees einer sich an sich selbst berauschenden Stadt der Kunst und der Exzesse. Die Serie zeigt ein anderes Paris, eines, das dreckig ist, brutal, bedrohlich. Und sie verschwendet keine Zeit.

Zum Auftakt stirbt der französische Präsident Felix Faure in einem Nebenzimmer des Élyssée-Palastes, während er sich von seiner Mätresse Marguerite Steinheil (Evelyne Brochu) entspannen lässt und sich antisemitisch echauffiert. Eine Szene später werden ein jüdischer Zeitungsverkäufer und sein kleiner Sohn von einem bekannten Journalisten brutal zusammengeschlagen.

Der junge Inspektor Jouin (Jérémie Laheurte) läuft immer öfter fassungslos durch Paris. (Bild: Sky / © Tetra Media Fiction/Canal+)
Der junge Inspektor Jouin (Jérémie Laheurte) läuft immer öfter fassungslos durch Paris. (Bild: Sky / © Tetra Media Fiction/Canal+)

Der Faschismus dräut am Horizont

Im Kommissariat versucht derweil ein ministraler Beamter seine untreue Ehefrau loszuwerden, in den Abwasserkanälen findet die Polizei in einem Koffer eine zerstückelte Frauenleiche, und der junge Inspektor Antoine Jouin (Jérémie Laheurte) deckt eine Verschwörung gegen den Staat auf. Überhaupt: Die Polizei hat viel zu tun in einer Zeit, in der reaktionäre Kräfte zum letzten Gefecht gegen den gesellschaftlichen Wandel mobil machen. Moderne Ermittlungsmethoden und neuartige Apparatschaften (Telefon) halten Einzug, was altgedienten Kommissaren fast so unheimlich ist, wie die erste Rechtsanwältin, mit der sie es zu tun bekommen.

"Paris Police 1900" ist ein faszinierendes Sittengemälde, in dem sich in eleganter Dekadenz historische und fiktive Figuren und Ereignisse vermischen: "Babylon Berlin" nicht unähnlich, porträtiert sie mit drastischen Bildern eine Republik am Abgrund, in der sich nationalistische Kräfte entfalten und gesellschaftliche Skandale jederzeit eine Staatskrise auslösen können.

Die Affäre Dreyfus sendet seit Jahren Schockwellen durch das Land: Der jüdische Offizier wurde fälschlicherweise des Hochverrats bezichtigt, die Aussicht auf seine Rehabilitierung verschärft den antisemitischen Hass, den der Publizist Drumont (Eddie Chignara) und die Brüder Guérin (Hubert Delattre und Anthony Paliotti) schüren. Wenn sie auf der Bühne Ferkel in Uniform schlachten lassen und die Meute zu Mord und Totschlag anstacheln, dräut bereits der Faschismus am Horizont.

Der antisemitsche Volksverhetzter Jules Guérin (Hubert Delattre) hat ein Faible für große Tiere. (Bild: Sky / © Tetra Media Fiction/Canal+)
Der antisemitsche Volksverhetzter Jules Guérin (Hubert Delattre) hat ein Faible für große Tiere. (Bild: Sky / © Tetra Media Fiction/Canal+)
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