Warum sind die Stars aus dem Osten so erfolgreich?

(ln/spot)
Katrin Sass im Erfolgsfilm "Good Bye, Lenin!" (Bild: imago images/Mary Evans)

Corinna Harfouch (65) ist eine rätselhafte Frau. Das heißt: Sie gibt die rätselhafte Frau. Brillant. Es gelingt ihr mühelos, scheinbar widersprüchliche Eigenschaften zu vereinen: hart und zart, sanft und herrisch, klug und naiv, impulsiv und berechnend. Diese Fähigkeit macht sie gleichermaßen anziehend und überzeugend. Sie ist Schauspielerin, eine der besten und wichtigsten in Deutschland. Eine Erfolgsfrau aus dem Osten, aus der DDR.

Katrin Sass (63) ist ebenfalls eine der gefragtesten Schauspielerinnen des vereinten Deutschlands. Vor der Wende war sie eine berühmte Bühnenkünstlerin am Schauspielhaus Leipzig und 1987 in der DDR "Schauspielerin des Jahres." Dann begann ihre Phase der Alkoholsucht, die berühmte Wende am 9. November 1989 habe sie "im Suff" verpennt, bekannte Sass später im "Spiegel".

Längst hat sie mit Filmen wie "Good Bye, Lenin!", mit der mehrteiligen TV-Saga "Weissensee", als gefallene Staatsanwältin im "Usedom-Krimi" und schließlich als Neonazi-Mutter in der Netflix-Serie "Dogs of Berlin" in die Erfolgsspur zurückgefunden. Vor ein paar Wochen habe sie gefeiert, sagte sie dem "Spiegel". Nicht das Ende der DDR vor 30 Jahren, sondern "20 Jahre trocken zu sein."

Beide Frauen verkörpern ein Ost-West-Erfolgsmodell, das es in anderen Branchen so nicht gibt. Schauspieler aus dem Osten Deutschlands haben die Theater- und Film- und TV-Szene des vereinten Deutschlands weitgehend erobert. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November lässt sich feststellen: Auf keinem anderen Gebiet sind Bürger aus Ostdeutschland so erfolgreich wie als Schauspieler.

"In der ersten Liga"

"Gibt es Branchen, in denen sich Ostdeutsche so sichtbar behaupten konnten, wie in der Kunst?", fragte der "Spiegel" - und antwortete: "Wenige sitzen in Vorstandsetagen, keine stehen einem obersten ostdeutschen Gericht vor, keine Hochschule wird von einem Ostdeutschen geleitet. Auf Theaterbühnen und im Fernsehen jedoch sind sie omnipräsent, und viele spielen in der ersten Liga ihres Gewerbes mit."

Einer von ihnen ist auch Sylvester Groth (61). Groth galt früh als Jungstar der DDR und spielte Hauptrollen in den Filmen "Der Aufenthalt" (1982/83) und "Der Schimmelreiter" (1984).

Nach der Wende spielte Groth an den besten Adressen: Münchner Residenztheater, Münchner Kammerspiele, Wiener Burgtheater, Berliner Ensemble und Salzburger Festspiele. 2009 hatte er in Quentin Tarantinos (56) "Inglourious Basterds" in der Rolle des Nazi-Führers Joseph Goebbels einen bemerkenswerten Auftritt. Die gleiche Figur hatte er 2007 in der Hitler-Parodie "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" des Schweizer Regisseurs Dani Levy (61) verkörpert.

Neben Harfouch, Sass und Groth haben sich unter anderem auch Michael Gwisdek, Claudia Michelsen, Henry Hübchen, Simone Thomalla, Götz Schubert, Horst Krause, Jörg Gudzuhn, Ulrike Krumbiegel, Peter Prager, Jörg Schüttauf, Gerit und Anja Kling, Uwe Kockisch, Dagmar Menzel, Peter Sodann, Florian Martens, Wolfgang Stumph, Hermann Beyer oder Rolf Hoppe und Jaecki Schwarz - um nur die bekanntesten zu nennen - nach 1989 in Gesamtdeutschland durchgesetzt.

Wenn man dann noch die Stars dazurechnet, die sich vor 1989 aus der DDR abgesetzt haben (Armin Müller-Stahl, Katharina Thalbach, Manfred Krug, Udo Schenk, Anna Loos, Thomas Thieme etc.) kommt man auf eine beeindruckende Liste.

Zwei herausragende Schauspieler: Jan Josef Liefers und Ulrich Mühe

Ein Solitär in dieser Erfolgsriege ist Jan Josef Liefers (55), der nicht nur mit seiner überaus populären Rolle als Professor Karl-Friedrich Boerne im Münster "Tatort" gesamtdeutschen Kultstatus genießt. Der gebürtige Dresdener, der am 9. November 1989 bei einer Kundgebung eine mutige Rede hielt und danach im "Café Espresso" von einen netten Herrn, der sich später als Geheimdienstchef Markus Wolf entpuppen sollte, zu einem Stück Pflaumenkuchen eingeladen wurde, spielte 2012 die Hauptrolle in der TV-Verfilmung der DDR-Saga "Der Turm" des Dresdener Schriftstellers Uwe Tellkamp (51).

Einer der besten, wenn nicht der beste unter den ostdeutschen Darstellern, war Ulrich Mühe. Er ist 2007 mit 54 Jahren seinem Krebsleiden erlegen, verkörpert aber wie kein anderer die Erfolgsgeschichte ostdeutscher Darsteller. Mühe war bereits vor der Wende ein Theaterstar, der am Deutschen Theater in Ostberlin eng mit dem DDR-Dramatiker und Dramaturgen Heiner Müller (1929-1995) zusammengearbeitet hatte. Einer, der vor 1989 schon mal zwischen Ost und West hin- und herwechseln und Dreharbeiten im Westen wahrnehmen durfte. Fünf Tage vor dem Mauerfall erhob er bei einer Massen-Demo auf dem Alexanderplatz seine Stimme gegen das DDR-Regime.

Nach der Wende spielt er in Hamburg, Berlin, Wien und Salzburg Theater, wird Serienstar im Fernsehen in der Rolle des Gerichtsmediziners Dr. Kolmaar in "Der letzte Zeuge" (ZDF) und brilliert in Helmut Dietls Oscar-nominierten Kinofilm "Schtonk!". 2007 wird "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck (46) mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet. Mühe spielt einen Stasi-Offizier, der einen Theaterschriftsteller abhört, dann aber auf seine Art mit dem DDR-Regime abrechnet.

Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch

Warum sind ostdeutsche Schauspieler so erfolgreich? "Wir beherrschen unser Handwerk", sagt Katrin Sass im "Spiegel". "Wir haben Fähigkeiten, die andere womöglich nicht haben. Und wir verstehen unseren Beruf als Arbeit und weniger als Show." Dem (westdeutschen Regisseur) Wolfgang Becker (65) sei erst jetzt bewusst geworden, "dass ich mehr mit Schauspielern aus dem Osten als aus dem Westen gearbeitet habe", er hebt die "Authentizität" der Ost-Akteure hervor, die für ihr "solides Handwerk" gerühmt werden.

Ein wichtiger Punkt ist die Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, die auf die von Max Reinhardt 1905 gegründete Schauspielschule zurückgeht. Der Ruf der "Ernst Busch" ist legendär, sie gilt als Deutschlands bedeutendste Ausbildungsstätte. Als eine von wenigen Institutionen aus der DDR hat sie die Wendezeit gut überstanden.

Aus der "Ernst Busch" kommen auch jene Stars, die zur Wendezeit noch Kinder oder Jugendliche waren, frische, unverbrauchte Gesichter, die mittlerweile alle zum gehobenen Establishment der gesamtdeutschen Schauspielkunst zu zählen sind: Sandra Hüller, Charly Hübner, Devid Striesow, Maria Simon, Matthias Schweighöfer, Karoline Herfurth, Ronald Zehrfeld oder Fritzi Haberlandt.