Einfach nur traurig: “Tatort: Der Fall Reinhardt”

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An der Wand im Kölner Polizeipräsidium hangt ein Bild von Franziska. Man hat sie nicht vergessen, die ehemalige Assistentin, die beim letzten „Tatort“ aus Köln auf so grausame Weise ums Leben kam. Aber: Ein Nachfolger ist gefunden. Tobias Reisser, gespielt von Patrick Abozen, sitzt erst einmal im Vorzimmer und muss die Laune seiner beiden Chefs ertragen. Und die ist diesmal wirklich schlecht. Wer dachte, viel demoralisierender als dieser „Tatort: Franziska“ neulich könne ein „Tatort“ gar nicht sein, der wird hier eines Besseren belehrt. „Der Fall Reinhardt“ ist großes Fernsehen, an dessen Anfang und Ende schlimme Momente stehen. Eine große Tragödie ist es, die hier erzählt wird.

Ballauf (Klaus J. Behrendt, r.) und Schenk (Dietmar Bär) sind geschockt. Bei einem Brand sind drei Kinder ums Leben gekommen (Bild: WDR/Stratmann).
Ballauf (Klaus J. Behrendt, r.) und Schenk (Dietmar Bär) sind geschockt. Bei einem Brand sind drei Kinder ums Leben gekommen (Bild: WDR/Stratmann).

Es brennt schon zum dritten Mal innerhalb weniger Tage in Köln, doch diesmal geht der Fall an die Mordkommission. Bei dem letzten Anschlag kamen drei kleine Kinder ums Leben. Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) werden gerufen und treffen nur einige Meter vom „Tatort“ auf die völlig verstörte Mutter Karen Reinhardt (Susanne Wolff). Sie steht unter Schock, kann sich an nichts erinnern, und weil das so ist, fällt den beiden Kölner Kriminalern die Aufgabe zu, die Nacht der Tragödie in akribischer Recherche zu rekonstruieren.

Susanne Wolff überzeugt in der Rolle der Mutter Reinhardt (Bild: WDR/Stratmann).
Susanne Wolff überzeugt in der Rolle der Mutter Reinhardt (Bild: WDR/Stratmann).

Früh wird klar, dass die wenigen Aussagen, zu denen die Mutter in der Lage ist, nicht wirklich mit der Realität in Verbindung zu bringen sind. So arbeitet ihr Mann Gerald (Ben Becker) keineswegs, wie von ihr angenommen, bei einer Firma als Luftfahrtingenieur. Vor zwei Jahren schon wurde er dort entlassen. Eine Mitarbeiterin erinnert sich, ihn später noch einmal getroffen zu haben: erkennbar dem Alkohol verfallen. Und auch manch anderen Hinweis bekommen die Ermittler, der darauf hindeutet, dass Gerald Reinhart längst nicht mehr das Leben führt, das ihm einst so viel Glück und Freude beschert hat.

Nick Caves „Ship Song“ erklingt an einer der Schlüsselstellen des Films, am Ende singt Ben Howard „Depth Over Distance“ – zwei wunderbare, melancholische Lieder, die bestens passen zu diesem „Tatort“, der das völlige Gegenteil zu vielen anderen ist, die zuletzt Erfolge feierten. Hier gibt‘s keine Action wie bei Schweiger, keine Comedy wie in Münster, keine überladenen Gesellschaftskritik wie in Bremen. „Der Fall Reinhardt“ beschreibt eine maximale Tragödie und ist doch mitten aus dem Leben gegriffen: Zwei Menschen haben einen Plan. Den Plan von Haus und Kind. Und als das Leben des einen aus den Fugen gerät, setzt sich eine Spirale in Gang, die im Fiasko endet.

Lügt er? - Gerald Reinhardt (Ben Becker) soll bei der Firma Cologne Airtech als Luftfahrtingenieur beschäftigt sein (Bild: WDR/Stratmann).
Lügt er? - Gerald Reinhardt (Ben Becker) soll bei der Firma Cologne Airtech als Luftfahrtingenieur beschäftigt sein (Bild: WDR/Stratmann).

Der erfahrene Regisseur Torsten C. Fischer, traditionell ein Fachmann für leise Töne, liefert mit diesem „Tatort“ ein Bravourstück ab. Dagmar Gabler verfasste die hochemotionale Geschichte dazu. Dass „Der Fall Reinhardt“ aber so bewegendes Fernsehen wurde, liegt zu einem Großteil auch an den beiden Hauptdarstellern Ben Becker und Susanne Wolff. Sie leiden und weinen, lügen und klagen, faseln und schweigen - und in jeder Sekunde fesseln sie den Zuschauer an sich.

Sonntagabend, 20.15 Uhr. Lust auf nette, harmlose Unterhaltung? Bitteschön, im ZDF läuft „Herzkino“ unter dem Titel „Einmal Frühling und zurück“. Bei RTL jagt Brendan Fraser zum x-ten Mal eine Mumie. Und bei ProSieben gibt’s romantischen Actionkram mit Reese Witherspoon. Wer einen schönen Abend haben will, Angebote dafür gibt’s reichlich. Aber: Wer Fernsehen nicht nur sehen will, sondern fühlen, der schaut den „Tatort“. Es ist einer der besten seit langer Zeit …

("Tatort: Der Fall Reinhardt", Sonntag, 23. März, 20.15 Uhr, ARD)