Wie dieses Startup aus Köln nach nur zwei Jahren Millionengewinne macht – ohne Investoren

Das Gründerteam von Anny hat ein Buchungs-Tool gebaut, das auch ohne VC-Finanzierung erfolgreich ist. Im Bild: Oliver Wycisk, Adriaan Wind, Lucian Holtwiesche, Simeon Holtwiesche, Anna-Carina Jodlauk (v.l.) - Copyright: Anny
Das Gründerteam von Anny hat ein Buchungs-Tool gebaut, das auch ohne VC-Finanzierung erfolgreich ist. Im Bild: Oliver Wycisk, Adriaan Wind, Lucian Holtwiesche, Simeon Holtwiesche, Anna-Carina Jodlauk (v.l.) - Copyright: Anny

Nichts ist so wichtig wie Fokus. Das sagen zumindest Investoren und Berater, wenn das Unternehmen auf zu viele Features gleichzeitig setzt. Doch dass das auch funktionieren kann, beweist Anny aus Köln.

Das Startup bietet ein Buchungssystem für alle möglichen Ressourcen an, zum Beispiel für Räume und Schreibtische im Büro, aber auch für Equipment oder die Organisation eines Events. Und trotz des fehlenden Fokus ist es damit erfolgreich: Drei Millionen Euro hat das Startup in der ersten Jahreshälfte 2022 nach eigenen Angaben erwirtschaftet, davon zwei Millionen Euro als Gewinn. Nur zwei Jahre nach der Gründung. Und ohne Investorengelder.

"Wozu braucht man einen Fokus? In welchem Playbook steht das? Alle sehr erfolgreichen Unternehmen sind divers aufgestellt, weil sie damit eine größere Skalierbarkeit erreichen können", sagt Anny-Gründer und -CEO Lucian Holtwiesche im Gespräch mit Gründerszene. Er hat das Startup gemeinsam mit seinem Bruder Simeon und drei weiteren Mitgründern im Jahr 2020 in Aachen gestartet, damals unter dem Namen Bookingbuddy. Mittlerweile sitzt das Unternehmen in Köln.

Zuvor organisierten die Brüder bereits gemeinsam Großveranstaltungen, unter anderem die nach eigenen Angaben größte Pool-Party Deutschlands in Oberhausen. Dabei hätten die Gründer festgestellt, dass es keine Plattform gab, auf der sich mehrere Dienstleister oder Ressourcen über ein einziges System buchen ließen. Also bauten sie dieses Startup dann einfach selbst.

So funktionierte die Finanzierung ohne Investoren

Da Anny bis heute ohne Investorengelder auskommt, haben die Gründer eine andere Finanzierungsstrategie gewählt. "Unser Erfolgsgeheimnis war, dass wir unser Produkt schon verkauft haben, als es noch unvollständig war", so Holtwiesche. "Die Kunden war so stark an dem Produkt interessiert ist, dass er auch in die Entwicklung investierte. So konnten wir unsere komplette Produktentwicklung querfinanzieren." Neben monatlichen Einnahmen für nach eigenen Angaben 2.000 Kunden der SaaS-Lösung, verdient Anny unter anderem auch eine Kommission für Transaktionen.

Ebenfalls geholfen haben soll zu Anfang das Netzwerk des Digital-Hubs Aachen. Der Coworking-Space des Hubs ist Kunde des Startups, später folgten andere Unternehmen aus Aachen, die etwa über Netzwerksevents auf das Startup aufmerksam wurden. "Das Vertrauen ist meistens die Hürde, an der es Anfangs scheitert, wenn ein größeres Unternehmen mit einem Startup zusammen arbeiten soll", so Holtwiesche. "Da hilft das Netzwerk sehr weiter."

Zudem kommt dem Startup zugute, dass es sich nicht einzig auf ein Feature setzt. Zwar habe man zu Beginn besonders auf Coworking-Spaces als Kunden gesetzt und dort Buchungen für Räume und Arbeitsplätze angeboten. Doch mit den arbeitsrechtlichen Einschränkungen durch die Corona-Pandemie fokussierte sich Anny einfach um und bot fortan Buchungslösungen für Impfzentren an.

"Wir sind krisensicher, da wir universell aufgestellt sind. Wir können je nach Marktanforderung schnell unsere Zielgruppe anpassen", so Holtwiesche. "Wenn Corona wieder aufkochen sollte, dann könnten wir bei der Koordination von Impfterminen oder der Regulierung von Kapazitäten etwa durch eine Vorabbuchung helfen."

Seit einigen Monaten sind die Büros wieder offen und auch Anny hat die Offices damit wieder verstärkt im Visier. "Dadurch, dass während Corona das Homeoffice populär wurde, gibt es viele Unternehmen, die die Arbeitsfläche reduzieren", so Holtwiesche. "Zwangsläufig benötigen sie ein Arbeitsplatz-Management, das wir stellen können." Denn wo es mehr Belegschaft als Arbeitsplätze gibt, braucht es zwangläufig eine Lösung, wer wann welche Plätze nutzen darf.

Ein Tool für alle Buchungen

Grundsätzlich will Anny alle Tools und Insellösungen ersetzen, die Unternehmen normalerweise für das Ressourcenmanagement im Einsatz haben: Darunter die Systeme für die Buchungen der Desks, Outlook für die Buchung der Räume, Calendly für die Terminvereinbarung oder Personio, um Vorstellungsgespräche zu organisieren.

Den Millionenumsatz und -gewinn haben die Gründer bereits erreicht, jetzt setzen sie auf internationales Wachstum. "Wir haben die Grundmotivation zu wachsen und das Potenzial der Digitalisierung außerhalb Deutschlands ist enorm", so Holtwiesche. Bis Mitte nächsten Jahres wolle man in andere Länder Europas expandieren und bis Jahresende das Team von 30 auf 40 Mitarbeiter erhöhen.

Anny in guter Position für Investorensuche

Und auch auf Investoren geht das Startup derzeit verstärkt zu. Anny kommt dabei zugute, dass sich die VC-Landschaft gerade im Umbruch befindet. Geschäftsmodelle, die auf Wachstum ohne Umsätze setzen, sind nicht mehr beliebt bei den Geldgebern. Anny sieht sich deshalb in einer guten Verhandlungsposition mit den Investoren: "Gerade brauchen wir die Mittel nicht. Daher ist es für uns vor allem jetzt interessant, eine Runde zu planen und in die Gespräche zu gehen."

Von den Investoren erhofft sich Anny allerdings mehr als nur Kapital. "Bei einer Finanzierungsrunde sammelt man nicht nur Geld ein, sondern zeigt auch, dass man Potenzial hat, weiter zu wachsen", so Holtwiesche. Es sei ein wichtiger Vertrauensfaktor, unter anderem für die Teammitglieder, neues Personal, Kunden und Partner.

Das sei auch der Grund, warum das Startup bisher so offen war, die eigenen Geschäftszahlen zu vermelden. Denn die stärken das Vertrauen ebenso wie Geld von Außen, sagt der Gründer.

„Wir haben viele Fuck-ups durchgemacht"

Ohne Fehler sei das Unternehmen trotzdem nicht durch die Gründung gekommen. „Wir haben viele Fuck-ups durchgemacht", so Holtwiesche. Eines davon: Das Startup habe schon bei der Gründung versäumt, eine Holding-Struktur einzuführen. "Wir haben erst spät die Wichtigkeit einer solchen Struktur erkannt, sodass wir mit viel bürokratischem Aufwand und hohen Kosten das Startup einmal umkrempeln mussten."

Langfristig geschadet hat der Fehler anscheinend nicht. Denn den Erfolg kann man der Jungfirma derzeit nicht wegdiskutieren.