stern TV: Nach dem Saufgelage der Zynismus

Zynischer geht Fernsehen nicht: Direkt nach dem Beitrag über Tierquälerei in Geflügelmastbetrieben kommt bei stern TV der “ultimative Bratwursttest”.

Ein Wehensimulator, besoffene Radfahrer, Tierquälerei in Mastbetrieben und am Ende ein Bratwursttest – bei stern TV ist man sich für keine Themenmischung zu blöd – und zeigt gleichzeitig, wie egal dieser Sendung jedes einzelne Thema eigentlich ist. So geht deutscher Fernsehzynismus.

Los gehts bei stern TV am Donnerstag mit einem Hausbesuch. Der Reporter trifft Monja Kingerter. Die schwangere Frau möchte ihrem Mann eins auswischen. Weil der ihre Angst vor den Wehen bei der baldigen Geburt ihres ersten Kindes nicht ernst nimmt, will sie ihn an einen Wehensimulator anschließen. Und weil das natürlich ein teuflischer Plan ist, blendet die Redaktion der Frau wiederholt ganz subtil Teufelshörner über dem Kopf ein. Teuflisch – Teufelshörner. Kapiert?

Ihr Mann Gaylord (sic!) willigt auf das Experiment ein und lässt sich über ein paar Elektroden kurz Schmerzen durch den Körper jagen. Und weil das ja eine gute Klammer für die ganze Sendung ist, lädt ihn der Reporter ins Studio ein, wo er eineinhalb Stunden lang das ganze „Wunder der Geburt“ erleben soll. Schon am Anfang wird also klar: die Sendung wird ungefähr so unterhaltsam und informativ wie ein Gespräch am Ende eines Junggesellenabschieds.

Gekrümmt vor Schmerz: Gaylord am Wehensimulator (Foto: Facebook/stern TV)

Als Gaylord Kingerter unter Aufsicht einer Hebamme und zweier Sanitäter fachgerecht an den Wehensimulator im Studio angeschlossen ist, leitet Steffen Hallaschka zum ersten Thema des Abends über: Saufen und Radfahren. Er sei als Teenager einmal betrunken mit dem Fahrrad gestürzt, erzählt er und fragt in den Raum, ob die Promillegrenze von 1,6 bei Fahrradfahrern nicht viel zu hoch sei. Um das zu klären, folgt dann ein Beitrag, in dem eine Gruppe Studenten in einer Turnhalle der Uni Mainz betrunken Fahrradprüfungen ablegt – „im Zeichen der Wissenschaft“, das kann Hallaschka gar nicht oft genug betonen.

Am Ende folgt der pure Zynismus

Nach diesem hochakademischen Ausflug geht es dann zuerst einmal zurück in den Wehensimulator. Der junge Mann krümmt sich schon ein wenig auf der Krankenbahre – und das, obwohl er erst bei Stufe zwei von zehn angekommen ist. Es bleibt also spannend.

Was dann folgt, ist der einzige ernstzunehmende Beitrag des Abends. Es geht um Hähnchenmastbetriebe und darum, wie schlecht dort mit den Tieren umgegangen wird. Die Tierrechtsgruppe „Animal Equality“ hat nachts gefilmt, im Beitrag versucht stern TV die Verantwortlichen zu stellen – was natürlich scheitert. Zurück im Studio beendet Hallaschka den Themenblock mit dem Aufruf, dass man beim Fleischkaufen bewusster vorgehen solle. An diesem Punkt möchte man fast “Bravo” sagen.

Grausame Bilder aus einer Massentierhaltung (Foto: Facebook/stern TV)

Wie ernstgemeint dieser Aufruf allerdings ist, zeigt das Magazin mit dem letzten Beitrag des Abends. Im „ultimativen Bratwursttest“ soll die beste Grillwurst des Landes gekürt werden und von bewusstem Fleischkauf ist auf einmal keine Rede mehr. Zwei Discountwürste gewinnen den Geschmackstest – denn nur darauf kommt es anscheinend an – und die Konsumenten können sich freuen, dass sie für ihren Grillnachmittag kaum Geld ausgeben müssen. Darüber, dass dabei Küken zu Schaden kommen, müssen sie sich keine Sorgen machen. Alle Bratwürste sind aus Schweinefleisch. Und Schweine sind ja schließlich keine Tiere. Zynischer geht Fernsehen kaum.

Ah, und ja: Gaylord Kingerter hat am Ende es bis zur Stufe 10 des Wehensimulators geschafft. Ist ja wichtig zu wissen, in dem Paralleluniversum, in dem sich stern TV bewegt. (jl)

Foto: RTL

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