Luftqualität in Deutschland wird besser - viele Städte aber weiter über Grenzwert

Messstellen in Stuttgart

Weniger Feinstaub und weniger Stickstoffdioxid: Die Belastung der Luft mit Schadstoffen unter anderem durch den Autoverkehr hat sich in im vergangenen Jahr deutschlandweit gebessert. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bezeichnete die aktuellen Messwerte am Dienstag als "erfreulich". Nach Einschätzung der Wirtschaft verlieren Fahrverbote damit an Bedeutung - Umweltschützer mahnen hingegen, dass es noch keine Entwarnung gebe.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) ging die Belastung mit Stickstoffdioxid (NO2) 2019 deutschlandweit zurück. Der Grenzwert von 40 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft wurde 2019 im Jahresmittel nur noch an rund 20 Prozent der verkehrsnahen Messstationen überschritten, im Jahr zuvor war dies noch an 42 Prozent der Messstellen der Fall.

Dies zeige, "dass Umweltpolitik wirkt", erklärte UBA-Präsident Dirk Messner. Bund, Länder und Kommunen, die viel für bessere Luft investiert hätten, könnten den Erfolg nun an den niedrigeren Messwerten ablesen.

Etliche deutsche Städte liegen allerdings weiterhin über dem Grenzwert. Aktuell sind es 19, wenn alle Daten ausgewertet seien, könnte die Zahl aber noch auf 25 bis 30 Städte steigen, erklärte Messner.

Hauptquelle der Stickstoffoxide in Städten ist dem Umweltbundesamt zufolge der Straßenverkehr und hier vor allem der Ausstoß von Diesel-Pkw. Problematisch sind die Gase vor allem für empfindliche oder vorgeschädigte Menschen wie Asthmatiker und Ältere. Stickoxide wirken reizend auf Schleimhäute in den Atemwegen und der Lunge.

Die höchste Grenzwertwert-Überschreitung gab es den bislang vorliegenden Daten zufolge in München. Dort wurden 63 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel gemessen. Dahinter folgen Stuttgart mit 53 Mikrogramm, Kiel mit 49 Mikrogramm, Berlin, Hamburg (jeweils 48) und Heilbronn (47). Für Stuttgart wurde dabei der deutlichste Rückgang verzeichnet: 2018 hatte der Jahresmittelwert dort noch bei 71 Mikrogramm gelegen.

Dass für 2019 insgesamt ein Rückgang der mittleren NO2-Konzentrationen verzeichnet wurde, lässt sich nach Angaben von UBA-Präsident Messner auf mehrere Faktoren zurückführen. Er nannte "lokale Maßnahmen" wie Tempolimits, Fahrverbote oder den Einsatz schadstoffärmerer Busse, aber auch Software-Updates sowie die Erneuerung der Fahrzeugflotte und Wettereinflüsse.

Beim Feinstaub verzeichnete das UBA für 2019 die geringste Belastung seit Beginn der Messungen Ende der 90er Jahre. Dies sei im Sinne des Gesundheitsschutzes allerdings "leider noch nicht ausreichend", erklärte Messner - eingehalten werden müssten die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen, deutlich niedrigeren Grenzwerte.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) begrüßte, dass die neuen Zahlen zur Luftqualität "besser als erwartet" ausgefallen seien. "Fahrverbote verlieren dadurch zum Glück an Bedeutung, die Grenzwerte können durch nachhaltigere Mittel unterschritten werden", erklärte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Nun könnten sich die Städte auf die drängenden Aufgaben für eine "nachhaltige Mobilitätswende" konzentrieren - etwa durch digitale Verkehrssteuerung, besseren ÖPNV und alternative Antriebe.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund reagierte ebenfalls mit Erleichterung. "Jetzt zeigt sich, dass die in vielen Kommunen eingeleiteten Maßnahmen zur Schadstoffreduzierung zu wirken beginnen", sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Zugleich kritisierte er: "Viel zu lange haben wir in Deutschland im allgemeinen Konsens die autogerechte Stadt als Ziel gehabt."

Unionsfraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) erklärte, der "erfreuliche Trend" bei der Luftqualität bestätige den Weg seiner Fraktion: "Gezielte Nachrüstungen von Fahrzeugen, sinnvolle staatliche Förderungen von innovativen Verkehrssystemen und Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr - und keine pauschalen Fahrverbote, mit denen die Bürger gegängelt werden und die der Wirtschaft schaden."

FDP-Fraktionsvize Frank Sitta forderte angesichts der neuen Zahlen, "Fahrverbote und die Gängelung der Bürger" müssten beendet und die "kalte Enteignung der Dieselfahrer" rückgängig gemacht werden.

Der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland mahnte hingegen, die Belastung sei vielerorts immer noch zu hoch. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland bezeichnete die Luftqualität weiter als "gravierendes Problem". Die Deutsche Umwelthilfe forderte verbindliche Hardware-Nachrüstungen für alle Diesel-Fahrzeuge der Abgasstufe Euro 5 und 6.