Stiko-Chef bei "Lanz": "Long-Covid ist kein Krankheitsbild der Kinder"

·Lesedauer: 3 Min.
Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission Prof. Dr. Thomas Mertens sieht die Impfung von Kindern gegen das Coronavirus kritisch. (Bild: ZDF / Screenshot)
Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission Prof. Dr. Thomas Mertens sieht die Impfung von Kindern gegen das Coronavirus kritisch. (Bild: ZDF / Screenshot)

Sollten Kinder gegen das Corona-Virus geimpft werden? Prof. Dr. Thomas Mertens sprach sich bei "Markus Lanz" dagegen aus.

Müssen die Schulen im Herbst wieder schließen? Diese Frage beschäftigt Eltern wie Kinder in Deutschland. Ein Ausweg aus dem Dauermodell mit Wechselunterricht und Homeschooling scheint die Corona-Impfung. Der Impfstoff von Biontech/Pfizer ist immerhin schon für die Über-Zwölfjährigen zugelassen. Doch sollte man gesunde Jugendliche wirklich immunisieren? Diese Frage diskutierte Markus Lanz in seiner gleichnamigen ZDF-Sendung am Donnerstag. Der Chef der Ständigen Impfkommission (Stiko), Prof. Dr. Thomas Mertens, lehnte dies ab.

Bei der Impfempfehlung für Kinder gelte es drei Dinge zu berücksichtigen, sagte er: "Erstens: Brauchen die Kinder als Kinder die Impfung für ihre Gesundheit?" Dies sei eine wichtige Frage, die im Vorfeld der Zulassung "erstaunlicherweise" überhaupt nicht in der Politik diskutiert worden sei. Man habe weltweit die Literatur und auch die Situation in Deutschland studiert, sagte Mertens: "Dabei ist sehr klar herausgekommen, dass die Krankheitslast Covid-19 für die Kinder dieser Altersgruppe, von der die Rede ist, keine wesentliche Rolle spielt." Auch zum berühmten Long-Covid-Syndrom gebe es in der weltweiten Literatur keine brauchbaren Daten.

Markus Lanz (links) diskutierte am Donnerstag mit folgenden Gästen (von links): Dem Co-Vorsitzende der SPD Norbert Walter-Borjans, der SZ-Redakteurin Cerstin Gammelin, der Kinder- und Jugendmedizinerin Dr. Stefanie Schwarz-Gutknecht und dem Virologen Prof. Dr. Thomas Mertens. (Bild: ZDF / Screenshot)
Markus Lanz (links) diskutierte am Donnerstag mit folgenden Gästen (von links): Dem Co-Vorsitzende der SPD Norbert Walter-Borjans, der SZ-Redakteurin Cerstin Gammelin, der Kinder- und Jugendmedizinerin Dr. Stefanie Schwarz-Gutknecht und dem Virologen Prof. Dr. Thomas Mertens. (Bild: ZDF / Screenshot)

"Zu Long-Covid in dieser Altersgruppe wissen wir praktisch nichts"

Wenn man eine solche Studie machen wolle, bräuchte es zwei Gruppen von Kindern, die die Pandemie unter den gleichen widrigen Bedingungen erlebt hätten: im Lockdown zu Hause, mit Homeschooling in einer Etagenwohnung mit fünf Personen zum Beispiel. In der Schweiz sei eine solche Studie durchgeführt worden: "Und was ist da herausgekommen?", fragte Mertens: "Die Krankheitslast des sogenannten Long-Covid ist bei denen, die infiziert worden waren, und denen, die nicht infiziert worden waren, praktisch gleich." Man könne also nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass die Symptomatik auf die Virusinfektion zurückzuführen sei. Mertens wurde deutlich: "Zu Long-Covid in dieser Altersgruppe wissen wir praktisch nichts." Die Schweizer Studie sage sogar: "Das ist eigentlich kein Krankheitsbild der Kinder".

Daran anschließend nannte der 71-Jährige die zweite wichtige Frage: "Ist die Impfung sicher genug für die Kinder?" Bei Krankheiten wie Ebola läge die Letalität bei 60 Prozent. Hier spielten Nebenwirkungen einer Impfung natürlich eine geringere Rolle. Bei der Corona-Impfung sei dies anders: "Die Zulassungsstudie mit den 1.131 Kindern, die geimpft worden sind, gibt keine Aussage her über mögliche Nebenwirkungen", erklärte Mertens. Eine neue Studie aus den USA käme sogar zu dem Ergebnis, dass das Risiko für eine Herzmuskelentzündung bei dieser Altersgruppe besonders hoch sei. "Das sind die Dinge, die wir bedenken müssen", sagte Mertens. "Denn es geht uns allen ja am Ende um die Gesundheit der Kinder."

Erwachsene sollen sich impfen lassen

Die letzte Frage sei schließlich, welche Auswirkungen die Durchimpfung aller Kinder auf die Entwicklung der Pandemie habe. Natürlich gebe es mehr Infektionen, wenn Kinder nicht geimpft würden. "Und wir haben auch etwas mehr Hospitalisierung, nicht bei den Kindern, aber in der Gesamtbevölkerung, und wir haben wenige mehr Todesfälle", so Mertens. "Aber nur unter der Voraussetzung, dass wir nicht die Erwachsenen durchimpfen." Deshalb plädierte der Stiko-Chef an die Erwachsenen, sich im Sommer möglichst vollständig impfen zu lassen: Mit einer 75-prozentigen Durchimpfungsrate gebe es eine Chance, die nächste Welle abzuflachen.

Zuletzt wollte Lanz noch vom Virologen wissen, ob er seine Enkel impfen lassen würde. "Nein, gesunde Kinder würde ich jetzt im Augenblick nicht impfen lassen", erklärte Mertens und rüffelte indirekt den Moderator: Es sei "grotesk" anzunehmen, dass er als Großvater eine andere Auffassung vertrete, die sich nicht mit den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen deckt.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.